Emojis in der Kunst "Andy Warhol wäre großer Emoji-Fan gewesen"

Graphikdesignerin Liza Nelson inszeniert Emojis mit realen Menschen und Gegenständen. Ihr Werk: "Pretty Warriors".

(Foto: Liza Nelson)

Sind Emojis Quatsch oder Kunst? Eine Annäherung.

Von Klara Fröhlich

Die heilige Maria hat ein ungewöhnlich gelbes Gesicht in dieser Version der "Sixtinischen Madonna". Ihre Bäckchen sind rot, die Augen zwei Schlitze. Ihr Mund ist zu einem lachenden Halbmond verbogen. Das Christuskind, das sie wie in Raffaels Meisterwerk der italienischen Renaissance in den Armen hält, streckt die Zunge heraus und kneift vergnügt die Augen zusammen.

Wer Whatsapp, Facebook oder Imessage nutzt, hat den Gag schon längst erkannt. Anstelle von Gesichtern haben diese Figuren Emojis. Das sind kleine, bunte Symbole, die man mit Textnachrichten verschicken kann - vorausgesetzt man besitzt ein Smartphone, in das sie via App integriert sind. Wie kleine Abziehbildchen kleben die falschen Emoji-Gesichter auf diesem und vielen weiteren berühmten Gemälden, die auf der Webseite emojinalart.com veröffentlicht wurden.

Dabei scheint es den Machern der Plattform darum zu gehen, berühmte Kunstwerke, etwa von Degas, Monet, Dali und Koons, mal anders an ein großes, vernetztes Publikum heranzutragen. Manchmal ist das eine schlichte Verhohnepipelung der Meisterwerke. Manchmal kommen aber auch originelle Kreationen heraus. Doch selbst dann wirkt das Ganze eher wie eine Persiflage auf Kunst.

Selbstgetippte Kunst auf dem Display

Emojis sollten als Beitrag zur Kunst ernst genommen werden, meint Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und -gestaltung an der Universität der Künste in Berlin. Porombka bezeichnet sich selbst als Gegenwartskulturwissenschaftler. "Die Aufgabe von Kunst", so Porombka, "ist es, Dinge, die uns umgeben, in einen anderen Kontext zu setzen und dadurch besser beobachtbar zu machen. In diesem Fall nehmen wir das, was wir auf Handys tippen, plötzlich als Kunst wahr".

Tatsächlich ist es für viele Smartphone-Besitzer alltäglich geworden, Emojis in ihre Nachrichten einzubauen. Sei es, um eine schwierige Nachricht aufzulockern, Gefühle wie Vorfreude, Angst, Trauer und Aufregung auszudrücken, oder um einfach albern und lustig zu sein. Emojis haben sogar eigene sprachliche Ausdrücke geschaffen. So hört man hin und wieder am Ende eines Satzes ein: "Zwinker Smileyface" oder "Smiley mit Daumen nach oben". Dass Emojis zu einem weltweiten Kommunikationsphänomen geworden sind, inspiriere Künstler dazu, sie aufzugreifen und mit ihnen zu experimentieren, sagt Porombka.

Graphikdesignerin Liza Nelson inszeniert Emojis real, um ihre Individualität herauszustellen. Ihr Werk: "Bitch, please"

(Foto: Liza Nelson)

"Bitch, please"

Die amerikanische Graphikdesignerin Liza Nelson zum Beispiel hat ihre Lieblingsemojis aus dem digitalen Kontext gelöst und real inszeniert. Dazu fotografierte sie eine Frau in einem rosa T-Shirt in der gleichen Position, die auch die kleine brünette Emoji-Figur einnimmt. Sie hat ein großes Strahle-Lächeln und eine Hand rechts neben dem Kopf flach angewinkelt, als präsentiere sie einen unsichtbaren Cocktail.

Dieses Emoji repräsentiert eigentlich, laut Unicode-Sprache, eine Infoschalter-Bedienstete. Bei Liza Nelson heißt das Bild jedoch ironisch: "Bitch, please". "Ich wollte Emojis als individuelle Objekte, die Tiefe haben, darstellen", erklärt die Künstlerin, die sich auf ihrer Homepage auch selbst als Emoji darstellt.

Natürlich könnte man Projekte wie Liza Nelsons Emoji-Fotografien als einen flüchtigen Trend abtun, der nichts mit Kunst zu tun hat. Doch laut Stephan Porombka gehe es bei Kunst darum, auch die flüchtige Gegenwart aufzugreifen und zu reflektieren - nichts anderes sei Ziel der Pop-Art gewesen. "Andy Warhol wäre ein großer Fan von Emojis gewesen", sagt der Wissenschaftler. "Er hat die Aussage aufgegriffen, dass wir verflachen, weil wir nur noch vor Werbebildern hängen. Dann hat er Symbole der Werbebranche aufgegriffen und in Kunst transformiert. Er hat nichts anderes gemacht, als Gegenwart zu beobachten."