Flüchtlingskrise Von Kindern und Männern

Wie infantil ist es, einen Asylsuchenden hereinzulassen? Ein Flüchtling an der griechisch-mazedonischen Grenze, Dezember 2015.

(Foto: Armend Nimani/AFP)

Den neuen nationalkonservativen Bewegungen fehlten ein paar Intellektuelle als Wortführer. Das ändert sich: Rüdiger Safranski, Reinhard Jirgl und ihre Liebe zum deutschen Volk.

Von Thomas Steinfeld

Vor Kurzem gab Rüdiger Safranski, seit vielen Jahren der erfolgreichste Verwalter deutscher Geistesgeschichte, dem Schweizer Journal Die Weltwoche (Heft 52/2015) ein Interview. Darin geht es um den Umgang der Bundesregierung, genauer: Angela Merkels, mit den vielen Asylsuchenden, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland gekommen sind - und nebenher um die Vergangenheit des Schriftstellers in einer kleinen marxistisch-leninistischen Partei. Rüdiger Safranski ist mit der deutschen Asylpolitik nicht einverstanden. "Es herrscht in der Politik eine moralistische Infantilisierung", lautet der Satz, mit dem er das Gespräch beginnt. Und so geht es weiter: Von "Unreife", Naivität und "Weltfremdheit" seien die Bundesregierung wie die deutschen Medien gezeichnet. Dagegen müsse eine "realistische Haltung" eingenommen werden. Realistisch aber sei es, die vielen Flüchtlinge nicht nach Deutschland einreisen zu lassen, sondern an den Rändern der Kriege "Zonen" zu schaffen, in denen die Menschen zu verwahren seien, bis in ihren Heimatländern Frieden herrsche.

Das sind ungewöhnliche Sätze für einen scheinbar so freundlichen Menschen wie Rüdiger Safranski, der beim großen Publikum sehr beliebt ist, weil er mit seiner großen Bildung und Eloquenz den Lesern die schwierige Auseinandersetzung mit dem Werk von Goethe oder Nietzsche erspart und stattdessen aus dem Leben der deutschen Geisteshelden erzählt. Den neuen nationalkonservativen Bewegungen wachsen nun offenbar Wortführer zu, die den Umgang mit Medien gewohnt sind und das öffentliche Formulieren lange geübt haben. Bislang hatte Peter Sloterdijk diese Rolle manchmal übernommen, wenngleich ohne erkennbare politische Absichten: zum Beispiel, als er im vergangenen Sommer erklärte, selbstbewusste Staaten wendeten zur Abwehr von Asylsuchenden eine "wohltemperierte Grausamkeit" an, zu der die meisten europäischen Nationen nicht in der Lage seien (als ob es diese Grausamkeit nicht überall gäbe, durchaus nicht nur wohltemperiert). Rüdiger Safranskis Äußerungen sind dagegen von anderer Art: Sie sollen einem Gegner schaden, und sie sollen eine Änderung der Politik herbeiführen.

Wer andere Menschen für "infantil", "unreif" und "naiv" erklärt, will nicht argumentieren

Zugleich sehen andere Publizisten, die schon länger auf den Wegen denken, die Rüdiger Safranski jetzt beschreitet, die Gelegenheit zu einem großen Auftritt gekommen. Von der Hoffnung, "in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die europäischen Städte keiner muslimischen bzw. arabischstämmigen Mehrheitsbevölkerung überlassen zu haben", spricht Frank Böckelmann, einst führendes Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in München und seit 1979 einer der beiden Herausgeber der Zeitschrift Tumult, in einem polemischen Editorial zur jüngsten Ausgabe (Winter 2015/2016). Das Magazin hatte einmal, in den Achtzigern, für die Avantgarde der französischen Theorie in Deutschland gestanden. Im neuen Heft soll hingegen nun das "Deutsche Volk" geschützt werden. Die Ausgabe ist der "großen Einwanderung" gewidmet, dem angeblichen "Kurzschluss von Ökonomie und Hypermoral" in der Selbstfeier "humanitärer Hingabe".

