Im Kino: Betty Anne Waters Gefängnis der Liebe

Hillary Swank greift in "Betty Anne Waters" zur Selbsthilfe gegen die unzulängliche Justiz: ein Film über die Auferstehung der Familie als pragmatischer Verbund.

Von Fritz Göttler

Diese Frau kann doch nicht bei Verstand sein, Betty Anne Waters, aus dem Städtchen Ayer, Massachusetts, achtzehn Jahre hat sie darauf verwendet, um ihren Bruder Kenny aus dem Gefängnis zu holen. 1983 wird er wegen Mordes verurteilt, lebenslang, zwei Frauen machen belastende, offenbar falsche Aussagen im Prozess, er hat dieselbe Blutgruppe wie das Blut am Tatort. Ein grausamer Mord, mit dem der Film uns unvermittelt konfrontiert, blutverschmiert die Küche, das Schlafzimmer, "dreißig Messerstiche im Körper, der Kopf eingeschlagen, bis es das Gehirn herausdrückte ..."

Eine wahre Geschichte: Betty Anne macht ihren Schulabschluss nach, studiert Jura, recherchiert erneut die Fakten und Beweise im Fall des Bruders, nach einiger Zeit unterstützt vom Innocence Project, das sich um unschuldig Verurteilte bemüht. Inzwischen haben die DNS-Analysen sich etabliert und Kennys Unschuld könnte durch einen Test erwiesen werden - aber nun scheint das Beweismaterial von damals im Polizeiarchiv nicht mehr auffindbar zu sein. Im Juni 2001 aber wird Kennys Urteil schließlich revidiert, er kommt wieder frei.

"Menschen, die außergewöhnliche Sachen tun", sagt Regisseur Tony Goldwyn, der auch als Schauspieler bekannt wurde, "erscheinen im Allgemeinen unzurechnungsfähig, wenn sie sie tun. Keiner, der vernünftig ist, hätte getan, was Betty Anne tat." Conviction (so der Originaltitel) ist nach 72 Stunden/The Next Three Days von Paul Haggis, in dem der Geschichtslehrer Russell Crowe seine Frau gewaltsam aus dem Gefängnis in Pittsburgh befreit, der zweite Film in wenigen Monaten, in denen amerikanische Bürger zur Selbsthilfe greifen gegen eine unzulängliche, unfähige Justiz.

Auch der Bruder Kenny ist kein angenehmer, ungefährlicher Typ, er hat seine exzessiven Momente, in denen Vitalität, Verzweiflung und Zuneigung sich unauflöslich verbinden, wie man es oft erlebt hat in Melos aus den amerikanischen Kleinstädten, angefangen mit Douglas Sirk bei der Universal. Mit seinem Töchterchen tanzt Kenny in einer Discobar, ein Mann redet sie dumm an, er schlägt ihn blutig, wenig später präsentiert er schon wieder albern und ordinär den Tanzenden seinen nackten Hintern.

Das riskanteste Gebiet der Lebenserfahrung

Als er verhaftet wird, mag Kenny das nicht glauben, er stellt sich naiv und weigert sich mitzukommen. Er schneidet gerade einen Baum vor dem Haus des Großvaters, hat eine Motorsäge in der Hand, sagt Sweetheart zu der Polizistin, die ihn holen will - es ist Melissa Leo, die dieses Jahr den Oscar als beste Nebendarstellerin gewann in The Fighter. Eine Spannung ist zu spüren zwischen beiden, leg die Motorsäge weg, sagt sie verbissen, und das ist alles auf eine traurige, hoffnungslose Weise sexuell aufgeladen.

Eine Liebesgeschichte, sagt Regisseur Goldwyn, die ihre eigene emotionale Logik entwickelt. "Das Gebiet der zärtlichen Kraft, das riskanteste Gebiet der Lebenserfahrung", hat es Alexander Kluge mal umschrieben, der listige Erforscher der Liebe und ihrer Labyrinthe - dem Anwalt Kluge könnte das gefallen, diese Liebesgeschichte, die über achtzehn Jahre sich entwickeln muss.

Die schönste denkbare Liebe, die zwischen Schwester und Bruder, in der Kindheit wurden die zwei zusammengeschweißt, wie im Märchen, in Jahren des Unglücks, das gibt den Blicken von Hilary Swank und Sam Rockwell, als Betty Anne und Kenny, eine unglaubliche Härte und Sanftheit zugleich. Die Kinder sind nicht wirklich gewollt im Elternhaus, im Spiel suchen sie sich andere Bleiben, brechen ein und schaffen sich eine Fiktion von Häuslichkeit. Eines Tages werden sie abgeholt, in verschiedene Kinderheime gebracht.

Die amerikanische Gesellschaft ist um die Familie konzentriert, das fängt mit der Pionierzeit, dem Western an, aber sie tut das, indem sie den Mythos der Familie zerstört. Der Ehemann lässt Betty Anne im Stich - aber Minnie Driver kommt dazu als Studienfreundin, und Barry Scheck vom Innocence Project, auch die zwei Söhne sind Partner und Kumpel, zuverlässig, eigenständig, unsentimental. Die Auferstehung der Familie als pragmatischer Verbund.

CONVICTION, USA 2010 - Regie: Tony Goldwyn. Buch: Pamela Gray. Kamera: Adriano Goldman. Schnitt: Jay Cassidy. Mit: Hilary Swank, Sam Rockwell, Minnie Driver, Juliette Lewis, Peter Gallagher, Melissa Leo, Owen Campbell, Conor Donovan. Tobis, 107 Minuten.