Die CDs der Woche - Popkolumne Friebe reimt sich auf Liebe

Jens Friebe geht irre Silbenwege, um Bilder zu malen, er fasst Krieg und Frieden in Supermarktpoesie zusammen.

(Foto: dpa)

Jens Friebe ist der deutsche Liedermacher der Generation Akkuleer. Seine neue Platte ist wieder ein kunstvoll angewelkter Blumenstrauß. Friebe denkt nach über verpasste Chancen, über Tod, Schlaf, Silvester - und singt dabei große Wahrheiten. Die Popkolumne - zum Lesen und Hören.

Von Max Scharnigg

Wer je ein Album von Jens Friebe in dem Moment hörte, in dem ein guter Rausch in Müdigkeit umkippte. Wem je im Zustand akuter Großstadtverzweiflung eine seiner wahnhaften Zeilen ins Hirn schlich, wer je Kopfweh beim Blümchensex bekam, der weiß: Jens Friebe ist wahrscheinlich der deutsche Liedermacher, der von allen am nächsten dran ist: am neuen Genie. Am echten Schmerz, der ja nicht schwarz ist sondern mit Neonröhren ausgeleuchtet. Und an der Generation Akkuleer.

Die Kunde des fünften Friebe-Albums verbreitete sich schnell unter denen, die zwar schon eine Balkonbepflanzung haben, aber trotzdem noch in Clubs gehen. Der Titel dazu klang bereits als Flüsterpost gut: "Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen aus" (Staatsakt). Darüber kann man sich schon mal zehn Minuten freuen. Die Platte dann ist tatsächlich wieder so ein kunstvoll angewelkter Blumenstrauß geworden, mit dem ein angetrunkenes Transgender-Pärchen in Friedrichshain aufeinander eindrischt.

Besonders bewundernswert ist Friebes Textverständnis, er geht irre Silbenwege, um Bilder zu malen, er fasst Krieg und Frieden in Supermarktpoesie zusammen, schreibt Tagebuchszenen so auf, dass alles gesagt ist. Kleine Zeilen wie: "Und ich bin er / und du bist sie / in der romantic comedy" singt er so unendlich langsam und traurig, dass man danach mehr über die Liebe weiß als nach vier Hochzeitsmessen.

Die Tröstlichkeit des allabendlichen Augenschließendürfens

Oder der immer etwas grippal wirkende Friebe über den Tod - ein gewaltiges Epos. Bei den Botschaften überwiegt diesmal das lebenswunde Betrachten der verpassten Chancen und das Nachdenken über die Enden des Lebens, über Tod, Schlaf, Silvester. Ganz besonders schön ausgebreitet ist diese Wehmut im "Schlaflied" - einem grandiosen Wiegenlied über die Tröstlichkeit des allabendlichen Augenschließendürfens:

"Und alles, was verloren war, ist hier / Und alles, was kaputt war, funktioniert / Und alles, was uns irgendwann zerbrach / Wird heil im Schlaf / Und alles, was vergangen war, fängt an / Mit allen, die man nicht vergessen kann / Und allen, mit denen man nicht schlafen darf / Schläft man im Schlaf." Große Wahrheiten.

Friebes Stimme ist dabei ein ewig desperates Unentschieden zwischen Flüstern und Pöbeln und er bringt sie wie stets gut mit Flohmarktmusik zusammen. Er hat diese billigen, aber nie herzlose Plastikgeräusche perfektioniert, lässt mal den Keyboard-Beat dengeln wie der Alleinunterhalter in der Tanzschule, dann kommt er mit romantisch überdrehten Groß-Kompositionen an, wie ein Pornoregisseur mit einer Versailles-Kulisse. Friebe reimt sich auf Liebe und das ist es eigentlich. Obwohl er durchweg großartige Platte vorgelegt hat, vergisst man ihn, wenn es um die ewigen Lieblingslieder geht. Vielleicht, weil sich Friebe immer noch anfühlt, wie dieser abgerissene Kiez am Stadtrand, in dem man viele gute Nächte hatte, wo man aber tagsüber nie hinkommt. Jens Friebe ist immer noch nicht gentrifiziert.

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