Frank Schirrmachers "Ego - Das Spiel des Lebens" Mathematische Spezialität einer Handvoll Eggheads

Im Zentrum steht die Spieltheorie. Historisch hat sie, das sagen jedenfalls ihre Anhänger, ihren großen Glanz im Kalten Krieg erhalten, bis dahin war sie nur eine mathematische Spezialität einer Handvoll Eggheads. Den Amerikanern aber, die den eminenten praktischen Nutzen der Theorie erkannten und ihre politischen und militärischen Winkelzüge gegen den östlichen Erzfeind konsequent an ihr ausrichteten, habe sie am Ende den Triumph über das Sowjetreich gebracht. Nach diesem unüberbietbaren Beweis ihrer Leistungskraft sei sie auf die Wirtschaft übertragen worden. Auch Schirrmacher legt großen Wert auf diese historische Herleitung, weil es ihm darauf ankommt, dass seither die spieltheoretisch angeleitete Ökonomie einen Kalten Krieg gegen die Menschen führe: "Es geht nicht mehr um die Sowjetunion, es geht um alle."

Wirtschaftshistoriker werden diese Verknüpfung akzeptieren oder anzweifeln, doch sie ist, trotz des Aufwandes, den Schirrmacher hier treibt, nicht wirklich von Bedeutung. Denn unbestreitbar ist, dass spieltheoretische Prinzipien heute so gut wie allen avancierten mathematischen Programmen zugrundeliegen, die von Investoren, Banken, Brokern und Unternehmen in direkten Konkurrenzsituationen angewendet werden. Und das hat in der Tat nicht zu überschätzende gesellschaftliche Folgen, die in dem harmlosen Begriff "Spieltheorie" so verborgen sind wie der biblische Wolf im Schafspelz.

Entscheidend ist, dass diese Theorie Entscheidungskämpfe zwischen Rivalen mathematisch durchspielt, indem sie für jeden "Mitspieler" alle strategischen Optionen, Gewinnchancen und Risiken quantitativ ausformuliert und berechnet. Die einzige Unterstellung lautet, dass jeder "Spieler" nur sein Eigeninteresse verfolgt: rational, ungerührt, auf Selbstmaximierung bedacht. Hauptanwendungsfälle sind Konkurrenzen in "nicht-kooperativen" Konstellationen, vor allem in solchen, in denen man sich gegenseitig auch nicht in die Karten schauen kann - eben wie beim Gegeneinander im Kalten Krieg, aber auch wie in Wetten auf dem Finanzmarkt, beim Derivatenhandel zwischen Tradern oder bei der feindlichen Übernahme eines Unternehmens.

Der methodische Egoismus, der hier mit mathematisch kalkulierbarer Potenz ausgestattet wird, ist derselbe, der in Gestalt des homo oeconomicus die Basis der marktradikalen Lehre bildet. Dass heute die Verhaltensökonomie auch andere, "irrationale" Motive der Akteure einbezieht, übergeht Schirrmacher, doch das lässt sich wegen der faktischen Dominanz der neoliberalen Sichtweise vertreten.

Der Clou seines Buches ist nun, dass er veranschaulicht, wie dieses Modell des "rationalen Egoismus", das zunächst nur eine Fiktion, eine schlichte Vereinfachung für formalisierbare Theoriebildung darstellte, nach und nach die ökonomische Praxis beeinflusst und schließlich so tief darin eindringt, dass es sie nach seinem Bilde formt. Das Modell macht sich die Realität untertan, das künstliche Geschöpf, Frankenstein, wird Vorbild, Eminenz und Herrscher über seinen Schöpfer. Der Modellplatonismus entpuppt sich als Realtyrannei.

Natürlich war der homo oeconomicus, elaboriert in Chicago, schon immer mehr als pure Vereinfachung, es war stets ein ideologiegeladener Idealtyp. Doch nun gewinnt er imperiale Macht, dringt als überwältigendes Schema - gerade weil er alle individuelle Besonderheiten für irrelevant erklärt - in alle Köpfe, in alle Karriereanforderungen, in alle Institutionen, die rechenschaftsfähig sind. Was diesen Homunkulus am meisten befördert und unwiderstehlich macht, ist die überragende ökonomische Effizienz, die er verspricht. Tatsächlich erzielt der Finanzmarkt als Vorreiter des neuen Kapitalismus dadurch, dass er sich dem Modell am getreuesten anpasst, historisch nie dagewesene Gewinne. Erst jetzt hat er sich seiner letzten Zwänge entledigt, der Zwänge hinderlicher individueller Realitäten, menschlicher Besonderheiten, Altruismen und Lebensträume.

Der immaterielle Preis ist hoch. Schirrmacher wird nicht müde, auf die Schattenseiten der Herrschaft dieses asozialen, amoralischen kalten Kriegers hinzuweisen. Eine Kopfgeburt und virtuelle Instanz, die er eigentlich nur ist, nötigt er trotzdem seinen realen Adressaten, das uns bekannte bürgerliche Individuum, zur ständigen Selbstverleugnung, zumindest aber zur permanenten Schizophrenie.