Im Interview: Chilly Gonzales In Schönheit scheitern

SZ: Und wenn sie es nicht sehen? Wenn Sie merken, dass Sie das Publikum verlieren?

Gonzales: Dann versuche ich, in Schönheit zu scheitern. Ich sage mir: Jetzt, wo ich schon wieder ganz unten angekommen bin, nutze ich die Zeit, die mir auf der Bühne bleibt, um etwas zu lernen. Ich probiere also etwas ganz Neues, Seltsames aus. Manchmal kann man ein Konzert auf diese Weise sogar noch retten. Manchmal nicht.

SZ: Wann sind Sie das letzte Mal auf der Bühne untergegangen?

Gonzales: Kürzlich, auf einem Festival in Sofia. Es war allerdings sehr dumm von mir, dort überhaupt den Kampf aufzunehmen. Es war schon viel zu spät, und eine Klavier-Show war zu dem Zeitpunkt nicht mehr das Richtige. Es hörte niemand mehr zu.

SZ: Und Sie sind komplett durchgedreht?

Gonzales: So ungefähr. Ich habe angefangen, das Publikum zu beschimpfen. Ich habe ihnen erzählt, dass mein Vater im Dienst für die bulgarische Armee gestorben ist und dass ich nicht verstehe, warum ich jetzt so schlecht von ihnen behandelt werde. Und dass ich nicht wirklich böse sei, weil sie nicht wissen könnten, wie man in der westlichen Welt Entertainer behandelt.

SZ: Wie viele Zuschauer waren da?

Gonzales: Um die tausend.

SZ: Haben Sie wenigstens ein paar von denen zurückgewinnen können?

Gonzales: Keine Chance. Die meisten hatten ja nicht einmal mitbekommen, dass ich auf der Bühne war. Es ging nur noch darum, meinen Ruf bei den vielleicht fünfzehn echten Gonzales-Fans im Publikum zu retten. Es gibt im Englischen übrigens einen Begriff dafür: Cutting your losses. Was sind die zwei wichtigsten Dinge, wenn der Kampf unwiderruflich verloren ist? Die Würde bewahren und die treuesten Mitstreiter nicht verlieren.

SZ: Verhält sich das Publikum eigentlich je nach Land sehr verschieden?

Gonzales: Ein bisschen. In New York funktioniert jüdischer Humor besser als in Deutschland oder in, sagen wir, Beirut.

SZ: Gibt es deutsche Eigenheiten?

Gonzales: Während der Show nicht. Unterschiedlich sind die Menschen, denen man nach der Show begegnet. In Deutschland gibt niemand ein Kompliment, ohne nicht auch etwas zu kritisieren. In Frankreich wird dagegen überhaupt nicht kritisiert. Man fühlt dort das monarchische Erbe.

SZ: Das monarchische Erbe?

Gonzales: Ja. Der Franzose kommt hinterher auf mich zu und ruft: "Oh, mais bravo, mais bravo, génial!" Der Deutsche sagt: "Hm, der Anfang war sehr gut, der Mittelteil war langweilig, das Ende war wieder gut. Alles in allem hat mir die Show in Köln besser gefallen." Im Grunde liebe ich aber jedes Publikum.

SZ: Ach, kommen Sie.

Gonzales: Nein, nein, verstehen Sie mich richtig! Wenn es nicht läuft, hasse ich nur mich selbst dafür. Ich bin Kapitalist. Der Kunde hat immer recht. Ich versuche, mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, meinem Publikum zu gefallen.

SZ: Kann gutes Entertainment ironisch sein?

Gonzales: Selbstverständlich. Ironie ist, wenn das Publikum mehr weiß als die Figuren auf der Bühne. Ein Beispiel: Wir wissen, dass Ödipus seine Mutter liebt. Er weiß es nicht. Wir wissen mehr als er und bemitleiden ihn. Das ist Ironie. Bei mir ist es anders. Ich weiß mehr als das Publikum. Von mir gibt es das Gegenteil von Ironie. Ich weiß alles, ich weiß, was ernst gemeint und was geschwindelt ist. Sie dominieren Ihr Publikum? Nun, ich bin ein Showman, ein Illusionist. Ich kreiere eine wunderschöne Lüge. Deshalb liebe ich den Film. Francis Ford Coppola hat einen Film über die Mafia gemacht, aber deshalb erwartet niemand, dass er auch Mitglied der Mafia sein muss. Warum müssen Musiker eigentlich immer authentischer sein als Regisseure?

Das komplette Interview lesen Sie in der SZ am Wochenende vom 25.09.2010