Doku-Blog aus Harper, Liberia Groß

Bub mit totem Babykrokodil - am Straßenrand.

(Foto: Michael Glawogger)

Auf seiner Weltreise macht Dokumentarfilmer Michael Glawogger Station in Harper im westafrikanischen Liberia. Und überlegt unterwegs, ob diese große Welt also doch zu klein ist, um sich zu verstecken.

Von Michael Glawogger

Als Kind hatte er immer gedacht: Die Welt ist doch so groß. Er hatte nicht verstehen können, wieso sich ein gesuchter Verbrecher nicht einfach irgendwo versteckt, wo ihn niemand findet. Allein der Wald hinter seinem Haus war so groß, dass er darin hätte verschwinden können, solange er nur wollte. Aber er hatte auch Angst vor diesem Wald, und so war er insgeheim froh, dass er nie verschwinden musste. Denn die Angst vor der Dunkelheit, dem Rascheln und dem Flüstern wäre immer größer gewesen als vor allem, vor dem er sich hätte verstecken müssen.

Er saß im Auto zwischen Fishtown und Harper. Es war bereits der dritte Tag in diesem Auto. Die Makadam-Straße wand sich durch den Dschungel wie eine rostrote Wunde, und nach jedem Hügel kam der nächste Abschnitt, der aussah wie der letzte. Bei jedem Lastwagen und jedem UN-Jeep, die entgegenkamen, musste man die Fenster zukurbeln, um nicht völlig eingestaubt zu werden. Seine Haare hatten die Farbe der Straße angenommen und fühlten sich klebrig und verfilzt an. Die Schlaglöcher kamen in regelmäßigen Abständen, und tiefe Rinnen, verursacht von den täglichen Regenschauern, querten den Belag.

Vom Zauber des Augenblicks

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Michael Glawogger ist zu einer ungewöhnlichen Reise aufgebrochen: Ohne Script und ohne Plan will er sich ein Jahr lang um die Welt treiben lassen und spontan alles Interessante aufnehmen. Mit dabei ist Süddeutsche.de: Der Filmemacher berichtet über seine Abenteuer im Doku-Blog. Von Paul Katzenberger mehr ... Doku-Blog

Die Dörfer, die auftauchten, boten Mal für Mal ein ähnliches Bild: Menschen, die vor ihren Häusern saßen, Kinder, die fröhlich kreischend winkten, schwarzes, geröstetes oder geselchtes Bushmeat, das in großen Stücken an Holzstäbe geknüpft war, Männer mit Macheten und geschulterten Jagdgewehren, Frauen mit auf den Rücken gebundenen Babys, Mechaniker, die unter rostigen Autos lagen, alte Frauen mit muskulösen Oberarmen, die Holz nach Hause trugen - und dann wieder verbrannter Wald, hohe grüne Bäume und Vögel, die aussahen, als hätten sie einen weißen Hut auf, träge schwebende Geier und Schwärme von Schwalben, die aufgeregt über Reisfeldern kreisten. Hier müsste man sich doch verstecken können. Wo, wenn nicht hier?

Aber er war weiß, weiß und fremd. Er gehörte nicht hierher. Er könnte zwar lange unbemerkt durch den Wald streichen, würde aber doch irgendwann auf ein Dorf stoßen, und selbst wenn er eine Zeitlang dort bleiben könnte, beherbergt und gefüttert würde, käme doch irgendwann ein Polizist, und wäre dann sein Pass nicht mehr in Ordnung, und könnte er nicht erklären, warum er hier sei, würde er in seine Welt zurückgereicht werden wie jeder andere auch. Die Welt ist also doch zu klein, um sich zu verstecken. So sehr er es auch durchdachte, es gab wohl nirgendwo einen Ort, wo man hinkonnte, um unsichtbar zu werden. Es gab keinen Platz, der so abgelegen war, als dass man als Fremder keine Papiere gebraucht hätte. Und doch blieb der alte Kindergedanke in seinem Kopf hängen wie ein Lied: Die Welt ist so groß, man muss sich doch irgendwo verstecken können, wo einen keiner findet.

Nicht, dass er etwas verbrochen hätte oder vorhatte, etwas zu verbrechen. Aber die Möglichkeit des Verschwindens hatte in ihrer ganzen Abstraktheit etwas Verführerisches und Beruhigendes. Dann würde man das eigene Leben ganz woanders leben, mit einem anderen Alltag, anderen Schwierigkeiten, einem neuen Zeitgefühl, verwegenem Schmerz und ungeahntem Glück.

Er verwarf derlei Überlegungen gerade als kindisch, als er einen Buben am Straßenrand stehen sah, der ein totes Babykrokodil am Schwanz hielt, um es schüchtern und mit eben dieser stummen Geste zum Verkauf anzubieten. Er blieb stehen, und der Junge starrte ihn mit ähnlicher Verwunderung an, wie er das kleine Krokodil anstarrte. Er wollte es berühren, und der Bub versicherte ihm in wenigen Worten, dass das Fleisch eines jungen Krokodils besonders schmackhaft sei. Er wiederum wollte wissen, wie er es gefangen habe. Fünfundzwanzig Minuten von hier, am Ufer eines kleinen Flusses, habe er seine Fallen aufgestellt.