Um diesem vermeintlichen moralistischen Elend Einhalt zu gebieten, wird eine ganze Reihe von prominenten Autoren aufgeboten. Hans Magnus Enzensberger steuert ein Gedicht bei, das mit den Zeilen "Auf den ersten Blick tadellos. / Wir sind Weltmarktführer" beginnt. Der Schriftsteller Reinhard Jirgl, Träger des Büchner-Preises, der höchsten Auszeichnung für einen deutschen Literaten, liefert einen Essay mit dem Titel "Die Arglosen im Inland" - die "Arglosen" sollen die Deutschen sein, die angeblich nicht erkennen, wie das Ausland ihnen mitspielt. In diesem Artikel sieht Reinhard Jirgl hinter Finanzkrise und Flüchtlingselend dunkle "Kreise in der global operierenden Wirtschaft und Politik" wirken: Es seien nämlich die Vereinigten Staaten, die ein Interesse daran hätten, "Europa weiter wirtschaftlich und politisch zu deregulieren . . . und die sozialen Systeme auszuhebeln". Eine sich angeblich in "Verwaltungsmaßnahmen" erschöpfende, "poröse" und also letztlich unpolitische Politik habe einer solchen Verschwörung nichts entgegenzusetzen. Was die Vereinigten Staaten mit einer elementaren Schwächung Europas weltpolitisch zu gewinnen hätten, erklärt Reinhard Jirgl nicht. Unter den Autoren von Tumult löste diese Ausgabe übrigens so viel Widerstand aus, dass einige ihre Mitarbeit kündigten.

Wer an Verschwörungen glaubt, benötigt Indizien. Gründe kann er nicht gebrauchen. Und wer andere Menschen für "infantil", "unreif" und "naiv" erklärt, will nicht argumentieren. Gewiss, Rüdiger Safranski und Reinhard Jirgl sind Intellektuelle, insofern sie sich öffentlich Gedanken um die verschiedensten Dinge machen. Wer allerdings unterstellt, "deutsche Politiker" seien unzurechnungsfähig wie Kinder, benutzt seine Rolle in der Öffentlichkeit, um sich zum Wortführer eines Ressentiments aufzuschwingen. Denn mit Kindern lässt sich schlecht argumentieren. Folglich braucht man sich um Gegenstand und Zweck der "deutschen Politik" nicht zu kümmern. Also gibt sich Rüdiger Safranski keine Mühe, um die Anmaßung zu begründen, Angela Merkel und ihre Regierung moralisch verblendeter Träumer befänden sich weit unterhalb seines eigenen Reflexionsniveaus.

Die Geschichte der lächerlichen deutschen Moralduselei (Rüdiger Safranski: "Überall in Europa außer in Schweden sagt man: 'Die Deutschen spinnen'") geht so: Deutschland habe nach dem Zweiten Weltkrieg alle außenpolitische Verantwortung aufgegeben und bis zum Fall der Mauer ein kindlich unbeschwertes Dasein führen können, weil es von den Vereinigten Staaten beschützt worden sei. Der entsprechende Zustand der "Unreife" halte sich bis auf den heutigen Tag. Er sei der Ursprung einer als "weltfremd" zu tadelnden "moralischen Mission", die in die Weigerung münde, der Zahl der ins Land kommenden Flüchtlinge eine Grenze zu setzen.

Aber ist das wirklich so? Die Bundesrepublik geht aus der Finanzkrise als das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch wichtigste europäische Land hervor - was sie vor dieser Krise allenfalls im Verbund mit Frankreich war. Sie hat die Staaten des europäischen Südens zu einer Politik des Sparens genötigt, die sie selbst nie gewählt hätten. Sie ist die Garantiemacht des Euro. Sie saß bei den Wiener Verhandlungen um das Atomprogramm Irans unter den Veto-Mächten der Vereinten Nationen. Sie war wesentlich daran beteiligt, dass aus den Finanznöten der Ukraine eine Konfrontation der Europäischen Union mit Russland wurde, durchaus im Dissens zu den Vereinigten Staaten. Es gehört schon sehr viel Ressentiment dazu, die Geschichte einer Emanzipation zur beherrschenden Macht des Kontinents für einen Fall habituell gewordener "Weltfremdheit" zu halten.

