Comic Wahrheit oder "Wahrheit"?

Der Comic über die Folgen des Irak-Kriegs fragt nach Möglichkeiten und Grenzen journalistischer Arbeit.

Von Thomas von Steinaecker

Spätestens mit der Verbreitung der DVD Ende der Neunzigerjahre begann der Siegeszug des Making-ofs. Der Gedanke, dass es doch nett wäre, wenn das neue Speichermedium ein paar Extras enthalte, ließ ein vollkommen neues Genre entstehen. Seine bald schon enorme Popularität verdankt der Blick hinter die Kulissen dem Versprechen zu zeigen, wie es wirklich war. Die Sehnsucht danach ist nur logisch: Je stärker der Eindruck ist, die Welt sei durchinszeniert, desto größer ist der Wunsch nach "der Wahrheit".

Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Entwicklung nun auch jenen Bereich erreicht hat, der sich eigentlich wie kein anderer der Wahrheitsfindung verschrieben hat, den investigativen Journalismus. Der vorliegende Comic handelt zwar vordergründig von irakischen Flüchtlingen, doch in seinem Kern pulsiert eine Frage, die aktueller nicht sein könnte: Was ist eigentlich guter Journalismus?

Im Winter 2010 brechen die beiden Journalisten Sarah und Alex zu einer zweimonatigen Reise durch den Nahen Osten auf, von der Türkei durch den Irak bis nach Syrien. Sarah und Alex sind Mitbegründer des unabhängigen Online-Magazins The Seattle Globalist und wollen über die Folgen des Irakkrieges berichten. Mit dabei ist ein Kindheitsfreund Sarahs, Dan. Sein Lebenswandel gibt Rätsel auf. In seiner Jugend ging er auf Anti-Kriegs-Demos, meldete sich aber dann freiwillig für den Irakkrieg und sicherte dort Konvois. Den roten Faden des Buches bildet nun Sarahs Plan, eine Reportage über Dans Begegnungen mit unmittelbar Betroffenen des Krieges zu schreiben, an deren Ende er einsehen soll, dass die Invasion ein Fehler war, denn, so Sarahs Motto, "in jeder guten Story verändert sich jemand".

Auch der Informationsminister in Syrien weiß hier, welche Geschichten sich gut verkaufen

Tatsächlich sind die allermeisten der zahllosen Schicksale, mit denen das Trio konfrontiert wird, niederschmetternd: vom aus Bagdad geflohenen Mann, dessen Bruder geköpft wurde, weil er mit den Amerikanern zusammenarbeitete, bis hin zu Sam aus dem Irak, der vor Saddam Hussein erst in den Iran, dann nach Pakistan und schließlich in die USA floh; seine Frau wurde darüber depressiv und beging Selbstmord. Sam aber arbeitete sich hoch, heiratete wieder und stand kurz davor, den amerikanischen Traum zu leben, bis er aus heiterem Himmel als vermeintlicher Helfer eines Terroristen ohne seine Familie wieder in den Irak abgeschoben wurde. Aber so, wie diese Geschichte letztlich ambivalent, weil unüberprüfbar bleibt, so will sich auch der Stellvertreter der US-Armee im Buch, Dan, einfach nicht in die Rolle des sich läuternden Buhmanns fügen, die Sarah für ihn vorgesehen hat.

All das allein würde schon ausreichend Stoff für einen brisanten Reportageband abgeben. Was "Im Schatten des Krieges" jedoch so besonders macht, ist seine Perspektive. Denn erzählt wird die Reise aus der Sicht der US-Comic-Zeichnerin Sarah Glidden, die als zwar unvoreingenommene, aber auch zuweilen unbedarfte Außenstehende permanent in die Reflexionen ihrer beiden Bekannten einbezogen wird. Das reicht von Überlegungen darüber, wie sich die Wirklichkeit verändert, wenn man sie in das Korsett einer Story zwängt, bis hin zu der Frage, wie man Leser mittels bestimmter Reizwörter dazu bringt, sich eine Viertelstunde am Tag einer Reportage zu widmen. Ein ehemaliges, zum Wohnkomplex umfunktioniertes Foltergefängnis Saddam Husseins, in dem heute zum Teil dieselben Leute wohnen, die damals dort inhaftiert waren, klingt da weniger interessant als das Schicksal einer lesbischen Bloggerin. Auch der syrische Informationsminister, bei dem die Journalisten ihre Arbeitserlaubnis einholen müssen, weiß, wie der Hase läuft. Sein Vorschlag: "Wie wär's mit einem Bericht über Sexspielzeug made in Syria?"

Gliddens Band gehört auf den ersten Blick zu jener Gattung, die der Amerikaner Joe Sacco mit seinen bahnbrechenden Büchern über Palästina und den Bosnienkrieg begründet hat, der Comic-Reportage. Doch im Unterschied zu Sacco, der seine Geschichten dramatisch bebildert und ironisch kommentiert, operiert Glidden zurückhaltend und höchst skrupulös. Alle Dialoge im Buch wurden in Hunderten von Stunden während der Reise auf Band aufgenommen, und die zarten Wasserfarbzeichnungen könnten nicht weiter entfernt von Saccos starken Schwarzweißpanels sein. Statt Ereignisse zu illustrieren lässt Glidden die Figuren über weite Strecken einfach sprechen, Landschaftsimpressionen bilden oft nur einen wirkungsvollen, aber dezenten Kontrapunkt. Das Erstaunliche ist: Was entsetzlich trocken hätte enden können, entpuppt sich als äußerst spannend - allein wegen der komplexen Charaktere und Geschichten.

"Im Schatten des Krieges" zeigt das Ringen darum, "der Wirklichkeit" journalistisch gerecht zu werden. Ein Wort, das in diesen Tagen in aller Munde ist, fällt in diesem bemerkenswerten Comic freilich nicht, und doch ist er eines der überzeugendsten Plädoyers für eine Welt, die es sich nicht leisten kann, postfaktisch zu sein.

Sarah Glidden: Im Schatten des Krieges. Aus dem Englischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 304 Seiten, 29 Euro.