Gefahren der Digitalisierung Vom Untergang des autonomen Subjekts

Auch wenn das Netz der Dinge, wie hier im Amazon-Lager in Brieselang, konkret wird, ist ein Überblick für den Einzelnen kaum möglich.

(Foto: Thomas Meyer/Ostkreuz)

Technische Systeme gestalten den Alltag wie nie zuvor, sagt der Netz-Kenner Adam Greenfield. Und warnt: Selbst Experten verstehen kaum noch, was dabei mit den Menschen passiert.

Von Johan Schloemann

Sitzt ein Bürger auf einer Bank. Da kommt eine Nachricht von Google auf den Startbildschirm seines Telefons, in Form einer Frage: Ob man denn gerade beim Restaurant So-und-so sei, und wenn ja, ob man sich Fotos und Speisekarte und Bewertungen anschauen wolle? Nein, murmelt der Bürger wohin auch immer zurück, er sitze nicht auf Stühlen des Restaurants, sondern ein paar Meter weiter auf einer öffentlichen Bank. Ohne Konsumabsichten.

Und selbst wenn: Hatte er nicht eigentlich solche Meldungen ausgeschaltet? Aber wie verhalten sich die Google-Maps-Einstellungen genau zu den allgemeinen Einstellungen seines Google-Accounts? Durch welches Schlupfloch ist die mobile Restaurant-Empfehlung aus Kalifornien doch nach München gekommen? Nun ja. Der Bürger liest auf seiner Bank lieber weiter in dem Buch, das er dabei hat: "Radical Technologies" von Adam Greenfield.

Und da steht: "Eine Reihe von komplexen technischen Systemen gestaltet unsere Alltagserfahrung in einem Maße wie in keiner früheren Epoche, und wir verstehen kaum irgendetwas von ihnen."

Die Furcht, durch eine Maschine ersetzt zu werden

Die einen müssen ständig erreichbar sein, die anderen werden überflüssig: Digitalisierung verunsichert vor allem Arbeitnehmer. Sie haben Angst - aber die Politik hat bislang keine Antworten. Von Markus Balser und Stefan Braun mehr ...

Es geht hier nicht um triviale Bedienungsprobleme, nicht um die Verzweiflung der Ungeschickten an der vermeintlich intuitiven Benutzerführung ihrer Geräte. Es geht um etwas viel Größeres, was die digitale Sphäre, in die unser Leben eingefügt ist, insgesamt kennzeichnet: dieses sonderbare Ineinander von Normalität und Undurchdringlichkeit, von Überblick und Wolkigkeit.

Denn hinter der geschmeidigen Einfachheit der mobilen Vernetzung, hinter der ungeheuer praktischen, "nahtlosen, kaum bemerkten Verwandlung von gewinnbringenden Prozessen in Durchschnittsverhalten" liegt eine tiefe Ahnungslosigkeit.

Einerseits ist das Netz eine Geheimwissenschaft, andererseits muss jetzt jeder damit umgehen

Längst ist "unser Verständnis der Welt", so schreibt Adam Greenfield, "konditioniert von Information, die uns aufgrund von Interessen übermittelt wird, die aber diese Interessen nicht offenlegt".

Was da bei Milliarden Menschen in jeder Sekunde vor sich geht, in scheinbar kühlen, objektiven Rechen- und Schaltprozessen, im ununterbrochenen Senden und Empfangen, und was sich daraus entwickeln wird, das ist nicht etwa nur den Laien noch unklar, sondern auch den Entwicklern und Netzexperten selbst. "Obwohl wir kaum begonnen haben zu erfassen, was das für unsere Seelen, unsere Gesellschaften, unsere Weltordnung bedeutet", stellt Greenfield fest, so ist das globale Netzwerk doch "schon grundlegend für unsere Alltagspraxis".

Das heißt: Einerseits ist das Netz eine Geheimwissenschaft. Andererseits muss und kann jetzt jeder Einzelne damit umgehen. Als Automobile zum Massenphänomen wurden, waren ja auch nicht mehr nur Autobauer und Kfz-Mechaniker für das Thema zuständig.

Die Debatte über die Digitalisierung hat sich ziemlich verändert. Die viel beklagte Polarisierung, der ganze Kommentarkrieg zwischen innovationsfeindlichen Fundamentalgegnern hier und opportunistischen Technologiebeobachtern dort, die sämtliche Sorgen um mögliche soziale und mentale Folgen mit Ignoranz oder Zynismus zurückweisen - das gibt es zwar auch noch.