Digital-Rock von Tame Impala Album des Sommers

Der neue Guru der Soundtüfler: Kevin Parker von Tame Impala.

Ist es Rock? Oder doch Elektro? Eigentlich egal - denn "Currents", das neue Album der australischen Band Tame Impala, ist ein Meisterwerk.

Von Jan Kedves

Von der amerikanischen Website Pitchfork bis zu Spiegel Online sind sich die Musikkritiker einig: Höchstpunktzahlen für das am letzten Freitag veröffentlichte neue Album der australischen Rockband Tame Impala. Der Konsens ist absolut nachvollziehbar: 51 Minuten und 10 Sekunden lang zündet auf "Currents" (Interscope) eine brillante Idee nach der anderen. 13 Stücke, hineingehängt in einen majestätisch hallenden Klangraum, den Kevin Parker, Sänger und Produzent der Band aus Perth, so großzügig angelegt hat, dass in ihm Gitarren- und Keyboardriffs nur so flirren und das Schlagzeug von schräg hinten nach vorne federt, und wieder zurück.

Vom ersten Hören an ist man gepackt. Erst recht, wenn Parker dann in sanften Falsettmelodien anfängt zu singen - von "change", "moving on" und "letting go", also der Sehnsucht nach allem Neuen.

"Currents" ist ein Meisterwerk. Und auch vor dem Hintergrund sehr interessant, dass eine der großen Erzählungen im Pop in den letzten Jahren ja die von der Innovationskraft der elektronischen Musik war. Sie hatte, so schien man sich einig, den Rock kreativ abgelöst. Exemplarisch dafür standen Daft Punk: Seit Mitte der Neunziger spielte das französische Duo über drei Alben hinweg krass verzerrten Robot-Rock und ebnete damit - bevor es mit "Lucky" auf Retro-Disco umschaltete - der heutigen, volldigital böllernden EDM ("Electronic Dance Music") den Weg. Rockbands sahen während dieser Zeit alt aus, man rockte lieber auf Elektro-Partys.

Der Soundtüftler als Juwelier

Mit "Currents" von Tame Impala scheint diese Erzählung jedoch an ein Ende gekommen. Die Band mag sich zwar am meisten auf den Psychedelic-Rock der Siebziger berufen, etwa auf Cream oder Pink Floyd, klanglich aber ist ihr Album von einem modernen Dance-Album kaum zu unterscheiden. Was vor allem am sensationellen, bis ins letzte Detail durchgearbeiteten Sounddesign liegt. So brillant meint man nicht einmal den König aller elektronischen Soundfrickler, Aphex Twin, gehört zu haben. Verkehrte Welt? Kaum. Denn produktionstechnisch gibt es zwischen dem, was gemeinhin Rock genannt wird, und dem, was unter dem Label "elektronische Musik" läuft, kaum noch Unterschiede.

Wenn Sie die Songs nicht hören könne, melden Sie sich bitte bei Spotify an.

Das Ausgangsmaterial mag aus analogen Quellen stammen - Gitarre, Drumkit, schlachtschiffgroße Modular-Synthesizer -, doch aufgenommen und zusammengebaut wird alles digital. Kevin Parker, der "Currents" allein produziert hat, schrieb im April auf der Social-News-Website Reddit, dass er in seinem Heimstudio am liebsten mit "Live" arbeite, einer Software der Berliner Firma Ableton, die anfangs vor allem bei Techno-Musikern beliebt war. In den letzten Jahren hat sich "Live" genreübergreifend, auch im Rock, als Studiostandard durchgesetzt. Das Programm erlaubt es, jede einzelne Sound-Information - ähnlich einem Juwelier - unter die Lupe zu nehmen, zu fräsen, zu polieren und einzufassen.

Solche Detailarbeit macht Kevin Parker offenbar sehr viel Spaß: Weit mehr noch als auf den erdiger klingenden Vorgänger-Alben "Innerspeaker" (2010) und "Lonerism" (2012) schmirgelt er auf "Currents" jedes einzelne Hi-Hat-Zischen ein wenig anders an, und Percussion-Sounds modelliert er in die exakte Mitte zwischen Klatschen und Fingerschnippen.

Wie im 3-D-Kino

Wie weit vorne er mit diesem psychedelisierten Digital-Rock, der rhythmisch eine große Nähe zu moderner Clubmusik hat, liegt, zeigt sich auch im direkten Vergleich mit einer anderen Veröffentlichung der vergangenen Woche: dem neuen Album der Chemical Brothers. Die Briten gehörten einst zur Avantgarde derjenigen Technomusiker, die es aus den Clubs ins Stadion zog und die mit Sängern wie Noel Gallagher von Oasis kooperierten, um ans Format der großen Rockhymne anzuschließen. Damit war das Duo sehr erfolgreich. Doch das neue Chemical-Brothers-Werk "Born in the Echoes" zündet kaum, auch nicht auf dem Stück "Wide Open", bei dem als Gastsänger kein Geringerer als Beck dabei ist.

Es liegt nicht mal an den Bestandteilen - die sind denen von Tame Impala gar nicht unähnlich: weite Echos, knallendes Rockschlagzeug. Mit "I'll See You There" gibt es sogar eine wilde Psych-Rock-Jam, in der Phasing-Effekte zum Einsatz kommen - jene Psychedelic-Spezialität, bei der das Stereosignal plötzlich klingt, als jage ein Düsenjet quer durchs Mischpult. Doch irgendwie schaffen es die Chemical Brothers, sogar diesen Trick noch seltsam eindimensional klingen zu lassen. Während er einem bei Tame Impala - zum Beispiel im Song "Past Life" - gleißend durch den Kopf schießt wie im 3-D-Kino.

Dass die Chemical Brothers plötzlich wie aus der technischen Steinzeit klingen, während "Currents" kaum moderner daherkommen könnte - das ist eine der Pointen des Popsommers 2015. Die alten Grenzlinien haben sich wegdigitalisiert, und der momentan beste Soundprogrammierer ist Sänger einer Rockband.