"Das Mädchen Wadjda" im Kino Eine kleine Sensation

Saudi-Arabien ist ein Land ohne Kinos. Und auch Frauen sollen hier weder zu sehen noch zu hören sein. Haifaa Al Mansour hat diese Regeln einfach alle gebrochen - für einen wirklich guten Film.

Von Martina Knoben

Grün ist die Farbe des Propheten, die Farbe der Hoffnung und des Lebens. Und grün ist auch das Fahrrad, das dem Mädchen Wadjda (Waad Mohammed) erscheint, scheinbar schwebend, auf der offenen Ladefläche eines vorbeifahrenden Lkws. Es ist ein Bild reiner Bewegung, die Dynamik des Films ergibt sich daraus. Nachdem dieses Fahrrad wie ein Pfeil ins Herz des Mädchens gerauscht ist, treibt die Sehnsucht nach ihm die Handlung voran. Wadjda will unbedingt Geld verdienen, um das Rad zu kaufen, meldet sich sogar zum Koranrezitier-Wettbewerb ihrer Schule an. Und wenn das Mädchen - so viel muss an dieser Stelle verraten werden - am Ende auf dem Traumrad durch Riad saust, ist das ein Zeichen des Wandels. Kein billiges Happy End ist das, eher ein skeptischer Wunschtraum: Ob die saudische Gesellschaft tatsächlich so dynamisch ist, wie dieses Bild suggeriert?

Haifaa Al Mansour glaubt daran, wie sie in einem Interview erklärt hat; und das Debüt der saudi-arabischen Drehbuchautorin und Regisseurin ist ein wunderbarer Beweis dafür, was in dieser streng konservativen islamischen Gesellschaft möglich ist. Saudi-Arabien ist ein Land ohne Kinos. Und doch hat die Filmemacherin, die in Kairo Literatur studierte, außerdem Regie und Filmwissenschaft in Sydney, ihren Erstling dort an Originalschauplätzen und mit saudi-arabischen Darstellern offiziell drehen dürfen.

Damit ist "Das Mädchen Wadjda" der erste saudi-arabische Kinospielfilm überhaupt. Dass er in einem Land, in dem Frauen ein großer Teil des öffentlichen Lebens verwehrt ist, wo strikte Geschlechtertrennung herrscht und Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen, von einer Frau inszeniert wurde, ist eine kleine Sensation. Wobei der Film diesen Reiz keineswegs braucht. Es ist auch so schon eine starke Geschichte, die "Das Mädchen Wadjda" erzählt, mit einer großartigen jungen Hauptdarstellerin, in einer klaren, zurückhaltend poetischen Bildersprache.

Mit Erwachsenen wäre das nicht darstellbar gewesen

Eine Fülle von Alltagsbeobachtungen vermitteln einen Eindruck vom Leben in dem arabischen Land. Etwa wenn Wadjdas Mutter von ihrem Fahrer drangsaliert wird, weil sie von ihm abhängig ist. Oder wenn die strenge Schulleiterin Wadjda und ihre Mitschülerinnen für das Leben in einer von Männern dominierten Gesellschaft zurichtet, ihnen immer wieder eintrichtert, dass Frauen weder zu sehen noch zu hören sein dürfen - das intimste Organ einer Frau sei schließlich ihre Stimme. Vor diesem Hintergrund ist ein von einer Frau gedrehter Film natürlich ein starkes Statement: Sichtbarer und hörbarer geht's schließlich kaum.

Sie liebe die Filme der Dardenne-Brüder, sagt Haifaa Al Mansour, als Vorbild nennt sie auch den Iraner Jafar Panahi. Tatsächlich erinnert ihr Debüt sowohl an den Realismus der belgischen Brüder wie an die Filme, die seit den späten Achtziger- und Neunzigerjahren in Iran entstanden: scheinbar einfach gestaltete Kinderfilme, die trotzdem viel über die Gesellschaft erzählen, in der sie spielen. Kinder dürfen darin oft mutiger und frecher sein als Erwachsene. Indem sie Kinder zu ihren Protagonisten machten, tricksten die iranischen Regisseure die Zensur aus.

"Das Mädchen Wadjda" folgt einer ähnlichen Strategie, wenn die durch das Fahrrad verkörperte Sehnsucht nach Bewegung und Freiheit als Kinderspiel erscheint. Mädchen und Frauen dürfen in Saudi-Arabien nämlich nicht Fahrrad fahren. Auch die Solidarität, ja sogar das schlichte Miteinander der Geschlechter, wie es Wadjda und der Nachbarsjunge praktizieren, wäre mit Erwachsenen nicht darstellbar gewesen.

Indem Haifaa Al Mansour mit Wadjda ein unwiderstehlich lebendiges Mädchen in den Mittelpunkt rückt, gewinnt der Film eine Leichtigkeit, die er gut brauchen kann. Seine Geschichte ist eigentlich ziemlich bitter. Zu dem Zorn über die zahllosen Ungerechtigkeiten und Einschränkungen kommt ein wachsendes Gefühl der Beklemmung. So reicht die Überwachung der Mädchen und Frauen bis in die intimsten Bereiche. "Wer seine Tage hat", heißt es im Religionsunterricht, "fasst den Koran nur mit dem Taschentuch an."

Zentrale Rolle für Koranzitate

Bei so viel Fremdbestimmung fällt den Frauen die Solidarität untereinander schwer. Auch Wadjdas Mutter, die gerade damit klarkommen muss, dass ihr geliebter Mann eine Zweitfrau heiraten will, weil sie selbst ihm keinen Sohn gebären kann, will Wadjda das Fahrradfahren verbieten: Fahrrad fahrende Frauen könnten keine Kinder bekommen, erklärt sie.

Ihre Schauspieler hat Haifaa Al Mansour zwar in Saudi-Arabien gefunden, produziert wurde der Film aber von den Deutschen Gerhard Meixner und Roman Paul, die zuvor schon "Paradise Now" von Hany Abu-Assad und Ari Folmans "Waltz with Bashir" herausbrachten. Auch das technische Team sowie der größte Teil des Geldes kamen aus Deutschland. Womit sich die Frage stellt, für welchen Markt "Das Mädchen Wadjda" gemacht wurde. In Saudi-Arabien dürfte sich die Aufführung auf DVDs und Fernsehen beschränken, immerhin ist eine einwöchige Aufführung im Cultural Center in Riad geplant.

Überwiegend an das arabische Publikum dürften die Koranzitate gerichtet sein, die eine zentrale Rolle in der Geschichte spielen. Wenn Wadjdas Mutter die Verse rezitiert, verströmen sie Wahrheit und Schönheit. Aber der Film lässt wohl bewusst offen, ob der Koran auch zu Wadjda spricht oder vielleicht doch nur Mittel zum Zweck ist.

Wadjda, Saudi-Arabien/Deutschland, 2012 - Regie, Buch: Haifaa Al Mansour. Kamera: Lutz Reitemeier. Schnitt: Andreas Wodraschke. Musik: Max Richter. Mit: Waad Mohammed, Reem Abdullah, Abdullrhman Al Gohani, Ahd, Sultan Al Assaf. Verleih: Koch Media, 97 Minuten.