Erste Künstlerliste der Documenta 13 Phantastischer Kosmos

Spekulationen um die Documenta 13 sind derzeit das wichtigste Thema der Kunstszene. Eine erste Künstlerliste, die der "Süddeutschen Zeitung" vorliegt, erlaubt Rückschlüsse auf die Großausstellung in Kassel: Viele US-Künstler, viele Frauen - und kriegszerstörte Objekte aus Beirut. Als zentrales Themenfeld stehen politische Traumata zur Diskussion bereit.

Von Till Briegleb

Eine erste Künstlerliste der 13. Documenta in Kassel liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Sie erlaubt Antworten zu Fragen nicht nur nach den Teilnehmern, sondern auch nach dem Konzept dieser wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst überhaupt. Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin der 13. Documenta, die in drei Wochen eröffnet wird, verhielt sich zu dieser Neugier auf ihren Vortrags- und Interviewtouren bisher durchaus unorthodox: Ein Konzept habe sie nicht, aber sie interessiere sich für alles, wirklich alles.

Und mit der Künstlerliste, dem eigentlichen Heiligtum der Documenta, die sonst auf der Abendmahl-gleichen Pressekonferenz zur Eröffnung wie Oblaten an die Journalisten verteilt wird, hielt Christov-Bakargiev es eher locker. Diverse Künstler beteiligten sich an der Heftchen-Reihe der 100 Notizen, andere wirkten im Kuratoren-Team mit, und es gab auf der Documenta-Website sogar einige Namen der Teilnehmer-Liste zu finden. Trotzdem wurde die Vorstellung, was ab dem 9. Juni für 100 Tage in Kassel zu erwarten sein wird, durch diese Manöver nicht wesentlich schärfer, und Documenta-Spekulationen sind derzeit das wichtigste Thema der Szene.

Nationale Präferenzen

Eine nicht bestätigte Künstlerliste der Documenta 13 erlaubt dagegen jetzt relativ klare Rückschlüsse über die Schwerpunkte der Großausstellung. Zunächst zeigen sich erstaunlich starke nationale Präferenzen, die zum Teil die Biografie von Christov-Bakargiev spiegeln. Ein enormes Drittel der eingeladenen Künstler und Gruppen stammt aus den USA oder lebt dort, wo auch die amerikanisch-italienische Documenta-Leiterin einen ihrer zwei Hauptwohnsitze hat. Dass die Arte-Povera-Expertin zudem für eine anständige Künstler-Gemeinde aus Italien gesorgt hat, ist ebenso ihren persönlichen Netzwerken geschuldet wie die große Zahl australischer Künstler, die sie als Leiterin der Sydney-Biennale 2008 kennen gelernt hat.

Andere regionale Schwerpunkte aber scheinen doch mehr unter dem Gesichtspunkt politischer Konfliktgeschichte gebildet worden zu sein. 16 Künstler mit Wurzeln im arabisch-israelischen Raum (etwa Walid Raad, Etel Adnan, Wael Shawky, Hassan Khan, Kader Attia, Emily Jacir, Omer Fast, Akram Zaatari und Rabih Mroue) sowie sieben Positionen aus Mexiko (neben Francis Alys eher junge Künstler wie Mariana Castillo Deball, Mario Garcia Torres, Pedro Reyes, Abraham Cruzvillegas oder Adriana Lara) reflektieren eine deutliche Hinwendung zu Regionen gewalttätiger Auseinandersetzungen und zu gebrochenen nationalen Identitäten.

Politische Traumata, so belegt es auch die weitere Künstlerliste, stehen damit als zentrales Themenfeld dieser Documenta mit ihrem Untertitel "Collapse and Recovery" zur Diskussion bereit. Die Bilder Vann Naths aus Pol Pots Foltergefängnis S-21 werden ebenso zu sehen sein wie kriegszerstörte Objekte aus dem Beiruter Nationalmuseum, mehrere Arbeiten beschäftigen sich mit Afghanistan, Pakistan oder Indien. Vor allem aber bietet Christov-Bakargiev der Aktivisten-Kunst auf dieser Documenta eine breite Plattform.

Hoher Frauenanteil

Von Claire Pentecosts Kampf für eine neue amerikanische Agrarkultur zur linken Aktionskunst von Amy Balkin, von der Medien-Subversion des Critical Art Ensembles zu Robin Kahns Performances in Flüchtling-Camps, von Zanele Muholis fotografische Ermutigung von schwarzen Lesbierinnen in Süd-Afrika zu Natascha Sadr Haghighians kapitalismus-kritischen Installationen zeigen die früheren Arbeiten der zahlreich vertretenen Eingreif-Künstlerinnen, dass Christov-Bakargiev sich eine aktiv politische Documenta wünscht, deren Hauptakteure weiblich sind.

