Im Kino: Der kleine Nick Sabotage erlaubt

"Der kleine Nick" findet alles prima: seine Kumpels, seine Eltern, die bezaubernde Klassenlehrerin. Verrät Frankreich mit diesem Konformisten nicht seine großen Außenseiter?

Von Rainer Gansera

Flüchten sich die Franzosen in Retronostalgie und Kleinstadtidylle? Verkriechen sie sich in Sehnsuchtsvergangenheiten, in denen es noch keine Drogen, keine Integrationsprobleme, keine Vorortkrawalle gab? Seit dem erstaunlichen Erfolg von Laurent Tirards Der kleine Nick/Le petit Nicolas, der in Frankreich 5,5 Millionen Zuschauer hatte, stehen solche Fragen im Raum.

In den fünfziger Jahren haben der Texter René Goscinny und der Illustrator Jean-Jacques Sempé den rasch zum Klassiker avancierenden Nick erfunden. Lausbubengeschichten sind das, deren raffiniert naiven Erzählton aus Kinderperspektive die neue Realverfilmung schön getroffen hat. Zwischen Postkartenbuntheit und anekdotischer Präzision, also zwischen Jean-Pierre Jeunet und Jacques Tati bewegt sich der pikturale Stil des Regisseurs Tirard.

Der achtjährige Nick (Maxime Godart) findet alles prima: seine Kumpels in der Grundschule, seine Eltern, die Klassenlehrerin (bezaubernd: Sandrine Kiberlain). "Prima" ("chouette") ist sein Lieblingswort. Es wird naiv ausgesprochen, ruft aber allerlei satirische Echos hervor.

Wenn Nick die Schulaufsatzfrage "Was willst du später einmal machen?" beantworten soll, fällt ihm nichts ein - denn er findet alles prima, gerade so wie es ist: "Ich weiß, warum ich nicht weiß, was ich später machen will". Tirard kleidet Nick in die Tricolore-Farben: roter Pullover, weißes Hemd, blaues Sakko. Ist der Alles-prima-Nick "nationales Sinnbild" und exemplarischer Held? Verrät Frankreich mit diesem Konformisten nicht seine großen Außenseiter-Figuren und Freiheitshelden: den Barrikadenstürmer, den Clochard, den leidenschaftlich dissidenten Dichter in Gestalt des "poète maudit"?

In den Nick-Geschichten steckt - in sanft-kindlicher Variante - ein Antimodernismus, der in Frankreich eine lange Tradition hat, der aber nie nur dumpfe Rückwärtsgewandtheit war. Immer liegt darin auch eine Behauptung des Eigensinns, der personalen Charakteristik, die sich gegen den Konformismus der Maschinerie und der Macht sträubt.

Modernisierungsgewinner versus Retro-Sehnsucht

Wie in Jacques Tatis "Mon oncle", der programmatisch französischen Antimodernisierungs-Komödie. Die lächerlichen Neureichen spreizen sich da in ihrer aseptischen, mit dem Lineal gezogenen Welt aus Kunststoff, Beton und Einbauküche auf. Die Kinder aber entdecken das alte, verwinkelte Viertel, in dem es noch nachbarschaftliche Nähe gibt.

Auch Nicks Eltern sind von Aufsteigerambitionen angetriebene Modernisierer. Papa und Mama jagen den Fetischen der Wirtschaftswunderzeit hinterher: dem Automobil (auch die Mutter muss den Führerschein machen), dem Fernseher, dem Einkauf im Supermarkt.

Vielleicht war es in dieser Epoche zum letzten Mal möglich, dass sich Kleinbürger "progressiv" als Modernisierungsgewinner fühlen konnten. Heute rollt die Globalisierung über alles hinweg, da bleibt nurmehr der Affekt einer Retro-Sehnsucht, wie sie auch in anderen Kinoerfolgen der letzten Zeit beschworen wurde: in Jean-Pierre Jeunets Die fabelhafte Welt der Amélie etwa, oder in Dany Boons Willkommen bei den Sch'tis.

Boon entdeckte im Norden, im finstersten und kältesten Hinterzimmer Frankreichs, wo die Wurst- und Käsespezialitäten ebenso grobschlächtig und grotesk klingen wie der Dialekt, den geheimen Schatz des Franzosentums: die nachbarschaftliche Solidarität.

Willkommen bei den Kids

Der kleine Nick könnte auch Willkommen bei den Kids heißen. Er hat diese Kindernaivität, die alles zum Spiel macht und Sabotage an der Erwachsenenwelt erlaubt. Das ist die Fluchtlinie des Films und zugleich die Perspektive, aus der er seine Poesie gewinnt.

Nostalgie ja - aber so, wie sie jede gute Jungscliquen-Story bietet: Was den Einzelnen zum Außenseitern stempeln könnte - dass er vermeintlich zu dick, zu dumm, zu faul sei - wird zum Signum des Zusammenhalts. Die Kinder erschaffen die Utopie, und die Fünfziger-Jahre-Nostalgie bleibt Kulisse.

Im Panorama der Jungs ragt eine Figur heraus, die besonders liebevoll gezeichnet ist: Chlodwig, der ewige Loser und Träumer. Sobald er in der Schule aufgerufen wird, geht er gleich freiwillig ins Eck. Von ihm kann man sich gut vorstellen, dass er sich später einmal zum typisch französischen Außenseiter entwickelt, zum Clochard oder zum Poeten - oder dass er, spätestens im Mai '68, unter dem Pflaster den Strand entdecken wird.

DIE LIEBE DER KINDER, D 2007 - Regie, Buch: Franz Müller. Kamera: Christine A. Maier. Musik: Tobias Ellenberg, Daniel Backes.Schnitt: Stefan Stabenow. Mit: Marie-Lou Sellem, Alex Brendemühl, Katharina Derr, Tim Hoffmann, Michael Sideris, Katharina Linder. 2pilots, 86 Minuten.