"Drive"-Regisseur Winding Refn Bevor alles zu spät ist

Den totalen Flop, den Ruin, den Welterfolg mit dem magischen Film "Drive": Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn hat bereits alles erlebt, Eine Begegnung mit einem, der tief gefallen und doch wieder aufgestanden ist.

Von Fritz Göttler

Die schönsten Momente in "Drive", der elegischen, manchmal sarkastischen Saga vom einsamen Driver in L.A., der präzise seine Kino-Stuntarbeit erledigt, tagsüber, abends dann einen zweiten Job absolviert und als Fluchtfahrer bei mittelprächtigen Überfällen fungiert, die schönsten Momente sind die, wenn, gern zur blauen Stunde, die Gangster in der Bank verschwunden sind. Da sitzt der Driver am Steuer und wartet, der Platz vor der Bank ist abendlich leer, ein schmutziggoldenes Licht kriecht ins Innere des Wagens, er beugt sich kurz zurück und schlägt die Hintertür auf, wartet weiter, ruhig und konzentriert.

Dann ist der erste Gangster da, aber der zweite lässt auf sich warten, der Komplize auf dem Rücksitz wird nervös, aber des Drivers Ruhe scheint von Sekunde zu Sekunde sogar noch zuzunehmen. Hin und wieder blickt er sich kurz um, taxiert die Situation, wie viel Zeit noch bleibt, um den Start und das Entkommen nicht zu gefährden. Er wartet auf den Moment, bevor es zu spät ist, in der letztmöglichen Sekunde wird er starten, keine früher.

Das innere Uhrwerk, das da klickt und dessen Rhythmus sich auf den Zuschauer überträgt, das ist das Geheimnis aller Filme des dänischen Filmemachers Nicolas Winding Refn, 41, der am Wochenende das Filmfest besucht hat. Und in "Drive" - der Film hat voriges Jahr den Regiepreis in Cannes bekommen und ist dann ein internationaler Erfolg an den Kinokassen geworden, gerade ist er bei uns auf DVD erschienen - ist seine Magie besonders unwiderstehlich. Es war ganz einfach, erzählt Refn im Gespräch - ich wollte einen Film machen, in dem man im Auto rumfährt und Popmusik hört ... Was wirklich kein neues Konzept ist, Wim Wenders hat es in den Siebzigern zum Inbegriff des jungen Kinos gemacht.

Der absolute Filmemacher, als der Nicolas Winding Refn sich präsentiert - er kennt sich wahrscheinlich besser aus in der Kinogeschichte als mancher Kritiker, hat mehr Filme gesehen als ein Dutzend Jungfilmer zusammen, vielleicht würde er sogar in der Konkurrenz mit Tarantino gar nicht schlecht abschneiden -, kann plötzlich auch auf Distanz gehen zum Kino. "Ich hatte nie beschlossen, Kino zu machen", erklärt er dann. "Das Kino hat über mich beschlossen ... Na ja, meine Mutter war nicht überrascht, als ich damit anfing."

Refn ist in New York aufgewachsen, ging dann nach Dänemark zurück, dann wieder zurück nach New York, auf eine Schauspielschule, von der er schnell wieder flog, also ging es wieder zurück nach Dänemark. "Ich ging zur Verleihfirma meines Onkels. Sah alle Filme, die auf dem Markt waren, lernte alles übers Filmemachen und über Filmverleih. Was sich verkauft, was sich nicht verkauft, wie man's verkauft. Wie Filmeinkäufer reagieren, worauf sie nicht reagieren. Und dann machte ich meinen ersten Film."

Ein totaler Flop, der Ruin

Der erste Film war "Pusher", 1996, ein wildes brutales Gangsterkultstück aus dem Kopenhagener Dealermilieu. Es hat lange gedauert für einen Film mit diesem Ruf, aber nun ist ein Remake dazu gemacht worden, in den USA - auch dieser Film, Regie Luis Prieto, ist im Tribute des Münchner Filmfests zu sehen. Außerdem "Black's Game", ein isländisches Kleingangsterstück, das Refn mitproduzierte (Regie: Óskar Thór Axelsson). Nach dem "Pusher" hat Refn nur noch einen Film in Europa gemacht, dann wollte er, 2003, auf dem amerikanischen Markt Fuß fassen, mit "Fear X", einem sinistrem Rachemovie (bei uns auch auf DVD). John Turturro als Wachmann einer riesigen Shopping Mall, dem die Welt, nach dem Tod seiner Frau, ein Labyrinth wird aus lauter Überwachungsaufnahmen. Hubert Selby Jr. hat das Script geschrieben, und der Film wurde, von Refn selbst finanziert, ein totaler Flop, der Ruin.

Volles Risiko, voller Einsatz - mit jedem Film, scheint es, hat sich Nicolas Winding Refn neu erfunden. Doch ungeachtet des jugendlichen Zickzacks, der Unruhe in der Serie der diversen Genrefilme, die er ausprobierte und absolvierte - im Gespräch gibt sich Refn total selbstbestimmt. Seine Sätze sind kurz und zackig, und man muss genau hinhören, ob noch was nachkommt oder nicht.