Comic Viel zu große Augen

Die Zeichnerin Catherine Meurisse hat den Anschlag auf "Charlie Hebdo" überlebt. In ihrem Buch "Die Leichtigkeit" erzählt sie von ihrem Trauma und davon, wie sie es überwand.

Von Alex Rühle

Der Schlaf kann einem das Leben retten. Catherine Meurisse hat schlechte Träume an diesem Morgen, Liebesleid, Trennungsfrust. Sie träumt so intensiv, dass sie den Wecker überhört, später fährt ihr auch noch der Bus davon. Als sie zur Redaktion kommt, hat die Konferenz längst begonnen. Sie will den Hausflur in der Rue Nicolas-Appert Nummer 10 betreten, da warnt sie ihr Kollege Luz, der ebenfalls zu spät kam und verstört an der Straßenecke steht. Es habe wohl eine Geiselnahme gegeben. Eine Sprechblase aus dem Nichts: "Geht da weg!" Die beiden verstecken sich im Nachbarhaus, dann das Geräusch der Kalaschnikows, das ihr Leben für immer in zwei Teile zerreißen wird.

Wie malt man ein Trauma? Den Schrecken? Den Terror? Vom Anschlag selber, bei dem ihre engsten Freunde starben, die Kollegen Honoré, Wolinski, Cabu, Charb, mit denen sie zehn Jahre lang zusammengearbeitet hat, zeigt Catherine Meurisse nichts, schon weil sie das Massaker am 7. Januar 2015 in der Charlie-Redaktion nicht miterlebt hat. Das Einzige, was man zu sehen bekommt, ist ein in Schrift umgesetztes Geräusch: TAKTAKTAKTAK. Und danach ihre innere Reaktion: Sie rennt in dem grünen Mäntelchen, das sie an dem Morgen trug, durch leere Museumsräume, an deren Wänden graue Flächen hängen. Leere Bilder. Bilder, die sie nicht mehr sehen kann. Sie rennt und rennt, über mehrere Seiten, durch farblose Räume, bis sie am Ende kopflos in der Wand verschwindet, neben Edvard Munchs gellendem "Schrei".

"Leichtigkeit". So heißt der Band, der Anfang kommender Woche erscheint. Leichtigkeit? Eine Frau verliert bei einem Massaker ihre Kollegen und Freunde, steht danach selbst unter Polizeischutz, muss mit dem Zufall des Überlebens klarkommen, soll erst mal sofort weitermachen, die Welt wartet schließlich auf die Reaktion der überlebenden Charlie-Hebdo-Mitglieder, verliert dann das Gedächtnis, vorübergehend auch die Sprache, vergisst zu essen und zu schlafen, und hat Angst, dass sie nie wieder wird malen können. "Mir ist, als würde ich meiner eigenen Implosion zuschauen", sagt sie einmal bei einem Psychologen, der ihr erklärt, sie sei dissoziiert, eine Notwehrreaktion des Gehirns, das so massiv von Adrenalin und Cortisol geflutet wird, dass es eine "Erinnerungsanästhesie" auslöst. Welche Leichtigkeit bitte?

Wie sie da sitzt, in einem Pariser Café, an einem Novembernachmittag, fast zwei Jahre später, wirkt sie tatsächlich sehr leicht. Ein filigraner Körper in schwarzem Pulli, ihr schönes, schmales Gesicht, ihre ruhige Stimme, die Hände modellieren unentwegt in die Luft, was sie beschreibt: wie das ist, wenn man den eigenen Körper nicht mehr spürt. Wenn man hört, wie man beim Sprechen plötzlich alle Wörter vertauscht. Und wenn man irgendwann ahnt, dass nur die Kunst und die Arbeit einen vielleicht auf lange Sicht retten können.

Wie zeichnet man ein Trauma? Catherine Meurisse verschwindet nach dem Attentat neben einem Bild von Edvard Munch, das stellvertretend für sie schreit.

(Foto: Carlsen)

Am 7. Januar hat ihr vielleicht erst mal Luz das Leben gerettet, weil er sie warnte. Ganz bestimmt aber hat er sie ein paar Monate später ins Leben zurückgeschubst: Im Mai 2015 veröffentlichte er selbst "Katharsis", einen Band, mit dem er sehr schnell auf den Terror und das Trauma reagierte. Meurisse hat dieser Band erschüttert, einfach, weil es ihn plötzlich gab. "Wir Überlebenden klebten vorher im Kollektiv zusammen. Luz hat es als Erster gewagt, wieder Ich zu sagen. Kurz war da ein schockhafter Schmerz, er verlässt uns, aber er hatte recht. Und er hat mir damit einen Tritt in den Hintern gegeben."

Luz hat in "Katharsis" Einzelszenen gesammelt, grotesk, traurig, schrecklich, witzig, das Leben unter Polizeischutz, die Erinnerungen an die ermordeten Freunde, das Leben mit dem Trauma, das bei ihm zu einer Art Beule wird, die durch seinen Körper wandert und ihn nach Belieben deformiert, ja völlig aus der Fassung bringt.

All diese Themen kommen auch bei Meurisse vor, die Leibwächter, die ihr als Frau schnell zu Leibe rücken; der absurde Pariser Solidaritätstsunami, überall "Je suis Charlie"-Plakate, -Sprechchöre, -Produkte: nur ganz unten auf der Seite, winzig klein, sie in der Charlie-Redaktion, alleine vor einem leeren Blatt, mit einer Sprechblasenwolke über sich: "Wer bin ich?"