Aber es geht ja bei dieser Schmähung, auch wenn sie der "deutschen Politik" als solcher gelten soll, nicht um die Geschichte der Bundesrepublik. Es geht nicht um den Preis der Arbeit, nicht um die Globalisierung des Kapitals, nicht um die Nato, nicht um das gesamteuropäische Kreditgeld, nicht um die Renten, nicht um alternative Energien und nicht um die vielen anderen, tatsächlich lebensentscheidenden Dinge, aus denen sich die "deutsche Politik" zusammensetzt. Es geht nur um einen einzigen Beschluss der Bundesregierung: die Offenheit der deutschen Grenzen für Flüchtlinge. "Merkel hat ganz einfach nicht das demokratische Mandat, ein Land so zu verändern, wie das der Fall ist, wenn binnen Kurzem Abermillionen islamische Einwanderer im Land sind", sagt Rüdiger Safranski - und schon das Wort "Abermillionen" hat einen demagogischen Ton.

Frank Böckelmann sieht die Lage ähnlich: "Wer in Deutschland nun darauf beharrt, mitbestimmen zu wollen, mit wem er (nicht) zusammenleben möchte - politisch zu handeln, schließt nämlich ein, den gemeinsam herausgebildeten Willen nicht rechtfertigen zu müssen -, der wird in die Strafecke der 'Fremdenfeindlichkeit' gestellt." Oft hat sich die Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten verändert, durch den Nato-Doppelbeschluss ebenso wie durch die Wiedervereinigung. Nie gab es für die entsprechenden politischen Entscheidungen, auch wenn sie an die Substanz der Bundesrepublik rührten, ein anderes Mandat als das, was durch Parlamentswahlen entsteht - um einmal abzusehen etwa von der Digitalisierung, die alle Lebensverhältnisse grundlegend veränderte und über die nie irgend jemand abstimmen durfte. Bei den Flüchtlingen aber soll das anders sein.

Das liegt daran, dass die Fremden, die ins Land drängen, die Grundlage allen Volksglaubens zu gefährden scheinen: dass es eine nationale Gemeinschaft gäbe, die aller Politik vorausgeht. Ein Ideenhistoriker - und ein solcher ist Rüdiger Safranski - sollte zwar wissen, dass ein derartiges Kollektiv, das gemeinsam über die eigene Geschichte entscheiden soll, eine Vorstellung ist, die zwar in Ausweispapieren und Steuerbescheiden feste Gestalt anzunehmen scheint, zugleich aber immer eine Beschwörung bleibt. Er sollte wissen, dass es ein Recht, sein Leben in vertrauten Verhältnissen zu verbringen, nicht gibt und nicht geben kann. Rüdiger Safranski indessen will an diese Gemeinschaft glauben, denn er hat sich darin gemütlich eingerichtet: mit dem Bedürfnis, es möge alles so bleiben, wie es ist.

Aber stimmt es denn, dass die Offenheit der Grenzen für Flüchtlinge (die ja durchaus beschränkt ist und weiter beschränkt werden wird) nur ein großer, moralisch begründeter "Denkfehler" ist? Womöglich ist sie nicht nur ein humanitäres, sondern tatsächlich auch ein politisches Projekt - und eines in großem Maßstab: Deutschland, der mächtigste Staat in Europa, definiert sich gegenwärtig neu, jenseits des Glaubens an das besondere, ursprüngliche Volk, nämlich als globalisierte Nation, die eine Verantwortung auch für ferne Länder und ferne Völkerschaften zu tragen hat. Es mag sein, dass dieses Projekt eines neuen Nationalstaats auf Irrtümern beruht. Dann wäre es ein gescheitertes politisches Vorhaben, aber noch lange kein Fall von "naiver Weltfremdheit".

