Hype um Julia Engelmann Generation Mutlos meldet sich zu Wort

Die einen preisen Julia Engelmanns Poetry-Slam-Beitrag als lebensverändernd, die anderen kritisieren ihren Text als "postpubertäres Geschwurbel". Warum das Video so erfolgreich ist.

Von Carolin Gasteiger

Julia Engelmann also - der Hype zum Jahresanfang. Ihr Poetry-Slam-Beitrag vom Mai 2013 "One Day/Reckoning", in dem sie zu mehr Tatendrang und Courage aufruft, bewegt das Netz. Bewegt, nicht begeistert: Denn die Überschwänglichkeit, mit der das, wie der Stern befand, lebensverändernde Video zu Beginn des Hypes aufgenommen wurde, ist inzwischen umgeschlagen in harsche Kritik.

Autorin Laura Nunziante wirft ihr mangelnden lyrischen Hintergrund vor und fragt sich, wie eine ganze Generation "erst durch einen mittelmäßigen Text aus Bielefeld eingesehen hat, dass das Leben viel zu kurz ist". Jan Böhmermann persifliert den Slam-Auftritt und legt damit die "Quintessenz des postpubertären Geschwurbels" frei, wie Christian Brandes auf schleckysilberstein schreibt - dass Engelmann ganz bewusst auf sentimental macht und damit die Logik des Netzes perfekt auskostet. Auf dem Blog Mädchenmannschaft slamt Nadia Shehadeh gegen Engelmann und betont, mit ihrem inneren Schweinehund gern Gassi zu gehen, bevor sie "auf uns" anstoßen will.

Aber so sehr das Engelmann-Video auch polarisieren mag, man fragt sich: Haben wir das nicht schon zigmal gehört? Besser, ausgereifter, ansprechender? Ist das nun der Weckruf für eine gelangweilte Generation? Eine Generation, die "schon viel zu viel Zeit verplempert" hat, wie der "blauebarbar" unter einem SZ-Text zum Thema kommentiert? Oft zielen eben gerade die banalsten Sätze genau dahin, wo es wehtut.

Man könnte dieser Sehnsucht nach Mut jetzt psychologisch auf den Grund gehen, wie es Stephan Grünewald vergangenen Sommer in der Zeitschrift Chrismon getan hat. Aus den empörten Reaktionen auf Engelmann wäre dann abzuleiten, dass die heutige Generation viel zu bequem sei, um sich ins kalte Wasser zu stürzen, und viel zu ängstlich, alles von heute auf morgen aufzugeben. Weil sie sich ständig bedroht fühle und viel wertkonservativer als die Generation davor sei und ständig von der Angst getrieben werde, abstürzen zu können, heißt es da.

Diese Entwicklung sieht auch Karsten Strack vom Lektora-Verlag in Paderborn, der im vergangenen Jahr die deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften mit organisiert hat. "Viele Poetry-Texte der jungen Generation beschäftigen sich mit der eigenen Rolle in der Welt." Junge Leute würden vor einem ganz subjektiven Werteproblem stehen und sich immer öfter stromlinienförmig bewegen, sagt Strack. Eine neue Generation Spießer also?

Ganz so weit muss man nicht mal nicht gehen, um den Engelmann-Hype zu verstehen. Denn die Empörung rührt doch eher von der Banalität, mit der es diese junge Frau geschafft hat, im Netz für Aufsehen zu sorgen. Mit scheinbar abgedroschenen Phrasen. Aber Phrasen, die in der hektischen Sprechweise unserer schnelllebigen Welt und mit Charme und blondem Pferdeschwanz vorgetragen, eben ziehen.

Man muss es auch so sehen: Mit ihrem Appell schlägt die 21-Jährige in eine Kerbe, über die die heutige Jugend immer wieder stolpert. Lebe Dein Leben, lebe Deinen Traum! Leicht gesagt, wenn der Job unsicher und die Rente noch viel unsicherer ist. Wenn sich viele statt des "Höher, schneller, weiter"-Prinzips wieder auf das berufen, was sie am Boden hält. Stromlinienförmig. Engelmann spreche aus, was alle denken, heißt es. Werteproblem. Aber spricht sie nicht eher aus, was viele denken wollen? Vielleicht.

Man mag von Engelmanns Slam-Beitrag viel halten oder gar nichts. Vielleicht ist er einfach nur ein gut gemeinter Versuch, der Diversität unseres Lebens zu begegnen, mit all den Türen, die uns offenstehen und all den Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen. Auch wenn dieser Denkanstoß schon viel zu oft geäußert wurde, auch wenn ihn andere literarisch schon viel treffender formuliert haben. Aber dafür funktioniert er viel zu gut, dafür wirbelt er zu viel Staub auf. Das Geheimnis lautet: Viele fühlen sich angesprochen, aus unterschiedlichsten Gründen - und Millionen können inzwischen ohne Barrieren mitdiskutieren. Julia Engelmann hat das Werteproblem ihrer Generation erkannt und auf die Mechanismen des Netzes angewandt. Mit Erfolg. Ein Denkanstoß mit Kalkül also. Nicht mehr - aber auch nicht weniger.

Anmerkung der Redaktion: Die hier eingebundenen Videos werden lediglich in einem Frame abgebildet und laufen nicht auf einem Süddeutsche.de-Server