Debatte um den Zölibat Die Angst der Kirche vor der Sexualität

Die Enthaltsamkeit katholischer Priester ist keine Ausgeburt von Religionsfanatismus. Der Zölibat basiert auf einem archaischen Reinheitskult, den Jesus überwinden wollte.

Von A. Angenendt

Zölibat ist die in der lateinischen Kirche den priesterlichen Amtsträgern abverlangte Ehelosigkeit. Im Neuen Testament spricht Jesus, der unverheiratet war, von Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen" (Mt 19,12). Paulus kennt ein "Unverheiratetsein um des Herrn willen" (1 Kor 7,32). Was er aber nicht als "Gebot", sondern als "Rat" versteht: "Wer heiratet, handelt gut, wer nicht heiratet, handelt besser." Das ist die Höherstufigkeit des Unverheiratetseins, aber kein Pflichtzölibat für höhere Amtsträger. Denn, so Paulus weiter: "Haben wir nicht das Recht eine gläubige Frau mitzunehmen wie die übrigen Apostel ... und wie Kephas" (1 Kor 9,5). Petrus, der erste Papst, hat demnach den höheren Rat nicht befolgt, lebte offenbar nicht zölibatär. Den späteren neutestamentlichen Briefen zufolge sollen Bischöfe und Diakone "nur einmal verheiratet" (1 Tim 3,2.12) sein und sich als "gute Familienväter" (vgl. 1 Tim 3,4.12) bewähren.

Dass der "Rat" zur Ehelosigkeit nicht eine Ausgeburt von Religionsfanatismus und Sexualfeindlichkeit ist, liest man am besten bei Max Weber nach: Charismatische Personen müssen außerhalb der Bande der Familienpflichten stehen und darum die "faktische Ehelosigkeit zahlreicher Träger eines prophetischen oder künstlerischen Charisma". Sympathischer sind uns von vornherein die anderen "Räte" des Neuen Testaments, der Verzicht auf Besitz und Herrschaft. Das Mönchtum hat diese Räte zu realisieren unternommen. Franz von Assisi und Mutter Theresa, die danach gelebt haben, sind weltweit bewunderte Gestalten. Religion braucht eben "gut Beratene".

Die Forderung der Ehelosigkeit für alle Altardiener kommt von woanders her, aus dem Feld der kultischen Reinheit. Diese besagt: Heiliges darf nur "rein" berührt werden. Als Inbegriff dafür stehen die "reinen Hände". Unreinheit zieht man sich zu durch das Essen bestimmter Nahrungssorten, durch Berühren von Toten, besonders aber durch Beflecktwerden mit Sexualstoffen, mit Mannessamen sowie Menstruations- und Geburtsblut. Wir begegnen hier einem weltweiten Religionsphänomen, anzutreffen genauso in Japan wie in China, in Griechenland wie in Rom, insbesondere in Israel. Dem Alten Testament zufolge verunreinigen sowohl Mannessamen wie Menstruationsblut und wirken ansteckend. Befleckend wirkt auch ehelicher Beischlaf: Es müssen "sich beide in Wasser baden" (Lev 15,18). Ebenso ist die Frau nach der Geburt "unrein" und bedarf eines "Sühnopfers" (Lev 12,2-7).

Demgegenüber vollzog Jesus einen totalen Bruch. Er verabsolutierte die zuletzt schon im Alten Testament angebahnte Umwandlung der kultischen Reinheit in Ethik: Rituelle Waschungen machen Hände nicht rein, unreine Speisen werden durch den Darm ausgeschieden, der Kontakt mit unreinen Menschen, ob nun mit Dirnen, Zöllnern, Sündern (Mk 7,1-6) oder einer blutflüssigen Frau (Mt 9,20-22), befleckt nicht. Reinheit und Unreinheit steigen allein aus dem Herzen auf, kommen aus den guten und bösen Gedanken. Das ist im Vergleich zu aller Religionswelt ein revolutionärer Durchbruch.

Tatsächlich hatte die kultische Reinheit in den ersten christlichen Jahrhunderten keine durchschlagende Bedeutung. Eigens wurde verkündet, auf kultische Waschungen zu verzichten, auch nach ehelichem Beischlaf anderntags die Kommunion empfangen zu können, auch die Geburt mache nicht unrein. Manchen in den Christengemeinden ging das zu weit, sie wandten entweder die alttestamentlichen Reinheitsriten wieder an oder gingen dafür in die Synagoge. In einem Punkt allerdings geschah auch im Christentum ein Zögern: Frauen wurden nicht zum Altardienst zugelassen, obwohl Jesus "Jüngerinnen" um sich hatte und Paulus von "Diakoninnen" spricht. Der Grund ist unschwer zu erahnen: Die Frau galt als Quelle von Unreinheit.

Die große Veränderung kam seit der Spätantike. Heiliges berühren durften nur wieder reine Hände, verstanden nun als unbefleckt von jeder Sexualität. Damit begann die Durchsetzung des Zölibats für alle Altardiener. Die Päpste sind hier seit Gregor VII. (†1085) rigoros vorgegangen, trotz Revolten der Kleriker. Das Zweite Laterankonzil von 1139 verbot allen Klerikern vom Subdiakonat aufwärts die Ehe, denn es sei "unwürdig, dass sie sich geschlechtlichen Ausschweifungen und Unreinheiten hingeben".

Unwürdig, als befleckt

Kluge Köpfe wandten ein, dass Ehelosigkeit ein Rat sei, und als man Priestersöhne rechtlich zu benachteiligen begann, wurden all jene Päpste aufgezählt, die als Priestersöhne auf den Stuhl Petri gelangt waren. Letztlich aber war es doch nicht nur Druck von oben. Unterschwellig zog sich durchs ganze Mittelalter, wie der berühmte Jan Huizinga einmal schrieb, die kultische Reinheit: "Die Sakramente eines Priesters, der in Unkeuschheit lebt, sind ungültig, die Hostie, die er konsekriert, ist nichts als Brot." Sogar Erasmus von Rotterdam (†1536), selbst wie so viele andere Sohn eines Priesters, sah in der kultischen Reinheit immer noch ein Ideal, freilich ein unrealisierbares.

Mit dem Heiligen nur "rein" umzugehen, veränderte das Klerus-Verhalten wie die Liturgie. Bei Berührung der Hostie ging es bis zur Fingerhaltung; "Entziehungswunder" schilderten das Verschwinden der Hostie aus beschmutzten Priesterhänden; Zelebranten beklagten sich als unwürdig, weil befleckt "wie das Tuch einer Menstruierenden". Eigentlich sollten Priester zugleich Mönche sein. Aber auch die Laien waren betroffen. Sie durften wegen ihrer permanent unreinen Hände die Gaben nicht mehr auf den Altar legen, erhielten die Kommunion nicht mehr auf die Hand gereicht, sondern in den Mund gelegt.

Mit seiner kultischen Reinheit stand das mittelalterliche Christentum in bester Religions-Ökumene. Die Judenheit hielt an ihren Reinheitsvorschriften fest und hatte dafür jeweils die Mikwe, das Reinigungsbad mit reinem Quellwasser. Noch heute besteht das orthodoxe Judentum auf dieser Reinigung. Der Islam kannte und kennt bis heute die große und kleine Reinigung. Einer der Tower-Attentäter vom 11. September 2001 - um ein besonders krasses Beispiel zu nennen, das freilich nicht für die Gesamtheit der Muslime gelten kann - verfügte testamentarisch, dass Frauen seinem Leichnam fernzubleiben hätten.

Lesen Sie auf Seite Zwei, wie sich mit der Reformation die Zölibatsforderungen veränderten.