Edith Piaf Ein Lied für ein ganzes Leben

"Junger Mann, machen Sie sich keine Sorgen. Dieses Lied wird um die Welt gehen": Mit "Non, je ne regrette rien" schuf der Komponist Charles Dumont ein Denkmal für Edith Piaf - und sie für ihn. Eine Liebesgeschichte.

Von Stefan Ulrich

Vielleicht sollte man diesem Herrn nicht gleich beim Eintreten mit jenem Lied kommen, das alle immerzu von ihm hören möchten. Womöglich stört es ihn, wenn sein Leben auf einen Song reduziert wird, den er vor einem halben Jahrhundert komponiert hat. Also sucht man erst einmal andere Themen. Zum Glück ist es nicht schwierig, mit Charles Dumont zu plaudern. Der 80 Jahre alte Chansonnier interessiert sich für alles, vom Buddhismus bis hin zu Wikileaks. Statt Vergangenem nachzutrauern, freut er sich auf die Zukunft, die allemal "sehr spannend" werde. Die Jugend sei kein Lebensabschnitt, sondern eine Geisteshaltung, zitiert er Marc Aurel. "Man wird alt, wenn man seine Ideale aufgibt." Und das tut er nicht.

"Car ma vie, car mes joies - Aujourd'hui, ça commence avec toi!" ("Denn mein Leben, meine Freuden - Beginnen heute mit dir!") - für Édith Piaf war dies kein leeres Pathos. Später dankte sie Dumont, er habe ihr die Liebe des Publikums wiedergegeben und im Olympia zum wunderbarsten Abend ihrer Karriere verholfen.

(Foto: DPA)

Dumonts Ideal ist die Liebe. Ihr widmet er nicht nur sein Privat-, sondern auch sein Berufsleben. Er geht in Filzpantoffeln über den Parkettboden seines Salons und holt aus einem Regal seine neue CD hervor. "Charles Dumont chante l'Amour", heißt sie. Die ersten zehn Chansons, "Je reviens te chercher" etwa, wurden von anderen Künstlern geschaffen. "Diese Lieder haben meine Jugend geprägt. Sie waren meine Universität", sagt er. Die anderen zehn stammen von ihm. "Was kann man Schöneres tun, als sich der Liebe zu widmen? Die Liebe gibt die Kraft, die Herausforderungen des Lebens anzugehen, selbst den Tod. Ich schäme mich nicht, den Frauen zu sagen, dass ich sie liebe. Und ich verstehe nicht, warum andere Männer so selten zu ihren Frauen sagen: Je t'aime."

Jetzt scheint der Augenblick gekommen zu sein, "Non, je ne regrette rien" anzusprechen, jenes Lied, das zum Inbegriff Édith Piafs und des französischen Chansons wurde. Charles Dumont hat es einst komponiert. Er nennt es "meine beste Visitenkarte". Ist es ihm nicht unangenehm, stets damit identifiziert zu werden? Er verfällt in sein leises, heiseres Lachen. "Das wäre sehr undankbar, wenn mir das unangenehm wäre. Ich hatte das ungewöhnliche Glück, dass eine Künstlerin auf der Höhe ihres Könnens mein Lied zu einem Welterfolg machte. Ich durfte mithelfen, eine Legende zu schaffen." Auch bescherten ihm die Tantiemen dieses einen Chansons ein gutes Auskommen im Leben. "Soll ich mich über all das beklagen?"

Dabei hätte nicht viel gefehlt, und Charles Dumont wäre ein mäßig erfolgreicher Komponist aus der südfranzösischen Provinz geblieben, der er bis zu jener schicksalhaften Stunde vor nun 50 Jahren war. Der humorvolle, liebenswürdige Herr in der blauen Hose und dem hellen Jeanshemd erinnert sich genau an Ort und Zeitpunkt. "Es geschah am Boulevard Lannes Nummer 67 in Paris, am 5. Oktober 1960, um 17 Uhr", sagt er so pfeilschnell wie andere die Keilerei bei Issos im Jahr 333 vor Christus aufsagen. "Da änderte sich mit einem Schlag mein ganzes Leben."

Dumont hatte zu jener Zeit schon drei Rendezvous mit Édith Piaf hinter sich, bei denen er den Weltstar von seinen Kompositionen hatte überzeugen wollen. Sie endeten alle deprimierend. "Die Piaf war ausgesprochen unangenehm, misstrauisch - ja schrecklich. Sie hielt mich für einen mittelmäßigen Chanson-Schreiber ohne besonderes Talent." Dumont wollte nie wieder zu ihr gehen. Doch dann überzeugte ihn sein Freund Michel Vaucaire, der die Texte zu seinen Kompositionen schrieb, einen letzten Versuch zu wagen.

Lesen Sie auf Seite 2, wie das Lied "Non je ne regrette rien" Edith Piafs Herz erobert hat.

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