Friedenspreisträger Jaron Lanier Aufruf zu neuem Humanismus

Informatiker und Schriftsteller Jaron Lanier bei seiner Ansprache in Frankfurt

(Foto: AP)

Jaron Lanier hat in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen - und in seiner Ansprache an das humanistische Denken appelliert. Er gilt als Erfinder des Begriffs "virtuelle Realität".

Der amerikanische Internetpionier und Schriftsteller Jaron Lanier hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2014 erhalten. Der Internetpionier hat in einer Feierstunde in der Frankfurter Paulskirche zur Erneuerung des humanistischen Denkens im Internet-Zeitalter aufgerufen. Der Mensch müsse immer über dem Computer und dem Internet stehen, sagte Lanier.

In seiner Laudatio sagte der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD), Lanier erhalte den Friedenspreis "stellvertretend für alle, die diese wichtige Debatte über die digitale Zukunft führen". Der Preisträger stehe in einer großen humanistischen Tradition und erinnere daran, dass der Mensch niemals zum Objekt degradiert werden dürfe.

In der Begründung des Stiftungsrats hieß es, der 54-jährige Informatiker habe erkannt, welche Risiken die digitale Welt für die freie Lebensgestaltung eines jeden Menschen habe. Lanier weise auf die Gefahren hin, "die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird und wenn Menschen, trotz eines Gewinns an Vielfalt und Freiheit, auf digitale Kategorien reduziert werden".

Der einstige Technologie-Guru, der als Erfinder des Begriffs "virtuelle Realität" gilt, war auch als Unternehmer an zahlreichen digitalen Entwicklungen beteiligt. Sein jüngstes Buch ("Wem gehört die Zukunft") sei ein Appell, wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein, heißt es in der Begründung für die Preisvergabe weiter. Der digitalen Welt müssten Strukturen vorgeben werden, um die Rechte des Individuums zu achten und die demokratische Teilhabe aller zu fördern. Lanier, der auch Musiker ist, lebt im kalifornischen Berkeley bei San Francisco.

Verwirklichung des Friedensgedankens

Der seit 1950 vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen des Landes. Geehrt wird damit eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat.

Verliehen wird die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Dachverband der deutschen Buchbranche. Überreicht wird der Preis zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche, wo 1848 die für die demokratische Entwicklung Deutschlands bedeutende Nationalversammlung tagte.

Die Preisträger werden von einem Stiftungsrat mit einfacher Mehrheit gewählt. Der Rat setzt sich aus Mitgliedern des Börsenvereins sowie Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft zusammen. Zu den bekanntesten Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988), Mario Vargas Llosa (1996), Jürgen Habermas (2001) und Orhan Pamuk (2005). Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an die weißrussische Schriftstellerin und Regimekritikerin Swetlana Alexijewitsch.