Ian Kershaw zum 70. Geburtstag Fleißiger Ritter

Sir Ian Kershaw: Bevor die Queen den Briten zum Ritter schlug, hatte er schon das Bundesverdienstkreuz.

(Foto: dpa)

Ausgerechnet ein Brite hat eine der besten Hitler-Biografien geschrieben, die bislang vorliegen. Und nicht nur das: Mit seiner Interpretation der Person des Diktators half Sir Ian Kershaw einen Wissenschafts-Streit beizulegen. Nun wird er 70 Jahre alt.

Von Franziska Augstein

Manche Leute wundern sich, warum einige der besten Bücher über Hitler und den NS-Staat von nicht-deutschen Historikern geschrieben werden. Einer dieser Autoren, die sich in die deutsche Nationalgeschichte einmischen, ist Ian Kershaw. In seiner zweibändigen Hitler-Biografie (1998 und 2002) hat er den Diktator und sein Wirken so genau beschrieben, dass ihm da so schnell keiner das Wasser reichen wird.

Sein erstes Buch über die deutsche Geschichte erschien 1980 und hieß "Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich". Sein zweites: "Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick" (1988). Weil Ian Kershaw zudem jahrelang in Deutschland gelebt und am Münchner Institut für Zeitgeschichte geforscht hat, stand die Bundesrepublik nicht an, ihm schon 1994 für seine Verdienste um die deutsche Geschichte das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Britanniens Queen zog 2002 nach und schlug ihn zum Ritter.

Wie kam es aber dazu, dass Ian Kershaw ein Faible für die deutsche Zeitgeschichte ausbildete, der er doch in Liverpool und Oxford vor allem mittelalterliche Geschichte studiert hatte und sie auch lehrte? Da kam einiges zusammen. Sein Vater, ein Katholik aus kleinen Verhältnissen, war im Zweiten Weltkrieg als Musiker in einer Tanzkapelle auf einem britischen Luftwaffenstützpunkt nahe Oxford eingesetzt; an seinen Krieg gegen die Nazi-Deutschen hatte er später die besten Erinnerungen.

"Von meinem Vater", hat Kershaw gesagt, "habe ich nur Komisches oder Schönes über den Krieg erfahren." Seine Schwester studierte denn auch 1969 in Offenburg, wo der Bruder sie besuchte. Kurz darauf eröffnete das Goethe-Institut in Kershaws Heimatstadt Manchester eine Filiale. Er nutzte die Gelegenheit und lernte dort Deutsch.

Ausnahmeerscheinung Adolf Hitler

Die mittelalterliche Geschichte hatte da für ihn schon einiges von ihrer Faszination verloren. Die Fragen der Gegenwart interessierten Kershaw mehr: Wie konnten die Deutschen einem rassistischen Schaumschläger verfallen? Warum zog sich der Zweite Weltkrieg so lange hin, wo er doch - so Kershaw - 1944 verloren war? Warum war die NS-Tyrannei so einzigartig? Diesen Fragen ist er auch in seinen jüngeren Büchern nachgegangen, in denen er sich mit "Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg" (2008) und dem "Kampf bis in den Untergang" (2011) befasst.

Als Historiker steht Kershaw in der guten britischen Tradition des vorurteilsfreien Empirizismus. So hat er den schwelenden Kampf zwischen den "Intentionalisten" und den "Funktionalisten" auf fast schon diplomatische Weise beigelegt. Die ersten sahen in der Person Hitlers den Ursprung der NS-Verbrechen, während die "Funktionalisten" - angeführt von Hans Mommsen - der NS-Verbrechens-Maschinerie eine eigene Dynamik zuschrieben. Kershaws salomonisches Ergebnis: Beide Seiten haben ein bisschen Recht.

Adolf Hitler betrachtet er als Ausnahmeerscheinung. "Ohne Hitler": kein SS-Staat, kein großer Krieg in Europa, kein Angriff auf die Sowjetunion. Und "ohne Hitler" auch keine Shoah. Aber seine Macht habe Hitler nicht allein erworben, sie sei ihm von den Deutschen zugeschrieben worden. Hitler hatte Charisma nur insofern, als die Gesellschaft ihre Vorstellung von einem starken Führer auf ihn projizierte.

Kershaw behauptet, Ungeduld sei sein größtes Laster. Das mag eines der wenigen Urteile sein, wo der Historiker irrt. Ohne bravouröse Ausdauer und vorbildlichen Fleiß hätte er seine Bücher nicht schreiben können. An diesem Montag feiert er seinen 70. Geburtstag.