Nie vorher war der Anteil der Frauen an der Künstlerliste vergleichbar groß, und nie stand Feminismus als Kriterium für die Auswahl derartig hoch im Kurs. Wobei ein besonderes Projekt dieser Wiederbelebung von Women's Lib die Erinnerung betrifft. Zahlreiche ganz oder halb vergessene Künstlerinnen aus allen Ecken der Welt wie die norwegische Weberin Hannah Ryggen, die australische Malerin Margret Preston, oder die Bildhauerin, Duchamp-Muse und Gründerin der Sao Paulo-Biennale Maria Martins illustrieren als historische Referenz die Kontinuität weiblicher Kunst. Beeindruckend wird in diesem Zusammenhang sicher die Präsentation von Charlotte Salomons Bildgeschichte "Leben? Oder Theater?", in der die 1943 in Auschwitz ermordete deutsche Jüdin private wie politische Schrecken als phantastischen Kosmos ausmalt.

Diese Form der Reaktivierung ist schließlich auch Teil eines dritten großen Komplexes, der diese Documenta prägen wird: Die künstlerische Archäologie. Die damit beschäftigten Künstler untersuchen beispielsweise Avantgarden (Carol Bove), Burlesque-Tanz (Dixie Evans) oder okkulte Praktiken (Goshka Macuga, Maria Loboda, Lea Porsager). Ihnen sind Meteoriten (Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg) und Künstlerhotels (Mario Garcia Torres) genauso Motiv, wie die Geschichte der Comedy (Dora Garcia, Michael Portony), das Bernsteinzimmer (Istvan Csakany), Computer (David Link) oder Chorea Huntington (Javier Tellez). Der Ausgangspunkt und oft auch das Material all dieser Kunststrategien ist das Fundstück, das diese Documenta bevorzugt aufsockelt.

Zu diesem starken Zug in die Vergangenheit, den Christov-Bakargievs Künstlerliste auszeichnet, gehört auch, dass wohl selten so viele Tote auf dem größten Festival für zeitgenössische Kunst präsent waren wie dieses Mal. Zahlreiche Verschiedene aus dem letzten Jahrhundert von Man Ray, Lee Miller und Salvador Dali zu Julio Gonzales, Fabio Mauri, Mark Lombardi, Alighiero Boetti und sogar der Computer-Erfinder Konrad Zuse sind zur Documenta-Vernissage eingeladen. Dazu gehört auch der Apfelpfarrer Korbinian Aigner, der in Dachau interniert dort die neuen Fruchtsorten KZ 1 bis KZ 4 züchtete.

Dank Christov-Bakargievs Interesse für alles, wirklich alles, finden sich allerdings auch lebende Wissenschaftler auf der Künstlerliste, etwa der Genetiker Alexander Tarakhovsky oder der Quantenphysiker Anton Zeillinger. Dazu eine Menge Künstler, die offensichtlich speziell zu Themen gecastet wurden, die Christov-Bakargiev in ihrem Generalneugiersplan Weltwissen für die von ihr angestrebte Verwischung der Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft braucht.

Die Beschäftigung mit Architektur oder mit Traumforschung, mit paranormalen Erscheinungen wie mit physikalischen Experimenten kann man auf dieser 13. Documenta erwarten, dazu die Auseinandersetzung über das Verhältnis von Kultur und Natur. Und tatsächlich gibt es auch einige Documenta-Dauergäste und Kunst-Stars, die vielleicht einfach machen können, was sie für gute Kunst halten: Rosemarie Trockel etwa und William Kentridge, Giuseppe Penone oder Lawrence Weiner, Jimmie Durham, Tacita Dean und Mark Dion.

Die vier Schwerpunkte Politik, Feminismus, Archäologie und Weltwissen, die Christov-Bakargievs Künstlerauswahl formuliert, sagen allerdings noch nichts über die Qualität dieser Documenta aus. Auch die starke Gewichtung auf Künstler, die es erst noch zu entdecken gilt, muss kein Makel sein. Die Praxis wird die Tauglichkeit erweisen. Was diese Künstlerliste - auf der die angekündigten Schriftsteller fehlen - vorab verspricht, ist eine große Überforderung. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Zumindest wenn Anstrengung die Erholung ist, die man in der Kunst sucht.

Auf der folgenden Seite finden Sie die Liste aller Künstler, die auf der Documenta 13 ausstellen.