"Döner-Morde" - Unwort des Jahres 2011 Spaß fällt weg

Es ist an der Zeit, ein gutes Wort für die Euphemismen einzulegen: Da die Menschen das Entsetzen leider nicht aus Welt schaffen können, hüllen sie es wenigstens in beschönigende Worte. Die "Döner-Morde", die gerade zum "Unwort des Jahres" gekürt wurden, zeugen demnach zwar von Gedankenlosigkeit, aber nicht von Grillfleischgebilden, denen man ungeniert zu Leibe rücken darf.

Von Hermann Unterstöger

Wer immer den Begriff "Bartholomäusnacht" ersonnen hat, kann sich glücklich schätzen, dass damals noch nicht nach dem "Unwort des Jahres" gesucht wurde. Er wäre zum Sieger des Jahres 1572 ernannt worden, mit der Begründung, dass sein Unwort die 2000 Menschen, die in der Nacht vom 23. auf den 24. August in den Straßen von Paris niedergemetzelt worden waren, hinter dem lustigen Vornamen Bartholomäus verschwinden lasse. Dadurch werde das Andenken der Toten besudelt, wo nicht gar ihr Unglück gutgeheißen.

"Döner-Morde" ist das Unwort des Jahres 2011. Ohne Zweifel zeugt der Ausdruck von ebenso großer Gedankenlosigkeit wie Hartherzigkeit, und zwar unabhängig davon, ob man hinter den Mördern Nazis, Landsleute der Opfer oder sonstige Schurken vermutete. Dennoch ist es Zeit für einen Zwischenruf.

(Foto: dpa)

Es könnte nun der Eindruck entstehen, als wollte ich hier, hinter dem Rücken der seriöseren Kommentatoren und in sicherem zeitlichen Abstand zu ihnen, das Unwort des Jahres 2011 - die "Döner-Morde" - verteidigen und rechtfertigen. Dem ist nicht so. Der Ausdruck zeugt von ebenso großer Gedankenlosigkeit wie Hartherzigkeit, und zwar unabhängig davon, ob man hinter den Mördern Nazis, Landsleute der Opfer oder sonstige Schurken vermutete.

Nun ist aber in Teilen der Presse insinuiert worden, dass Leute, die diesen Begriff verwendeten, die Opfer als Grillfleischgebilde hinstellen wollten, denen man ungeniert zu Leibe rücken dürfe. So gesinnungsstark das gesagt sein mag, so lebensfern ist es gedacht, und deswegen muss man dazwischenrufen und ein Wort für die Euphemismen einlegen.

Wer einen Euphemismus verwendet, dem wird schnell unterstellt, dass er mit Entsetzen Scherz treibe, eine Tätigkeit, bei der laut Schiller "Weiber zu Hyänen" werden. Im Leben geht es indessen nicht ganz so krass zu wie in der Dichtung. Die Lust, mit Entsetzen echt Scherz zu treiben, ist bei den meisten Menschen gering oder jedenfalls nicht aktiv. Ihnen reicht es schon, wenn sie das Entsetzen, das ja leider und nicht zu knapp vorhanden ist, einigermaßen von sich fernhalten, und da sie es realiter nicht aus der Welt schaffen können, hüllen sie es wenigstens in beschönigende Worte: heimgehen statt sterben. Man kann das für Feigheit halten, doch wenn man sich vor Augen führt, was unter dem Banner der Tapferkeit schon an Dummem geleistet wurde, ist diese Art von Feigheit nicht sonderlich schändlich.

Frivol klirrendes Wort

Apropos heimgehen: Im April 1925 wurde Fritz Haarmann dafür, dass er 24 Jungen ermordet hatte, unter das Fallbeil gelegt. Bald danach sangen die Deutschen mit den heitersten Mienen, was als Parodie auf ein Operettenlied Walter Kollos in Umlauf gekommen war: "Warte, warte nur ein Weilchen, / bald kommt Haarmann auch zu dir, / mit dem kleinen Hackebeilchen / macht er Hackefleisch aus dir" - und es ist nicht anzunehmen, dass sie auf diese Weise insgeheim billigten, was der Mann getan hatte.

Man muss nicht, kann aber in dem Zusammenhang durchaus auch die "Reichskristallnacht" erwähnen. Von ihr sagen ernsthafte, unter den damit bezeichneten Untaten bis heute leidende Leute, dass sie den Schrecken sehr wohl ins frivol klirrende Wort fasse und das Andenken der Opfer keineswegs ans Schampusglas ausliefere. Die "Döner-Morde" adelt das nicht, aber vielleicht hilft es ein wenig beim Entrüsten.