Heavy Metal Lebt wohl, Satansbraten

Das war's. Wirklich. "Black Sabbath" gaben ihr allerletztes Konzert. In Birmingham, wo 1968 alles begann und wo man heute noch versteht, warum vier Halbstarke dort unbedingt Heavy Metal erfinden mussten.

Von Martin Wittmann

Das ganz große Licht strahlt, als strahlte es nur für ihn, aber der Mann in Schwarz will nicht glänzen, er will beben an diesem großen Tag. Tausende Menschen können ihn hören, inbrünstig ruft er ihnen über sein Mikrofon zu: "Ihr mögt mich verrückt nennen, aber ich habe heute morgen mit Gott gesprochen."

Dieses Gespräch mit Gott würde natürlich gut zum alten Satansjünger Ozzy Osbourne passen, der als übergeschnappt und respektlos genug gilt, um sich lustig zu machen über die Anderen, über die Bigotten und die Fanatiker, über die Spießer und die Hörigen. Aber nicht der Sänger bebt hier, sondern erst mal ein bierernster Prediger im schwarzen Parka. Stunden vor dem Konzert von Osbournes Band Black Sabbath steht er in der mittagssonnigen Fußgängerzone. Die Laufkundschaft missachtet ihn genauso geflissentlich wie die beiden Konkurrenzprediger in Sichtweite, die von den Problemen der Gegenwart und ihren Lösungen sprechen, wobei beides gleichermaßen irritierend ist.

Willkommen in Birmingham, Zentrum der West Midlands und an diesem Samstag noch dazu der Mittelpunkt der Erde, zumindest für Fans von Black Sabbath. Die 1968 im Stadtteil Aston gegründete Band hatte für diesen Tag nicht nur ihr letztes, sondern ihr allerletztes Konzert angekündigt, diesmal wirklich, Ehrenwort (oder?). Heimspiel zum Finale.

Steht man eine Weile inmitten dieses Prediger-Dreiecks, kann man den ewigen Frust des Ozzy Osbourne darüber nachvollziehen, dass immer nur er für durchgeknallt gehalten wurde und nicht die Anderen. Die Exklusivrechte am Wahnsinn hat er nie beansprucht, sie wurden ihm untergejubelt. Manchmal braucht es 49 Jahre harte Arbeit im Studio, auf der Bühne, am Körper, um die Welt endgültig davon zu überzeugen, dass sie nicht weniger verrückt ist als ihr Vorzeigeverrückter.

Dieses 2017 ist die richtige Zeit, um abzutreten, und die Heimat ist kein schlechter Ort dafür. Alle vier Gründungsmitglieder der Band kommen aus der Stadt: Ozzy, 68, Gitarrist Tony Iommi, 68, Bassist Geezer Butler, 67, und Schlagzeuger Bill Ward, 68. Die Geschichte soll enden, wo sie angefangen hat. So bekommt Birmingham auf einmal ungewohnte Aufmerksamkeit, die zweitgrößte Stadt in England, die doch relativ unbekannt bis unpopulär geblieben ist. Zu den berühmtesten Lokalgrößen gehören Steve Winwood, Judas Priest, Duran Duran, The Streets. Die mehr als eine Million Einwohner nennen sich tatsächlich: Brummies. Ihren graumäusigen Ruf hat sich die Stadt während der Industrialisierung verdient, die den Ort zu einem riesigen Maschinenraum geformt hat.

Ozzy schreibt in seiner Autobiografie über die Nachkriegszeit: "Wenn dein Lebensziel darin bestand, in einer Fabrik zu schuften und dich mit Nachtschichten am Fließband ins Grab zu bringen, dann war Aston der richtige Ort dafür". Nimmt man da noch die Flower-Power-Schubidu-Glückseligkeit aus dem Sabbath-Gründungsjahr dazu, die den vier halbstarken Musikern gehörig auf die Nerven ging, hat man gute Gründe dafür gefunden, dass die jungen Brummies ein neues, dunkles, hartes Genre mindestens mitbegründeten.

Ozzy Osbourne beim "Black Sabbath"-Abschied - die Exklusivrechte am Wahnsinn hat er nie beansprucht.

(Foto: Kevin Mazur/WireImage/Getty Images)

Die Geschichte der Band in Kürze: Nach der versehentlichen Erfindung von Heavy Metal (Iommi war nach einer Verletzung an der Hand dazu gezwungen, ungewollt harte Riffs zu spielen) verkaufte Black Sabbath Millionen von Platten und füllte auf der ganzen Welt Stadien. Ozzy galt bald als gefährlicher Antichrist, der die Jugend verdirbt und auf der Bühne lebendigen Fledermäusen den Kopf abbeißt (auch ein Versehen, beteuert er noch heute). Seine Bandkollegen, obschon nur einen Hauch sparsamer beim Drogenkonsum, warfen ihn wegen seiner Eskapaden aus der Band, nur um ihn später wieder zurückzuholen.

