Im Gespräch: Mana Neyestani Mit Glück: Gefängnis

Mana Neyestani ist einer der wichtigsten politischen Karikaturisten des Iran. Er war im Evin-Gefängnis inhaftiert, bevor ihm die Flucht nach Malaysia gelang. Auch dort ist er nicht in Sicherheit. Ein E-Mail-Interview über Humor in Diktaturen.

Interview: Alex Rühle

SZ: Herr Neyestani, haben die iranischen Behörden Humor?

Neyestani: Sie sind begabt darin, komische Situationen zu erzeugen, aber sie sind nicht dazu in der Lage, dann darüber zu lachen. Das Rezept lautet: Ziehe sehr dumme Sachen mit bierernster Miene durch. Behaupte laut, es gebe in Iran Redefreiheit - und schließe am selben Tag mehrere reformistische Zeitungen. In diesen paradoxen Momenten erinnern sie mich an Peter Sellers in seiner Rolle als Inspektor Clouseau. Der hat sich auch immer so furchtbar ernst genommen und dabei nur Chaos erzeugt.

SZ: Sie selbst sitzen als politischer Flüchtling in Malaysia und...

Neyestani: In gewisser Weis ist das grotesk. Ich würde mich eigentlich gar nicht als genuin politischen Menschen bezeichnen. Ich interessiere mich leidenschaftlich für Kino, Malerei, Comics, Literatur. Aber da in Iran alle Lebensaspekte kontrolliert werden, ist auch jede Abweichung von der Norm sofort hochpolitisch.

SZ: Dazu passt, dass Sie gerade eine Graphic Novel über eine Teheraner Familie namens Dargir fertiggestellt haben.

Neyestani: Der Name sagt es schon. Dargir bedeutet "In der Klemme" oder "Involviert sein". Es geht um ganz normalen Alltag. Aber der ist bei uns immer politisch. Wer in Iran denkt, er habe ein Privatleben oder ein Recht auf Freiheit, gilt schon als Oppositioneller.

SZ: Sie selbst sind durch eine harmlose Zeichnung "in die Klemme" geraten.

Neyestani: Ich habe früher die Jugendseiten des Jom'eh-Magazins betreut. Im Mai 2006 habe ich ein Bild gemalt, auf dem ein Junge mit einer Kakerlake redet. Die Kakerlake versteht ihn nicht und fragt: "Na-ma-na?" Das Wort stammt ursprünglich aus dem Aserbaidschanisch-Türkischen, aus der Sprache der Aseri, die im Nordwesten Irans leben. Es bedeutet aber auch im Alltags-Farsi "Wie bitte?" oder "Hä?".

SZ: Das Bild führte bei den Aseri zu heftigsten Reaktionen, es gab Straßenschlachten, Verhaftungen, Tote...

Neyestani: Ich habe ich nicht eine Sekunde daran gedacht, dass das Wort für die Minderheit der Aseri eine Beleidigung darstellen könnte. Es gab zu der Zeit an der Universität der Stadt Tabris, in der viele Aseri leben, Unruhen, weil sie sich von der Regierung ungerecht behandelt fühlen. Die Unruhen flauten gerade ab, als ein Student die Zeitschrift in die Hände bekam. Daraufhin haben fanatische Separatisten das Bild instrumentalisiert, es kam in allen Städten, in denen Aseri leben, zu Unruhen. Die Regierung nahm mich und den Chefredakteur fest und nutzte die Situation, um gegen aserbaidschanische Aktivisten und gegen die Zeitungen loszuschlagen. Seit dem Jahr 2000 wurden in Iran über 100 Zeitungen und Magazine geschlossen.

SZ: Durften Sie denn Stellung beziehen zu dem missverstandenen Cartoon?

Neyestani: Ach was. Man hat mich ins Evin-Gefängnis gesperrt, in eine doppelte Einzelzelle, das war's.

SZ: Eine doppelte Einzelzelle?

Neyestani: Die normale Einzelzelle ist so groß wie ein Grab, ein mal zwei Meter. Viele Häftlinge, die in so einer Zelle eingesperrt waren, wurden verrückt. In einigen Trakten haben sie deshalb immer zwei Zellen zusammengelegt. Ich war 50 Tage lang in einer zwei mal zwei Meter großen Zelle mit dem Chefredakteur des Jom'eh-Magazins eingesperrt.

