3-D-Kino Das geht uns zu nah

Totalitärer Anspruch: In einer nicht allzu fernen Zukunft sollen nur noch Filme in 3-D produziert werden. Dabei schafft die neue Technik meist keinen dreidimensionalen Raum - allenfalls 2-D in Scheiben. Daher sollte vielmehr gelten: Nieder mit dem 3-D-Kino! Eine Abrechnung.

Von Fritz Göttler

Der Frust kommt, wenn man im Kino mal die 3-D-Brille von der Nase nimmt, um sich die strapazierten Augen zu reiben - und er trifft einen fast schmerzhaft: diese unerwartete Leuchtkraft, diese strahlenden Farben, diese blendende Fülle des Lichts, die sich plötzlich von der Leinwand ergießt - und die von den 3-D-Brillen mit ihren Polarisationsfiltern den ganzen Film über heftig absorbiert wird.

Man setzt die Brille zurück auf die Nase, und das Kino, diese Kunst des painting with light, sinkt zurück in einen diffusen Dämmer, das Blickfeld wird zusammengepresst wie in einem engen Gang.

Der absolute Kinoblick, das ultimative Kinoerlebnis, als das uns 3-D seit einigen Jahren (wieder) verkauft wird, ist in unseren Kinos im Augenblick - und wahrscheinlich sogar für immer - mit unglaublichen Einschränkungen und Nötigungen verbunden.

Die unförmigen Brillen, die Reduzierung des Lichts, der Zwang, den Kopf möglichst unbewegt zu halten, um Unschärfen und Schwindelgefühle zu vermeiden - das erinnert an die Situation, in der sich der arme Alex fand am Ende von Stanley Kubricks "Clockwork Orange", als er mit einer erzwungenen Bildertherapie umerzogen werden sollte zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft.

Wie eine Zwangsverpflichtung zum nützlichen und wahren Kinoglück mutet auch der Propagandafeldzug an, der die Liebe zum 3-D in uns wecken soll - er kam so richtig in Fahrt, als James Camerons "Avatar" innerhalb weniger Monate zum erfolgreichsten Film der Welt wurde, was seine technische Avanciertheit anging und sein internationales Einspiel an den Kinokassen.

Die Zukunft des Kinos wird 3-D sein, hieß es danach, in einer nicht allzu fernen Zukunft werden nur noch Filme in 3-D produziert werden. Ein totalitärer Anspruch, wie er einem Anfang der fünfziger Jahre, als zum ersten Mal das Kino sich an 3-D versuchte, gewiss nicht in den Sinn gekommen wäre. Damals nahm man die neue Technik eher lässig und spielerisch - das berühmte Pingpongspiel aus "House of Wax"! -, und nach ein paar Jahren war alles wieder vorbei.

Die Absolutheit, mit der heute 3-D propagiert wird, wäre unerträglich, käme sie nicht von so sympathischen Leuten wie Jeffrey Katzenberg, dem Chef der DreamWorks Animation ("Shrek", "Kung Fu Panda", demnächst "Der gestiefelte Kater"), oder James Cameron, dem König der Kino-Welt. Das sind Lobbyisten der Extraklasse, Leute, die das Kino lieben und einen starken Sinn für Professionalismus und Perfektion haben, die wissen, was sie dem Publikum schuldig sind.

Sie sind mit ihrem Enthusiasmus damals vorgeprescht, inzwischen hat sich aber doch wieder Ernüchterung breitgemacht bei ihnen und in der Branche. Die teure Umrüstung der Kinos auf Digital- und 3-D-Betrieb geht langsamer als erwartet, und immer mehr Produktionen, die zweidimensional gedreht wurden und dann - 3-D-Aufnahmen sind aufwendig, umständlich und teuer - am Computer auf 3-D konvertiert wurden, enttäuschen das Publikum, das doch einen erheblichen Aufpreis für 3-D-Vorführungen zahlen muss. Ein Tatbestand, den man bei diesen Produkten eigentlich als Betrug deklarieren müsste.

Ist ja alles so schön tief hier

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