All die Anekdoten sind aber hier kunstvoll eingebettet in eine größere Erzählung. Die Geschichte einer Heilung klänge frivol, wie soll man rundum heilen von solch einem Erlebnis. "Einer Rettung", sagt Meurisse, eher fragend. "Einer Rettung durch Schönheit?" Sie lacht leise, weil es pathetisch klingt. Und doch ist genau dies das Thema ihres Buchs, in dem sie alle Register ihres zeichnerischen Könnens zieht, karikaturhaft sparsame Federzeichnungen mit üppigen Aquarellen, Kreidezeichnungen, Buntstiftskizzen mischt.

Das erste Bild nach den Anschlägen, das Luz malte, waren zwei schreckgeweitete Augen: Ein Polizist hatte ihn am Abend des 7. Januar gebeten zu zeichnen, was er gesehen hatte. Luz malte nur diese Augen, immer wieder, zitternd, riesig. Und einen winzigen Körper, der daran hing, wie ein schockstarrer Homunkulus. Sein Buch zeigt diese Augen auf dem Cover, das Selbstporträt eines Traumatisierten.

"Ich habe die Monate nach dem Anschlag genauso durchlebt", sagt Meurisse, "mit diesem schreckgeweiteten Blick. Man hat nach so einem Schock eine schmerzhaft gesteigerte Wahrnehmung, als hätte man viel zu große Augen." Ein fernes Echo von Luz' Selbstbildnis findet sich in Edvard Munchs Schrei, neben dem sich Meurisse in die Wand rettet.

Auch bei ihr wurde das erste Bild, das sie nach den Anschlägen malen konnte, zum Cover ihres Buches. Es zeigt den Moment, als sie ein paar Wochen nach dem Anschlag erstmals das Meer wiedersieht. Eine strichdünne Figur, die über eine riesige Düne unter einem wolkendurchtosten Himmel stapft. Sie erinnert sich noch genau daran: "Dieser Anblick des Atlantiks löste ein seltsam fundamentales Gefühl aus. Ich bin auf einem Planeten. Es gibt dieses Meer, es gibt den Planeten, es gibt mich. Das war extrem archaisch." Passend dazu gleitet ein Flugsaurier durch den Sonnenuntergang.

Sie trägt das ganze Buch hindurch den Mantel, den sie am 7. Januar anhatte. Als sei das Jahr 2015 ein ewiger Wintertag gewesen. Als sei sie in einer Art Trauersack gefangen. Oft ist sie von hinten zu sehen, wie sie in eine Landschaft, in ihre ungewisse Zukunft hineinläuft. Sie läuft und läuft und kommt erst ganz zum Schluss des Buches erstmals zur Ruhe. "Ja", stimmt sie zu, "das habe ich ganz unbewusst so gemalt, das ist mir erst danach aufgefallen. Als hätte ich aus der Perspektive eines Erwachsenen einem Kind dabei zugeschaut, wie es die ersten Schritte ins Leben unternimmt."

Die ganze Kunstgeschichte erscheint ihr als eine Abfolge von Massakern und Gewaltakten

Der entscheidende Schritt war eine Reise nach Rom, im November 2015. Sie hatte vom Stendhal-Syndrom gelesen, diesem ästhetischen Taumel durch zu viel Kunst und Schönheit. "Ich hatte eine ganz simple Gleichung im Kopf, vielleicht kann solch ein Schönheitsschock den Schock des Massakers auslöschen." Sie durfte in der Villa Medici wohnen, in deren Garten Statuen von Niobes Kindern stehen. Die anderen Stipendiaten nehmen die Steinfiguren nur als typisch römischen Gartenhintergrund wahr, sie aber wurde geradezu angesprungen vom Schmerz der Statuen. Niobes Kinder wurden von Apoll und Artemis mit Pfeilen getötet, weil Niobe es gewagt hatte, sich über deren Mutter zu stellen. Niobe selbst erstarrte nach dem Gemetzel zu Stein, was Meurisse völlig plausibel erscheint, war bei ihr schließlich genauso, innere Erstarrung, Dissoziation aufgrund eines Massakers.

Mit dieser Empathie geht sie durch Roms Museen und Kirchen, und es ist frappierend, die Kunstgeschichte mit ihrem schreckverzerrten Blick zu sehen, als eine einzige Abfolge von Grausamkeiten. "Natürlich gibt es zarten Fragonard und die stille Schönheit von Vermeer", sagt sie "aber ich war nur noch angezogen von Gewaltdarstellungen." In einer schlafenden Frau sieht sie eine junge Enthauptete, in einer Tänzerin eine "unglückliche Gemarterte, sich windend". Der Todesschmerz legt sich in ihren Zeichnungen untrennbar um die Schönheit dieser Figuren wie die Schlangen um Laokoon. All die zerstörten Körper aber haben bei Meurisse das alte Trauma nicht aufgerissen, im Gegenteil, es war eine Kunsttherapie der ganz eigenen Art. "Eine Skulptur ist ein Körper, der von einem Künstler bearbeitet wurde. Ich habe meine Freunde ja nicht noch einmal gesehen, sie waren einfach weg, ich konnte mich nicht von ihnen verabschieden. Aus diesen verstümmelten und zugleich wunderschönen Marmorbüsten haben sie mich plötzlich angesehen und ich konnte sie gehen lassen."

Und sie konnte, noch in Rom, das Buch schreiben, malen, zeichnen, ja die Zeichnungen und Bilder scheinen ihr geradezu aus den Fingern gequollen zu sein. In Frankreich war "Légèreté", das kurz nach ihrer Reise, zum Jahrestag des Anschlags im Januar 2016 erschien, ein Riesenerfolg.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit. Carlsen Verlag, Hamburg. 139 Seiten, 19,99 Euro