Graphic Novel über Jeffrey Dahmer Weg zur Hölle

Er schlachtete 17 junge Männer, bohrte lebenden Opfern den Kopf auf - und aß ihre Reste: The Milwaukee Monster alias Jeffrey Dahmer. Sein Ex-Mitschüler Derf Backderf hat die Jugend des Massenmörders mit einer Graphic Novel aufgearbeitet und etwas sehr Seltenes geschaffen.

Von Burkhard Müller

Auch wenn es rund zwanzig Jahre zurückliegt, dürften sich noch viele daran erinnern, denn der Fall hat sich in seiner schauerlichen Einmaligkeit tief eingeprägt: Jeffrey Dahmer war kein Serienmörder von der Stange, sondern bohrte seinen noch lebenden Opfern den Kopf auf, legte sich, nachdem sie tot waren, neben sie ins Bett, bis sie vor Maden wimmelten, aß sie auf und verstaute die Reste zu späterem Verzehr in der Tiefkühltruhe. Noch mehr als was er getan hatte, bewegte die Öffentlichkeit die Frage: Wie wird einer so?

Ein Comic scheint erst einmal kein adäquates Medium, um sie zu beantworten, besonders nicht, wenn er einen Titel trägt wie "Mein Freund Dahmer". Das klingt nach "Mein Freund Harvey" und einem schrägen Camp-Humor, der auch vor Gruseligem und Ekligem nicht Halt macht - zumal auch die Zeichnungen von Derf Backderf Reminiszenzen an das satirische Magazin Mad in den Siebzigern wecken, mit seinem zahnlückig-doofen und pedantisch gestrichelten Anti-Helden Alfred E. Neumann.

Aber der Titel bedeutet wirklich nicht mehr und nicht weniger, als er besagt: Backderf war Klassenkamerad Dahmers, besonders im entscheidenden zwölften und letzten Schuljahr an der Revere Highschool im kleinen Ort Bath in Ohio. Backderf berichtet im Vorwort seiner mehr als 200 Seiten langen Graphic Novel von den außerordentlichen künstlerischen und emotionalen Schwierigkeiten, die ihm das Sujet bereitet hat, bevor er es als sein großes Thema, als sein künstlerisches Schicksal gestalten konnte.

Bedrückend, inhuman erscheinen - ohne zu moralisieren

Er musste die geödete, träg ironische Grundhaltung neu erstehen lassen, die das Leben der Jugendlichen zu jener Zeit bestimmt hat (übrigens nicht nur in den USA, auch an deutschen Gymnasien) und in der ein schwer gestörter Mensch wie Dahmer als "cool" erscheinen konnte, weil er bar allen Gefühlsausdrucks war. Die Erzählung durfte sich jedoch von dieser Haltung nicht leiten lassen, sondern musste sie als etwas tief Bedrückendes, im Kern Inhumanes spürbar machen - dies aber wiederum, ohne ins Moralisieren zu verfallen. Die Verzweiflung, die innere Finsternis des künftigen Massenmörders musste hervortreten, indem sie nicht hervortrat, die Figur als bemitleidenswert erscheinen, ohne dass ihr doch in ihrer sittlichen Abscheulichkeit tatsächlich Mitleid gegönnt würde: eine Wanderung auf einem wahrlich sehr schmalen Grat.

Nur die Kapitel-Einteilung spricht vom Drama der damals nicht sichtbaren Entwicklung: Ein seltsamer Junge - Ein Leben im Verborgenen - Der Dahmer-Fanclub - Der Weg zur Hölle - Schwarz wie die Nacht.

"An Dahmers Lachen erinnere ich mich heute noch": Szene aus dem besprochenen Band.

(Foto: Walde + Graf bei Metrolit)

Was sich dem Auge zunächst als das Eckige, Schwunglose, geradezu Einfältige dieses Zeichenstils darbietet, der seine Umfassungs-Linien als säuberliche Stege ausbildet, große Flächen grau anlegt und eine märchenhafte Geduld mit Holzmaserungen und Stauchfalten in Jeans besitzt - das erweist sich auf den zweiten Blick als wohlbedachte und ausgereifte Signatur eines Ernstes, der diesmal genau hinschaut, um klar- und wettzumachen, was vor 35 Jahren schiefgelaufen ist.

Backderf macht kein Hehl daraus, dass er selbst eine treibende Kraft jenes Fanclubs war, der die zumindest teilweise epileptischen Ausfälle Dahmers humoristisch goutierte und aufgelegt war, deren wachsende Unheimlichkeit als Pointe misszuverstehen. "Dahmerismen" waren damals in aller Munde, wenn sie auch aus weiter nichts bestanden als verrenkten Bewegungen und den sinnlosen Silben "Ogway! Bwaaa!" Wenn man das einzelne Foto betrachtet, das dem Vorwort beigegeben ist und Dahmer anscheinend mitten in der Darbietung eines Dahmerismus zeigt, ahnt man, wie gering hier die Reichweite der rein dokumentarischen Methode bleiben müsste. Allein die scheinbare Willkür der Kunst, als darstellende und erzählende, vermag da zu leisten, was nottut.

Im Rahmen des Schweigens

Die Geschichte beginnt mit dem ganzseitigen Bild eines himmelsleiterartig über rollende Hügel geführten Highway, auf dessen schmalem Bankett die verlorene kleine Figur des Protagonisten geht; er weiß offenbar nicht wohin, aber der Weg erscheint unausweichlich. Und sie endet nach dem ersten Mord mit dem verlassenen Haus Dahmers, in völlige Schwärze getaucht. Beide Bilder verzichten völlig auf Text, als wäre ein Rahmen des Schweigens das, was sich ziemt.

Ja, das Geziemende im Schrecklichen muss man als das große Verdienst dieses Bandes bezeichnen. Der Autor weiß, dass er seinen Lesern die Anschauung der getöteten und verstümmelten Tiere (mit denen Dahmers mörderische Biografie ihren Anfang nimmt) nicht vorenthalten sollte, den Anblick entsprechend zugerichteter Menschen aber vor ihren Blicken verbergen muss. Backderf hat etwas vollbracht, wofür es gewiss nur selten Gelegenheit gibt und das noch seltener gelingen dürfte: die Verschränkung eines Kunstwerks in ein Werk der Sühnung.

Derf Backderf: Mein Freund Dahmer. Aus dem Englischen von Stefan Pannor. Walde + Graf bei Metrolit, Berlin 2013. 232 Seiten, 22,99 Euro.