Emanzipation "Warum nicht auch wir?"

Hier verliert der IS: Mahmoud (stehend, zweiter von links) ist der mutige Organisator des Wettbewerbs.

(Foto: Mike Szymanski )

Auf einer Hinterhofbühne in Istanbul wird Mr. Gay Syria gewählt - ein kleiner Kontrapunkt zur Münchner Sicherheitskonferenz.

Von Mike Szymanski

Als syrischer Mann kann man im Moment sicher ganz andere Sorgen haben, als in Stöckelschuhen umzuknicken und sich das Genick zu brechen. Aber Wisam, viel zu viel Vollbart für seine schmale Statur, fängt sich gerade noch.

Er kennt ja die Bühne. Und Hackenschuhe an den Füßen. Mit Auftritten als Drag-queen schlägt sich der Flüchtling sonst in Istanbul durch. Seine Fähigkeiten als Lehrer sind gerade nicht besonders nachgefragt. Nicht der Rede wert, der Fehltritt, also. Oder doch? Im Hintergrund scherzt Mahmoud Hassino, der Organisator, der Ideengeber dieses bemerkenswerten Nachmittages und Abends: "Haben wir eine Versicherung für solche Unglücke?"

Haben sie natürlich nicht.

Während im fernen wie friedlichen München an diesem Wochenende die Staatenlenker und deren Gesandte bei der Sicherheitskonferenz über die Zukunft Syriens verhandeln, wählt das Publikum am Sonntag in einer kleinen Hinterhofbühne im Istanbuler Stadtzentrum Mr. Gay Syria.

In einer Nebenstraße, nur wenige Minuten zu Fuß von der Haupteinkaufsstraße İstiklal Caddesi im Stadtteil Beyoğlu entfernt, werden keine Spiegelstrich-Pläne für den Frieden im Nachbarland entworfen. Hier stehen auch keine Polizeihundertschaften und riegeln alles ab. Und wenn das der Fall wäre, würde das den Teilnehmern und Besuchern wohl eher Angst machen. Es gab nicht einmal Werbung für diesen Wettbewerb. Die Terrororganisation Islamischer Staat hat seine Todbringer überall. Und was könnte ihn mehr provozieren, mehr verhöhnen, als die Krönung eines schwulen Mr. Syria?

In München ringen die Großmächtigen und wiederbelebten Kalten Krieger aus Russland um einen Zustand für Syrien, der einer Waffenruhe nahekommt. Das ist schwer genug. In Istanbul haben fünf mutige Männer allein mit ihrer Anwesenheit schon einmal Fakten geschaffen. Zu ihrer eigenen Sicherheit sollen sie nur Vornamen haben: Hüseyin, 23, der Barbier aus Aleppo. Er ist vor zwei Jahren in die Türkei geflohen und stellt sich mit einem Knicks vor. Issam, 30, hat einen Job als Buchhalter gefunden. Er trägt auch in seiner Freizeit gerne Krawatte. Omar, 21, ist Koch von Beruf. Er trägt am Hinterkopf einen kleinen Pferdeschwanz. William, der Schönste von ihnen, kommt als Letzter vom Rauchen rein. In seinem hautengen türkisen Hemd müsste er längst durchgefroren sein. Aber er lässt sich nichts anmerken. "Hi!"

Fünf Bärtige, vor denen man Respekt haben muss.

Wisam kennt man schon von seinem Beinahe-Sturz auf der Bühne. Wenn man ihn danach fragt, ob man das überhaupt machen kann, Mr. Gay Syria zu wählen, während sich jenseits der Grenze in Syrien gerade erst wieder Zehntausende auf die Flucht vor all der Gewalt gemacht haben, wo jeden Tag gemordet wird, dann sagt er: Eben darum. "Jeder will seine Rechte. Warum nicht auch wir?"

Der syrische Mann - er soll in der Wahrnehmung des Westens nicht nur Flüchtling oder grapschender Sex-Täter der Kölner Silvesternacht sein. Hüseyin will Mr. Gay Syria werden, damit er Gehör findet. Er möchte dann am liebsten laut herausschreien: "Es ist nichts falsch mit dir!" Denn genau das sei passiert in den vergangenen Monaten. "Immer mehr Schwule fangen an zu glauben, sie seien nicht normal. Sie seien krank." Syrien war auch vor dem Krieg ein homophober Staat. Aber die Erinnerung an das längst untergegangene Land lässt die Männer in einen herrlich glühenden Streit darüber ausbrechen, wo sich die Gay-Community besser habe einrichten können, in ihrer Bubble wohlgemerkt.

Damaskus gewinnt im Streit knapp vor Aleppo. Die ersten Wochen, die ersten Monate des Bürgerkrieges hatten sogar etwas Gutes, erzählen sie. Der Staatsapparat hätte jetzt anderes zu tun gehabt, als Jagd auf Schwule zu machen.

Männer, die mitmachen wollten, waren plötzlich nicht mehr zu erreichen

Das war ungefähr die Zeit, als Mahmoud Hassino die Idee kam, Mr. Gay Syria zu krönen. Der 40-Jährige hat in Syrien und im Irak als Journalist gearbeitet. Er ahnte, in was für eine Hölle der IS sein Land schon bald verwandeln könnte. Erst schluckte aber die Arbeit die Zeit für sein Projekt. Dann war er selbst nicht mehr sicher in diesem Land und floh nach Deutschland. Er büffelte sich durch Integrationskurse. Heute arbeitet er in Berlin bei der Schwulenberatung und kümmert sich um Flüchtlinge. In Berlin hätte er es sicher auch einfacher haben können mit dem Wettbewerb als in der Türkei, wo die Staatsmacht gerne mal Wasserwerfer auffährt bei Schwulen-Demos. Eigentlich ist es ein Wunder, dass es den Contest überhaupt gibt. Etliche Anläufe hatte er unternommen. Er machte sich mit Anzeigen im Internet auf Kandidatensuche. Aber immer, wenn er glaubte, fast am Ziel zu sein, erlebte er Rückschläge.

Männer, die mitmachen wollten, waren vom einen auf den anderen Tag nicht mehr zu erreichen. Sie waren verschwunden, jetzt selbst auf der Flucht. Aus 22 Bewerbern wurden am Ende sechs Teilnehmer für seinen Wettbewerb. Ein Mann fiel am Wochenende noch aus. Hepatitis. Es blieben fünf, auf die der vielleicht zehn Meter lange Laufsteg wartet. Der Raum ist eng, vierzig, vielleicht fünfzig Gäste haben Platz und erleben, wie sich die Wettbewerber mit ihren Träumen und Wünschen präsentieren. Mahmoud Hassino sagt: Darum geht es doch. Der Krieg hat nicht alles ausgelöscht. "Wir sind hier, wir machen das jetzt einfach." Das ist sein kleiner Kontrapunkt zum Treffen in München. Die Regierungen, die dort mit den Mitteln der Diplomatie um eine Lösung kämpfen, hätten erst dann begonnen, sich um Syrien zu kümmern, als die Probleme ihre Länder erreichten - in Person der Flüchtlinge.

Wer diese Männer, aller immer noch etwas lampenfiebrig, fragt, ob sie denken, dass jemals in Syrien eine Zeit anbrechen könnte, in der sie sich offen zu ihrem Schwulsein bekennen, dann lachen sie: "Niemals!" Aber die Show ist groß.

Wer nun Mr. Gay Syria geworden ist? Hüseyin. Ist das wichtig? Mahmoud Hassino sagt: "Es geht darum, dass der IS am Ende nicht gewonnen hat."