Eklat nach Interview in der NZZ Philosophiefestival lädt Bioethiker Singer aus

  • Der Bioethiker Peter Singer hätte am Sonntag auf der phil.Cologne zum Thema "Retten Veganer die Welt?" sprechen sollen.
  • Wegen umstrittener Aussagen über das Lebensrecht von Embryos und schwerstbehinderter Säuglinge in den ersten Lebenstagen hat das Philosophiefestival Singer nun wieder ausgeladen. Eine "sachorientierte Diskussion" sei nicht möglich, heißt es.
  • Vielleicht aber hätte eine Diskussion mit dem Bioethiker dem Festival besser getan als eine Absage.
Von Michael Stallknecht

Wenn das Wort "umstritten" auf einen Philosophen der Gegenwart zutrifft, dann auf ihn: Peter Singer. Wo der australische Bioethiker auftritt, gibt es seit Jahren immer wieder Proteste. Das liegt daran, dass er neben einigen sehr freundlich klingenden Dingen einige außerordentlich widerwärtige vertritt: So plädiert Singer einerseits für die konsequente Ausweitung des Tierschutzes und fordert die Bürger reicher Länder zu mehr Spenden für die armer Länder auf. Andererseits bestreitet er, dass Neugeborene in ihren ersten Tagen ein Recht auf Leben hätten. Wenn das Kind unerträgliche Schmerzen habe oder nicht lebensfähig sei, dürften die Eltern es töten.

Auch tritt Singer, der in Princeton in den USA lehrt, für die Ausweitung der aktiven Sterbehilfe auf gesunde Menschen ein, die nicht länger leben wollen. In Deutschland wurde der Streit in diesen Tagen neu entfacht, weil Peter Singer am Dienstag in Berlin einen Preis für "Tierleidminderung" erhalten hat. Behindertenverbände und Sprecher von Parteien protestierten, am Ende sagte der Laudator Michael Schmidt-Salomon seine Teilnahme ab (SZ vom 27. Mai).

Vom Himmel herunter

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Jetzt hat die Debatte auch die phil.Cologne erreicht, das internationale Festival der Philosophie, das gegenwärtig in Köln stattfindet. Singer hätte dort am kommenden Sonntag unter dem Titel "Retten Veganer die Welt?" über Tierrechte sprechen sollen. Doch inzwischen haben die Veranstalter den Vortrag abgesagt. Als Begründung führen sie vor allem ein Interview an, das Singer der jüngsten NZZ am Sonntag gegeben hat. Darin plädiert er unter anderem dafür, dass, wenn man die Wahl habe, Hunderte Schweine oder ein einziges Kind vor dem Feuertod zu retten, man sich von einer gewissen Anzahl an für die Schweine entscheiden müsse. Auch bekräftigte er erneut, dass Embryonen für ihn kein eigenes Lebensrecht hätten und schwerstbehinderte Kinder in den ersten Tagen ihres Lebens keine Personen seien.

Eine "sachorientierte Diskussion" sei nun nicht mehr möglich, teilten die Veranstalter des Kölner Festivals mit. "Peter Singer hat Standpunkte geäußert, die im Widerspruch zu dem humanistisch-emanzipatorischen Selbstverständnis stehen, das die phil.Cologne leitet. Abzuwägen war der Konflikt zwischen dem hohen Gut der freien Rede - ein Wesen der Philosophie - und der inhaltlichen Positionierung von Peter Singer."

Zu ängstlich, um störende Fragen zu diskutieren?

Es ist wohl richtig, dass eine Matinee über vegane Ernährung mit Singer unter den gegenwärtigen Umständen seltsam gewirkt hätte. Dennoch bleibt die Frage, ob die aktive Auseinandersetzung dem Festival, das in diesem Jahr zum dritten Mal stattfindet, nicht besser angestanden hätte als die simple Absage. Auch in Köln gibt man zu, von ähnlichen früheren Äußerungen des Philosophen gewusst zu haben.

Peter Singer selbst zeigte sich am Donnerstag entsprechend verärgert über seine Entfernung aus dem Programm. "Wie können sie sich als Philosophie-Festival bezeichnen, wenn sie zu ängstlich sind, Fragen zu diskutieren, die einige Menschen stören?", sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger. "War das nicht immer die Rolle von Philosophen seit den Zeiten von Sokrates?", fragte Singer - und verwies auf seine zahlreichen Auszeichnungen und Ehrendoktorate. Denkbar gewesen wäre in der Tat die Umwandlung der geplanten Veranstaltung in eine Podiumsdiskussion. Philosophen - und damit mögliche Antagonisten Singers - befinden sich schließlich gerade genug in Köln.

Peter Singer tritt in der eigenen Wahrnehmung durchaus selbst im Namen des humanistisch-emanzipatorischen Anliegens auf, dessentwegen er nun ausgeladen worden ist. Dem "Wesen der Philosophie" hätte es deshalb wohl eher entsprochen, in einem Austausch von Argumenten aufzuzeigen, warum die Voraussetzungen von Singers Denkens human sein mögen - viele seiner Folgerungen aber moralisch extrem verwerflich.