"Die Vermessung der Welt" im Kino Um die Erkenntnis herum

Detlev Buck bringt "Die Vermessung der Welt" in die Kinos: Humboldt als humorloser Klemmi mit Geodreieck und der alte Gauß als arroganter Choleriker, der ständig einschläft. Das ist unterhaltsam anzusehen - doch die eigentliche Geschichte der beiden ist weder unterhaltungsromanfähig noch verspielfilmbar.

Von Jan Füchtjohann

Es musste etwas passieren. Seit Jahren geht es steil bergab mit dem deutschen Vorsprung durch Technik. Während asiatische Tigermütter ihre Kinder in Mathematik und Wissenschaft zu immer neuen Höchstleistungen drillen, schreiben ihre deutschen Altersgenossen Liebesbriefe an Justin Bieber oder verfetten vor ihren Spielekonsolen. Schon heute soll ein Drittel der Deutschen nicht mehr wissen, was "40 Prozent" bedeutet: Ein Viertel vielleicht? Oder doch bloß jeder Vierzigste?

So kann es jedenfalls nicht mehr weitergehen. Doch zum Glück naht Rettung, und zwar von höchster Stelle. Ein mehrfach mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneter Regisseur macht Mathematik und Wissenschaft jetzt endlich wieder sexy. Dafür hat er sich eines deutschen Weltbestsellers angenommen, der sich um zwei große Deutsche dreht, einen Mathematiker und einen Naturforscher. Alles spielt zu Zeiten, in denen auch hierzulande noch "chinesische Verhältnisse" herrschten: Damals war alles rauer, brutaler und dreckiger, dafür ging es aber ordentlich voran.

Die Rede ist von Detlev Buck, der Daniel Kehlmanns Erfolgsroman "Die Vermessung der Welt" verfilmt hat: die Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts spielende Doppelbiografie des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt. An einem der Höhepunkte des Films sieht man den jungen Gauß (Florian David Fitz) auf einen Balkon klettern und eine hübsche junge Frau (Vicky Krieps) verführen, indem er ihr seine Zahlentheorie erklärt. Am Beispiel einer Wäscheleine! In 3-D!

Mann als Allegorie

Den tieferen Zusammenhang zwischen Disquisitiones Arithmeticae und Sexualerfolg bleibt der Film allerdings schuldig. Sagen wir, man begegnet in einer schummrigen Bar der Frau seiner Träume. Sollte man dann eher Kettenbrüche oder die Geschlechter quadratischer Formen diskutieren? Man erfährt es nicht. Und genau das ist das zentrale Problem von "Die Vermessung der Welt".

Es ist nämlich durchaus nett, Gauß als Kind in der Schulstube, als Landvermesser im Dreck oder mit einer Geliebten im Bett zu sehen, auch wenn die 3-D-Effekte dabei seltsam keusch bleiben. Noch unterhaltsamer ist es, mit Humboldt (Albrecht Abraham Schuch) auf seine amerikanische Forschungsreise zu gehen, gemeinsam Berge zu besteigen, im Urwald durch tiefen Schlamm zu rutschen, Kopfläuse zu zählen und dem französischen Assistenten das Schmusen mit barbusigen Eingeborenen zu verbieten.

Dass Humboldts preußische Zwangsneurose, ständig alles ordnen, vermessen und sammeln zu müssen, ein bisschen überzeichnet ist - geschenkt, der Mann ist eben eine Allegorie. Genau wie Gauß, der mitten in seiner Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine wichtige Formel zu notieren. Der eine ist eben ein Weltreisender, der andere ein Stubenhocker, aber ob im Dschungel oder im Fieber, im Dreck oder im Bordell, immer haben beide nur das eine im Kopf: den Erkenntnisfortschritt.

Und das ist ja tatsächlich verblüffend. Oder wäre zumindest verblüffend, wenn die beiden nicht hauptsächlich als Trottel vorgeführt würden. Humboldt als humorloser Klemmi, der die Welt immer nur durch ein Geodreieck betrachtet und dabei das Wichtigste übersieht. Und der alte Gauß als arroganter Choleriker, der ständig einschläft.