Filmproduktion Lizenzen zum Verarmen

Selbstausbeutung und Stundenlöhne einer Putzhilfe: Warum es der Qualität hilft, wenn deutsche Produzenten die Rechte an ihren Werken zurückverlangen.

Von Regisseur Christian Bauer

Filme kommen heute auf vielen Wegen zum Publikum: Neben den großen TV-Kanälen gibt es digitale Spartenprogramme und Pay-Sender, Mediatheken und Internet-Fernsehen(IP-TV). Die deutschen Produzenten sehen in der digitalen Welt die Notwendigkeit, gemeinsam mit den Sendern über Rechtefragen und Honorare neu nachzudenken. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrags beim Filmfestival Dokville in Ludwigsburg.

Dokumentarfilme zu produzieren ist ein schwieriges Geschäft, nicht nur in Deutschland. Aber die deutschen Produzenten geraten ins Hintertreffen gegenüber ihren französischen und britischen Kollegen. Diese behalten Rechte an ihren Filmen und können sie später erneut verkaufen. In Deutschland gilt immer noch das Prinzip, dass bei einer sogenannten "Vollfinanzierung" sämtliche Rechte auf Dauer an den Sender fallen.

Das war auch in Großbritannien über Jahrzehnte hinweg so. Dann erkannte die britische Regierung Ende der neunziger Jahre, dass die Film- und Fernsehproduktion ein wichtiger Wirtschaftsfaktor mit hohem Entwicklungspotential sein kann. Dazu musste die restriktive Vertragsgestaltung der Sender geändert werden: Unter politischem Druck gaben die öffentlich-rechtlichen Sender einen Teil ihrer Rechte auf und einigten sich mit dem Produzentenverband Pact auf zwei wesentliche Maßnahmen. Danach erhält der Sender, der eine Produktion in Auftrag gibt, nur noch eine Lizenz für drei Ausstrahlungen in fünf Jahren. Das Recht zum Verkauf ins Ausland liegt beim Produzenten, der Sender ist mit bis zu einem Viertel am Nettoerlös beteiligt. Nach fünf Jahren fallen alle Rechte an den Produzenten. In Frankreich sind die Lizenzzeiten sogar noch kürzer.

Notorischer Kapitalmangel

Damit Sender die Neuerung nicht einfach mit rigorosen Budget-Kürzungen kompensierten, wurden in Großbritannien Mindestpreise festgelegt. Die Produzenten akzeptierten, dass diese eher am unteren Ende der bislang vereinbarten Produktionssummen lagen. Solch eine Regelung würde die deutschen Produzenten nicht unbedingt schrecken, wenn sie im Gegenzug mehr Rechte bekämen. Denn in der Realität hören Produzenten heute oft: Bitte passen Sie ihre Kalkulation unserem Budget an! So wird aus einer Finanzierung, die in Wirklichkeit nur einen Teil der Kosten deckt, auf dem Papier eine schöne Vollfinanzierung, bei der der Sender alle Rechte für sich beanspruchen kann.

Der Produzent selbst taucht in der Kalkulation nicht auf. Sein Honorar muss ebenfalls aus dem Produktionsbudget kommen - oder er betreibt, weil ihm die Arbeit Spaß macht, Selbstausbeutung. Ähnlich wie die Autoren, die meist keine Wiederholungshonorare bekommen und für Stundenlöhne arbeiten, die unter denen einer Putzhilfe liegen.

Diese Praxis stammt in Deutschland aus einer Zeit, als die öffentlich-rechtlichen Sender Monopolisten waren. Heute gibt es mit den vielen neuen digitalen Vertriebsformen und neuen Spartensendern in Kabel, Satellit und Internet einen Markt für Zweit- und Drittauswertungen. Nur, die Rechte dafür gehören nach wie vor den Sendern. Eine Neuregelung könnte auch der notorisch mangelnden Eigenkapital-Ausstattung der allermeisten deutschen Produktionsfirmen abhelfen: Programmrechte in Produzentenbesitz schlagen in den Bilanzen positiv zu Buche.

Zwei Entwicklungen sind in Großbritannien seit der Neuregelung zu sehen: Ein erstaunlicher Innovationsschub bei den Programmen und gleichzeitig eine Konzentration bei den Produktionsfirmen.

Der Innovationsschub hängt nicht alleine von den Ideen der Produzenten ab. Er ist auch eine Frage der partnerschaftlichen Atmosphäre, in der man neue Formen gemeinsam riskiert. Eine Konzentrationsbewegung mögen manche deutsche Produzenten fürchten. Sie ist aber eine logische Folge der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung des Produktionssektors, von der im Grunde alle profitieren.

Heute ist es fast ein Paradox, dass in Deutschland mit seinen vielen Filmschulen und -studiengängen junge Leute für einen Wirtschaftszweig ausgebildet werden, der in seiner Innovations- und Entwicklungsfähigkeit durch das nach wie vor monopolistische Verhalten der großen öffentlich-rechtlichen Sender eingeengt wird. Neue Verhältnisse in Deutschland kann es nur geben, wenn sich wie in Großbritannien bei den Politikern die Erkenntnis durchsetzt, dass die Produktionswirtschaft mehr Spielraum braucht, um sich weiter zu entwickeln.

Ungehörte Stimme

Es gibt inzwischen die "Protokollnotiz zum 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag" die bislang recht unverbindlich aber immerhin zum allerersten Mal eine angemessene Vergütung für Urheber und eine faire Rechte-Aufteilung fordert. Für die Umsetzung der Protokollnotiz brauchen die freien Produzenten dringend politische Unterstützung.

Allerdings ist bei uns das Verhältnis zwischen Politik und den öffentlich-rechtlichen Sendern kuscheliger als in Großbritannien. Es gibt aber auch innerhalb der deutschen Sender Leute, die erkennen, dass es einem gemeinsamen Ziel dienen könnte, den freien Produzenten mehr Rechte zuzugestehen. Aber ihre Stimme wird kaum gehört. Deswegen richten sich die Blicke der Produzenten nach Brüssel.

Bei einer europäischen Regelung, die für gleiche Chancen sorgt, würden wohl manche Mauern geschleift, die in Deutschland bislang eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie die der britischen Produzenten verhindern.

Der Autor ist Regisseur (Missing Allen) und führt die Münchner Produktionsfirma Tangram Film.