In seinen wilden Zeiten "schlief er mit allem, was einen Puls hatte", sagte einmal seine Managerin und Ehefrau, Sharon. Mit ihr und zwei seiner Kinder exhibitionierte er sich im Reality-TV-Format "Die Osbournes" und wurde mit seinen tattrigen Auftritten zum lustigen Horror-Clown der MTV-Generation. Und während in den vergangenen Monaten eine Musik-Legende nach der anderen starb, reisten ausgerechnet die Todgeweihten von Black Sabbath quicklebendig um die Welt, um sich von ihren Fans zu verabschieden: "The end" hieß die Tour, die nun in Birmingham schloss.

Wer vor diesem letzten Konzert durch Aston spaziert, spürt immer noch die Perspektivlosigkeit. Sie hat überlebt, nur ihre Opfer sind heute andere. Nicht mehr die geschundenen Fabrikarbeiter leben hier, sondern vor allem muslimische Einwanderer, etwa ein Viertel der Einwohner sind arbeitslos. Das Haus, in dem die Osbournes lebten, steht noch immer, der chronisch unter Minderwertigkeitskomplexen leidende Ozzy nennt als Adresse "Lodge Road 14 in Selbstmitleidhausen". Selbst in der Sonne sieht der Bau blass aus, ein weiß gestrichenes Backsteinreihenhaus mit blauen Erkern. Alle paar Minuten kommen an diesem Tag weit angereiste Fans vorbei, um vor dem Konzert noch Fotos von dem geschichtsträchtigen Gebäude zu machen, und man möchte hoffen, dass die heutigen Bewohner nicht Angst bekommen vor den vermeintlich angry white men in dunklen Kutten, die da vor der Tür herumschreiten.

In der glänzenden Einkaufspassage im Zentrum, wo die Prediger an der Diversität der Stadt verzweifeln, sind die Black-Sabbath-Fans als schwarze Flecken leicht zu erkennen. Auf Schubidu gesagt: Birmingham ist heute ein junger, bunter Salat, über dem sich an diesem einen Tag einige tausend Pfefferkörner, ungemahlen, grob und unbehandelt, verstreuen dürfen. Kulturpessimistisch betrachtet könnte man auch sagen: Die Band, für die diese Fans aus aller Welt angereist sind, hat die gleiche Entwicklung gemacht wie ihre Heimatstadt: von der Metallindustrie hin zum Dienstleistungsriesen. Man denke nur an die Termine vor den Konzerten, bei denen die Fans für viel Geld und im Akkord Fotos mit den Musikern machen dürfen, die dabei wirken wie ihre eigenen Wachsfiguren. Die Auftritte sind immer noch Messen, aber eher im ökonomischen Sinn.

Ein Bild der britischen Heavy-Metal-Band Black Sabbath aus ihrer Anfangszeit.

(Foto: dpa)

Es ist kurz vor Neun, als Black Sabbath in Birmingham auf die Bühne kommen. Es fehlt nur, wie schon auf der ganzen Tour, Schlagzeuger Bill Ward, der sich des Geldes wegen mit der Band zerstritten hat (ihn vertritt der furiose Tommy Clufetos). Oben stehen nun mit Ozzy und Geezer zwei trockene Alkoholiker und mit Iommi einer, der wegen einer Krebserkrankung nur zurückhaltend trinkt, während unten und auf den Rängen sämtliche Stadien des Rausches zu sehen sind, von der Ekstase bis hin zum Schlaf. Die Dekoration der Bühne: Feuer, Flammen und der womöglich größte Fernseher der Welt.

Ozzy bewegt sich für einen Rockmusiker bemerkenswert steif und ist dabei für einen 68-Jährigen beneidenswert fidel, die Stimme ätzt in bewährter Schieflage. Geezer spielt technisch einwandfrei, und ein letztes Mal darf über Iommis Soli-Zuschläge gestaunt werden (Ozzy freut's). Die Setlist ist aus dem Frühwerk zusammengetragen, "Black Sabbath", die Koks-Hymne "Snowblind", das legendäre "Iron Man", dazu ein irres Schlagzeugsolo, das eigentlich in den Zirkus gehört.

Zum Schluss also ein gutes Konzert, ohne Extras, Überraschungen und Schnörkel, dafür mit Konfetti, Feuerwerk und Luftballons - Plopp-Kultur im Event-Format. Beim Hit "Paranoid" wachen sogar die Komatösen im Publikum wieder auf. Dann geht das Licht an, die Band ist weg, die Fans sind selig bis traurig.

Blackxit. Die Musik wird bleiben. Oder wie es auf dem Flyer heißt, den der Prediger verteilte, frei nach Lukas: "Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht." Darüber würde man Ozzy dann doch noch mal gerne diabolisch lachen hören.