Danach wurde ich weitere drei Monate ohne Anklage festgehalten. Als ich einmal Freigang bekam, bin ich mit meiner Frau geflohen und in Malaysia gelandet, von wo aus ich für Radiozamaneh gearbeitet, aber zunächst alle politischen Andeutungen vermieden habe. Schließlich bin ich hier nur mit einem Studentenvisum und Malaysia und Iran unterhalten hervorragende Beziehungen. Mein Urteil steht ja noch aus. Sollte mich der Gerichtshof der Revolutionsgarden verurteilen, würde Malaysia mich ausweisen.

SZ: Wann wird das Urteil gefällt?

Neyestani:

Das kann jeden Tag passieren. Der Staatsanwalt hat die Höchststrafe gefordert. Er sagt, ich sei verantwortlich für all die Toten und die Zerstörungen während der Demonstrationen 2006.

SZ: Warum haben Sie trotzdem wieder angefangen mit Ihren Karikaturen?

Neyestani: Das fing mit den Wahlen im Juni an. Hätte da ein reformorientierter Kandidat gewonnen, wäre das eine Erlösung für uns gewesen. Der Wahlbetrug hat alles zerstört. Dass dann tatsächlich Demonstranten ermordet wurden, war ein solcher Schock. Ich werde nie Neda Agha-Soltans Augen vergessen. Wie sie auf der Straße lag und merkte, dass sie verblutet (die Aufnahme der sterbenden Neda-Soltan ist auf Youtube zu sehen).

Darauf musste ich antworten.

SZ: Ihre Cartoons werden von den Iranern geradezu gierig im Netz gesucht. Wie sieht der Wettlauf zwischen Ihnen und den Zensoren aus?

Neyestani: Die Websites von Radiozamaneh und Mardomak, den beiden Internet-Magazinen, für die ich arbeite, werden gefiltert. Facebook ebenfalls. Aber viele Iraner benutzen Antifiltersoftware, laden sich meine Karikaturen runter und verschicken sie per Mail.

SZ: Ihre Zeichnungen erinnern an George Grosz und Otto Dix. Würden Sie selber von Cartoons sprechen?

Neyestani: Ja. Oder von schwarzen Satiren. Grosz bewundere ich. Noch stärker wurde ich beeinflusst von dem amerikanischen Illustrator Brad Holland, der ein Meister der Schraffur ist, mich erinnert das in seiner glühenden Düsternis an Goya. Und der argentinische Cartoonist Quino ist für mich der größte, weil er Komik und Tiefe so einmalig verbindet.

SZ: Genau das ist ja auch Ihre Stärke. Während der Proteste zeigten Demonstranten in allen Städten Zeichnungen von Ihnen.

Neyestani: Auf der einen Seite macht mich das stolz. Andererseits

erwähnte ich ja die engen diplomatischen Beziehungen zwischen Iran und Malaysia.

Wenn ich zurückgeschickt werde, würde das Urteil wegen der Karikaturen aus dem letzten Jahr noch deutlich härter ausfallen. Mit Glück erwartet mich eine lange Gefängnisstrafe. Deshalb versuche ich, in den Westen auszureisen. Schwierig.

SZ: Was ist denn so schwierig?

Neyestani: Versuchen Sie mal, als Iraner ein amerikanisches Visum zu bekommen. Westliche Botschaftsmitarbeiter behandeln jemanden wie mich fast immer wie einen potenziellen Terroristen.

SZ: Ist da nicht auch Paranoia Ihrerseits im Spiel?

Neyestani: Schauen Sie, ich bin ein recht bekannter iranischer Cartoonist. Im vergangenen Jahr hätte mir das Savannah College of Art and Design in Georgia ein Stipendium gegeben. Ich habe in der US-Botschaft all die Extrabögen ausgefüllt, die ein Iraner auszufüllen hat, meinen ganzen Hintergrund offengelegt. Am Ende hieß es, ich sei 37 und hätte schon ein abgeschlossenes Studium - was stimmt, ich bin Architekt - und könne deshalb kein Zweitstudium machen. Ich frage Sie: Könnte ein Europäer ebenfalls kategorisch kein Zweitstudium machen?

Ich bin wirklich in Gefahr, aber das haben sie mir nicht geglaubt.

P.S.: Kurz vor Redaktionsschluss schickte Neyestani eine Mail, er sei dank der Organisation "Reporter ohne Grenzen" zu einem Gespräch in Kuala Lumpur bei der Deutschen Botschaft eingeladen. Betreff: Antrag für ein Visum.