Forensic Architecture – "77sqm_9:26min"

Eines der größten Projekte der Documenta 14 spiegelt sich in dem Film "77sqm_9:26min". Er fasst die "Gegen-Ermittlungen" der Londoner Gruppe "Forensic Architecture" zusammen, die sich, elf Jahre nach dem NSU-Mord an Halit Yozgat, noch einmal mit dem Fall beschäftigten. Künstler, Architekten, Filmemacher, Kulissenbauer und Performer versuchten sich an der Antwort auf die Frage, ob Andreas Temme, ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, entgegen seiner Aussagen nicht doch Zeuge des Verbrechens war. Dafür haben sie den Tatort, das Internet-Cafe in der Holländischen Straße 82 in Kassel, anhand von geleakten Akten und einem Polizei-Video, in dem Andreas Temme selbst das Verlassen des Tatorts nachstellt, minutiös rekonstruiert. Ihre Ergebnisse stellten sie bereits im April während der Eröffnung der Documenta 14 in Athen der Öffentlichkeit vor. Doch erst in diesem Film findet das Projekt seinen Abschluss, einer Erzählung, wie sie zeitgenössischer nicht sein könnte. Sie verschlingt Animationen mit Fotos vom Set, auf dem Schauspieler jede Bewegung von Andreas Temme simulieren, während im Hintergrund eine Zeitschiene zu sehen ist - als Gitterbild in Grau - auf dem blaue, rote und gelbe Vektoren den entscheidenden Moment immer enger eingrenzen. Nein, so das Fazit, Andreas Temme hat gelogen. "Es gibt Fakten in einer Ära des Post-Truth", sagt Eyal Weizman von Forensic Architecture, "und wenn die Polizei und der Staat nicht auf drängende Fragen antworten, ist es Zeit für uns, die Ermittlungen zu übernehmen, mit dem Werkzeug der zeitgenössischen Kultur". Jetzt, so Weizman, sind andere dran mit ihren Recherchen - nach den Vertuschungen des Verfassungsschutzes und den Verstrickungen mit der Politik beispielsweise. Vor allem aber mit einer Frage: "Ist das Leben der Menschen, der Migranten und Flüchtlinge, die in diesem Land leben, überhaupt sicher?"

Bild: Documenta 10. Juni 2017, 08:552017-06-10 08:55:38 © SZ.de/khil