Überhaupt, was hat es denn mit Rüdiger Safranskis Vorschlag auf sich, "in der Nähe der Bürgerkriegsgebiete Zonen zu schaffen, wo die Flüchtlinge in Sicherheit sind, bis der Krieg beendet ist"? Müsste die Bundesrepublik, sollte sie eine solche Politik, von der viele Millionen Menschen betroffen wären, überhaupt nur erwägen, nicht in ganz anderer Weise in diese Konflikte eingreifen, als sie das bisher tut - also nicht nur finanziell, nicht nur mit Luftaufklärung, sondern auch handfest militärisch? Und wäre es, anstatt sich auf ein solches gigantisches Risiko einzulassen, nicht ausgesprochen "realistisch", wenigstens einen kleinen Teil der Flüchtenden (denn mehr ist es ja nicht) im eigenen Land aufzunehmen und auf diese Weise das große Problem zu vermeiden - so wie die Kanzlerin es jetzt tut? Der selbsterklärte Realist Rüdiger Safranski wirft Angela Merkel einen "infantilen" Moralismus vor. Doch seine Vorwürfe sind ihrerseits ganz und gar moralisch: Er will nicht glauben, dass die Kanzlerin eine Politikerin ist. Er hält ihr Engagement für die Offenheit der Grenzen für eine Verblendung von der gleichen Art, wie es einst sein Eintreten für das "Kasperletheater" einer marxistisch-leninistischen Partei gewesen war, die sich an einem sehr entfernten Vorbild, nämlich am China Mao Zedongs, orientierte.

Der Wunsch, von der Geschichte nicht behelligt zu werden, ist für einen historisch gebildeten Menschen ein erstaunliches Verlangen. Dabei müsste er nur die Landkarte betrachten, um zu sehen, in welcher Lage er sich befindet: Außerhalb des europäischen Kontinents, im Südosten und im Süden, herrscht Krieg, seit vielen Jahren, und es ist kein kleiner Krieg, sondern ein großer. Er wird in vielen Ländern ausgetragen und forderte nicht nur Hunderttausende Tote, sondern zerstörte auch die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen. Das Ende des Kalten Kriegs fand in dieser Region nicht statt, im Gegenteil: Die alten Gegensätze werden unter neuen Voraussetzungen fortgeführt, und die Vereinigten Staaten hatten mitsamt ihren jeweiligen Alliierten - und oft von der Bundesrepublik unterstützt - einen erheblichen Anteil an dieser Entwicklung.

Wozu braucht man überhaupt Geschichte? Am besten ist es, wenn alles bleibt, so wie es ist

Anstatt nun wie Rüdiger Safranski durchaus weltfremd zu fordern, diese Kriege und ihre Folgen dürften nicht bis nach Deutschland dringen, hätte man sich eher darüber zu wundern, dass sie erst so spät im Inneren Europas ankommen. Diese Kriege sind eine historische Tatsache, die keineswegs an der türkisch-syrischen Grenze oder am nördlichen Ufer Afrikas zu gelten aufhört. Fakten lassen sich weder abwählen noch wegschicken. Man kann sich aber überlegen, wie man mit ihnen umgeht - und das setzt voraus, dass man darüber nachdenkt, wer welches Interesse an ihnen hat und was man daran ändern kann. Das ist schwierig genug, auch ohne populistische Ressentiments und deren neuerdings redegewandte Wortführer.

Unter den Flüchtlingen, erklärt der österreichische Philosoph Rudolf Burger in Tumult, gebe es "Hunderttausende kräftige junge Männer, die man in Europa als 'wehrfähig' einstufen würde, mit Wurzeln in einer ausgesprochen machistischen Militanzkultur. Damit stellt sich die Frage: Warum laufen sie davon und wehren sich nicht, warum organisieren sie sich nicht und kämpfen? Es geht schließlich um ihr Land, und die Bewaffnung dürfte in dieser Gegend kein Problem sein." Rüdiger Safranski argumentiert ähnlich: "Ein Großteil der Flüchtlinge sind junge Männer im besten Alter, bei denen man sich wundert, weshalb sie ihre virile Energie nicht gebrauchen, um ihr Land wieder in Ordnung zu bringen." Die Forderung ist von perfider Logik, weil sie für die Staaten des Nahen Ostens die gleiche Identifikation von Volk und Staat verlangt, die hierzulande gelten soll. Die Konsequenz aus dieser Forderung aber lautet: Warum bleibt ihr nicht zu Hause und lasst euch erschießen, anstatt uns hier zu belästigen?