Frankfurter Buchmesse thematisiert Raubkopien Erst digital, dann illegal

Die Frankfurter Buchmesse stellt sich den massenhaften Urheberrechtsverletzungen bei Büchern. Denn auch den Messe-Verantwortlichen ist klar, das jedes Buch, das es digital gibt, irgendwann auch illegal zu haben ist. Die Reaktion auf das Problem ist aber reichlich defensiver Natur.

Von Lothar Müller

Die Frankfurter Buchmesse ist die größte Buchmesse der Welt. Niemand kann das überhören, der an ihrer Eröffnungsveranstaltung teilnimmt. Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, nannte gleich zu Beginn die exakte Zahl: 7384 Aussteller aus aller Welt sind in diesem Jahr dabei. Und fragte sich gleich im nächsten Satz, was das eigentlich für Leute sind: "Wie viele Medienunternehmer dabei sind? Wie viele davon Verleger sind?"

Rasch war klar, eine wie hehre Gestalt der klassische Verleger ist: Er streckt das Kapital vor, wählt aus, hat Intuitionen, pflegt die Autoren, investiert auch in Projekte, die auf den ersten Blick nicht lukrativ sind . . . und so fort. Der "Medienunternehmer" hingegen blieb vergleichsweise blass. Aber man hatte den Eindruck, er müsse zum klassischen Verleger erst noch heranwachsen.

Noch ist der Markt für elektronische Bücher in Deutschland klein. Aber er wächst, und andernorts ist er schon so groß, dass er die alten Lieblingsmetaphern der Branche nicht mehr in Ruhe lässt. Was wird aus dem einen Buch, fragte Honnefelder, das wir auf die einsame Insel mitnahmen, wenn das mobile elektronische Lesegerät uns erlaubt, darin locker 2000 E-Books gleichzeitig unterzubringen?

Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, hatte darauf eine Antwort: Es wird keine einsamen Inseln mehr geben, sondern eine Wiederkehr der Lesegesellschaften des achtzehnten Jahrhunderts in einer neuen medialen Infrastruktur.

Einem immer ausgedehnteren, weltweiten Social Reading wird zunehmend das Social Publishing an die Seite treten. Das ist der schöne Zukunftsprospekt, voller Bilder der sozialen Entgrenzung, Mobilisierung und kommunikativen Vernetzung der um das gedruckte Buch herum entstandenen Welt des Lesens.

Klein genug für das Thema Berlin

Nun hatten aber sowohl der von Honnefelder gerühmte klassische Verleger des achtzehnten Jahrhunderts wie der von Boos gerühmte Leser, der sich mit anderen zusammentat, um an die Bücher heranzukommen, ihre Schattenfiguren: und zwar in Gestalt des Verlegers, der Raubdrucke von Bestsellern wie Goethes "Werther" auf den Markt warf und den Leser, der sie ihm ohne zu zögen abnahm. Und auch diese Schattenfiguren werden derzeit rasch und folgenreich modernisiert. Der Raubdruck ist in der Regel kein Raubdruck mehr, sondern die digitale Kopie des gedruckten Buches.

Auf die Raubkopierer und ihr Publikum steuerte denn auch zielstrebig die Rede des Börsenvereins-Vorstehers zu: "In Deutschland werden zurzeit etwa sechzig Prozent der genutzten elektronischen Bücher illegal heruntergeladen", sagte Honnefelder. Diese erstaunlich hohe Zahl hat eine "Studie zur digitalen Content-Nutzung" der "Gesellschaft für Konsumforschung" ergeben.

Man fragt sich zwar, woher bei den allseits beschworenen Dunkelziffern in diesem Bereich die exakten Zahlen kommen, aber sei's drum. Der Befund bleibt: "Jedes Buch, das es digital gibt, wird es irgendwann auch illegal geben." Deswegen ist die Frankfurter Buchmesse zwar die größte der Welt, aber zugleich klein genug, um vor aller Welt die jüngsten Wahlen in Berlin zur Sprache zu bringen.

Symbolischer Goldstandard

Mit Verve attackierte Honnefelder den Einzug der Piratenpartei ins Berliner Abgeordnetenhaus, geißelte ihre Kritik am Urheberrecht als Hemmschuh der freien Daten-Zirkulation im Netz und forderte die Politik, namentlich Angela Merkel auf, sich, wie versprochen, für die weltweite Sicherung der Urheberrechte an geistigem Eigentum einzusetzen: "Wir nehmen die Kanzlerin beim Wort." Der stellvertretende hessische Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn sicherte sogleich in seinem Lob der Stadt Frankfurt ("Beste Oper!") die Unterstützung der hessischen Landesregierung zu.

Da war plötzlich die große internationale Buchmesse ganz klein, und mancher internationale Gast mochte sich fragen, was zum Teufel es mit diesen Berliner Piraten auf sich habe.

Und wo war plötzlich die schöne neue Welt der Lesegesellschaften geblieben, von denen Messedirektor Juergen Boos geschwärmt hatte? In ihnen suchen und finden ja die Raubkopierer ihr Publikum, und es wird allen, denen an der Wahrung des Urheberrechtes auch innerhalb der digitalen Verwertungsketten liegt, auf Dauer wenig nützen, immer nur "spürbare Sanktionen für rechtswidriges Handeln" zu verlangen, ohne zugleich auf breiter Fläche die eigenen Bezahlmodelle mit positiven Begründungen zu propagieren und durch technische Innovationen zu sichern.

Vielleicht ist Island auch deshalb, als Projektionsfläche von alter Buchkultur und digitaler Zukunft, ein so gern gesehener Gast auf dieser Buchmesse. Es scheint, als rückte, als Ausgleich und Trost angesichts der stürmischen Entwicklung der digitalen Welten in Ökonomie und Alltag, das gedruckte Buch zunehmend in die Position eines symbolischen Goldstandards. Nur ist ihm die Goldgräberstimmung abhandengekommen. Die haben bis auf weiteres die Piraten gekapert.

Das Land der Dichter und Banker

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