Fotografie 30 Sekunden für die Seele

Ein altes fotografisches Verfahren zeigt Menschen, wie sie wirklich sind, aber oft nicht sein wollen. Hier: Eva.

(Foto: Oleg Farynyuk)

Das Gegenteil von Selfie: Eine uralte Fototechnik, das Kollodium-Nassplatten-Verfahren, lässt keine Posen zu. Sie zeigt die Menschen, wie sie wirklich sind.

Von Hannes Vollmuth

Eine Frau kam zu Oleg Farynyuk in die Werkstatt, ließ sich fotografieren und brach, als sie das Porträt dann sah, in Tränen aus. Eine andere polterte durch den Raum, schimpfte über das Bild, so faltig, so alt. Bei einem kranken Mann reagierte die Chemie falsch, "dämonisch", sagt der Fotograf über das Ergebnis, "das Bild war wie ausgefressen."

Auch Farynyuk selbst hat sich einmal vor seine Kollodiumapparatur gesetzt. Und wenn ihn jemand nach dem Bild fragt, sagt Oleg Farynyuk: "Ich habe es versteckt." Er will es nicht mehr sehen.

Oleg Farynyuk ist 39 Jahre alt und arbeitet in Berlin, Prenzlauer Berg, in einer Werkstatt, in der die Dielen knarzen und ein russischer Weltempfänger traurige Lieder spielt. Er nennt sich Kollodiunist, trägt dichten, dunklen Bart und eine Arbeitsschürze, mit der er auch als Schumacher durchgehen könnte.

Aber ein Schumacher würde nicht die Fenster mit Springrollos verhängen, damit kein Tageslicht eindringt. Wenn es dann dunkel ist, glühen 32 Lampen in dem Raum, 5900 Watt, und in der Mitte steht die Kamera, ein Ungetüm aus Holz und Stahl mit einem Objektiv dick wie ein Ofenrohr. Farynyuk nennt sie nur die Große.

Es soll nur drei Dutzend Menschen auf der Welt geben, die diese Fotografie beherrschen: das Kollodium-Nassplatten-Verfahren, das genauso kompliziert ist, wie es auch klingt. Eine Nische in der Nische der langsamen Fotografie. Das Verfahren ist 150 Jahre alt. Man braucht viel Zeit, alte Apparaturen und ein Laboratorium mit Phiolen, Rotlicht, Silberbad, Ether und Brom.

Ohne Vorgespräch wird es schwierig. "Die Kunden wissen gar nicht, was passieren kann."

Stephan Jacobs, ein Amerikaner und Professor aus Boston, gilt als der Guru der Szene. Aber der bekannteste Kollodiunist ist ein Niederländer, Alex Timmermans, der bereits auf der "Paris Photo" ausgestellt hat.

Menschen, wie sie wirklich sind

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Die Welt der Kollodiunisten ist klein, ein Club der Alchimisten mit einer Schwäche für eine längst vergangene Fotografie. Das Verfahren ist alt und umständlich, hat aber immer noch einen Vorteil: Es zeigt Menschen, wie sie wirklich sind, aber meistens nicht sein wollen. Farynyuk sagt: "Du stehst vor der Kamera wie nackt."

Farynyuk arbeitet an jedem Porträt etwa vier Stunden. Mittag ist die beste Zeit. Da sind die Menschen noch offen und weich, nicht so verbraucht. Die Leute kommen oft so gestresst. Die Stadt, das Handy, die Gedanken. Er beginnt deshalb mit einem Vorgespräch, immer. Ohne Vorgespräch wird es schwierig vor der Kamera. "Die Kunden wissen gar nicht, was alles passieren kann", sagt er. Was denn? "Du muss bereit sein für ein Porträt, über das du keine Kontrolle mehr hast."

Nach dem Vorgespräch setzt Oleg Farynyuk seinen Gast auf den Stuhl, inmitten der Schweinwerfer. Er stellt sich hinter sein Kamera-Ungetüm, hinter die Große, zieht Schärfe, wählt den Ausschnitt, schiebt die Hinterstandarte, die Rückwand der Kamera in die richtige Position. Am Ende holt er eine Art Schraubstock aus dem Schrank und fixiert seinen Kunden am Hinterkopf.

Die Pose zerbröselt, die Menschen machen auf

Normalerweise belichten Fotografen höchstens mit dem sechzigsten Teil einer Sekunde, das ist nur ein Kamerablinzeln und kaum wahrnehmbar. Bei der Kollodium-Fotografie reißt die Kamera aber für 30 Sekunden ihr Auge auf, fotografisch eine Ewigkeit.

Diese 30 Sekunden machen den großen Unterschied bei den Porträts. "Kein Mensch kann 30 Sekunden einen Gesichtsausdruck halten", sagt Olek Farynyuk. Nach zehn Sekunden entgleiten den ersten die Gesichtszüge. Den Geübteren nach 15. Die Pose zerbröselt, die Menschen machen auf. Der Fotograf Paolo Roversi sagte einmal über Langzeitbelichtungen: Ich gebe der Seele Gelegenheit, ins Bild zu schlüpfen.

Fotograf Oleg Farynyuk sagt: "Du stehst vor der Kamera wie nackt." Ein Bild kostet 145 Euro.

(Foto: Oleg Farynyuk)

Das Kollodium-Nassplatten-Verfahren gehört in die Frühphase der Fotografie, und wenn man heute seine Smartphone-Kamera anschaut, scheint dieses Verfahren so weit weg zu sein wie die Eiszeit: Jede Kollodium-Platte muss mühsam von Hand gefertigt werden, und das auch erst kurz bevor das Bild entsteht. Der Kollodiunist geht dafür nach nebenan, in die Dunkelkammer. Der Kunde ist in dieser Zeit sich selbst überlassen: fixiert, ausgeleuchtet, alleine und stumm.

Kommt Oleg Farynyuk zurück, bleiben ihm nur wenige Minuten. Er klemmt die Platte in den Apparat, stellt sich hinter den Reflektor, damit sein Kunde ihn nicht mehr sieht, hebt die Haube vom Industar-Objektiv, das einst auf einem russischen Kinoprojektor gedient hat. Dann zählt er 30 Sekunden.