Emanzipation Da hat sich etwas angestaut

Im Film "Tiger Girl" verprügelt Tiger (Ella Rumpf) ein paar sexuell aufdringliche Typen.

(Foto: Constantin Film)

Von "Tiger Girl" bis Schnipo Schranke: Woher kommen plötzlich all die jungen Frauen, die Männer vermöbeln, Katzen töten und im Stehen pinkeln?

Von Anna Fastabend

Eine Nacht im Oktober in Berlin-Neukölln, U-Bahn-Station Hermannplatz. Eine junge Frau ist allein unterwegs. Eine Überwachungskamera filmt, wie sie eine Treppe hinuntergeht, gefolgt von einer Gruppe Männer. Plötzlich tritt ihr einer mit voller Wucht in den Rücken, sie stürzt in die Tiefe, bleibt schwer verletzt liegen, die Täter schlurfen davon. Die Frau als Opfer, die U-Bahn als Angstraum, das ist die Vorstellung in allen Köpfen, immer noch und immer wieder. Inzwischen aber scheint dieses Bild auch ein Gegenbild zu provozieren, im Film, in der Literatur, im Theater. Frauen, vor allem junge Frauen, sieht man da auf einmal zurücktreten, zurückschlagen, selbst zu Täterinnen werden. Brutal, hemmungslos, fast berauscht von einer neuen Macht.

Am 6. April startet der Kinofilm "Tiger Girl" von Jakob Lass. Darin verprügeln Tiger (Ella Rumpf) und Vanilla, gespielt von Maria Dragus, ein paar sexuell aufdringliche, auf den ersten Blick körperlich überlegene Typen so lange, bis diese den Rückzug antreten. Ende Januar erschien der Roman "Ellbogen" von Fatma Aydemir. Darin dreht das Mädchen Hazal durch, verprügelt mit Freundinnen einen Studenten, der ihnen zufällig dumm kommt, am Ende stößt sie ihn auf die Gleise, wo ihn ein Zug überrollt.

Hazal nimmt Rache für ein chancenloses Leben

"Wenn jemand in einer U-Bahn-Station zusammengehauen wird, gilt das immer noch als hypermaskuliner Akt", sagt Fatma Aydemir, die 30-jährige Autorin von "Ellbogen": "Ich aber wollte das Gewaltpotenzial einer jungen Frau darstellen." Hazal nimmt an dem blutigen Abend Rache für ein chancenloses Leben: Drangsaliert von den Eltern, verachtet von der Gesellschaft, jobbt sie in einer Bäckerei, klaut Nagellack, hängt bei einem Dealer rum. Als ein Türsteher sie und ihre aufgetakelten Freundinnen an ihrem Geburtstag abweist, schlägt sie zurück. Die brutale Tat scheint nicht nur Hazal, sondern auch dem Leser die logische Konsequenz von Scheitern und Erniedrigung zu sein.

"Es ist nicht legitim, eine Frau zu behandeln, als wäre sie ein ausgeliehener Akkuschrauber"

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Sicherlich sei es kein Zufall, dass gerade jetzt wieder vermehrt gewalttätige, unangepasste und wütende Charaktere in den Künsten auftauchen, sagt Fatma Aydemir. Schließlich wachse die Wut vieler Frauen gegen bestehende Ungerechtigkeiten und den weltweit drohenden Backlash des Zeitgeists. "Wir haben allen Grund, wütend zu sein. Es läuft viel zu viel schief. Es geht um Gleichberechtigung in jedem Bereich." Als Verherrlichung von Gewalt, sagt sie, sei das aber nicht zu verstehen.

Militante Frauenfiguren sind in der Kunst immer noch eine Randerscheinung. Geht es in Erzählungen zur Sache, sind meistens Frauen die Leidtragenden, müssen beschützt, gerettet oder gerächt werden. Nur ein Fünftel aller Actionheldinnen im populären Film ist weiblich, stellte 2014 das US-amerikanische Geena-Davis-Institute für mediale Geschlechterforschung fest.

In der Realität ist Mädchengewalt häufiger, als man glauben würde

Ausnahmen gibt es natürlich, schon immer - von den Amazonen in der griechischen Mythologie und der biblischen Vollstreckerin Judith bis zu den "Pink Violence"-Filmen, die im Japan der Siebzigerjahre brutale Mädchenbanden aus der Arbeiterklasse zeigten. Zuletzt gab es Werke wie Nirpal Bhogals "Sisters' Hood" (2011), einen Film über britische Mädchengangs, oder "Bande de filles" (2014) von der französischen Regisseurin Céline Sciamma, die von einer Schwestern-Gang in den Pariser Banlieues erzählt.

In der Realität ist Mädchengewalt häufiger, als man glauben würde, fast jede fünfte angezeigte Körperverletzung ging im Jahr 2015 laut polizeilicher Kriminalstatistik auf Mädchen und junge Frauen zurück. Mädchen gehen oft besonders skrupellos vor, haben wenig Mitleid und brüsten sich mit ihren Taten, schreibt die Diplom-Psychologin Anja Steingen in ihrem 2016 erschienenen Buch "Mädchengewalt: Verstehen und handeln". Aber: Sie vergreifen sich überwiegend an gleichaltrigen Frauen. Meist geht es um Jungs, hat Steingen herausgefunden. Die Mädchen ordnen sich in der Partnerschaft häufig unter und erleben von ihren Freunden ebenfalls körperliche Gewalt. Sie erniedrigen das weibliche Opfer, um den eigenen Selbstwert zu erhöhen. Das patriarchalische Weltbild bleibt intakt. Werden sie von fremden Männern belästigt, schlagen sie aber auch schon mal brutal zurück.