Comic "Mehr Licht!", blöde Kuh!

Katharina Greve seziert in ihrem Comic "Das Hochhaus" die deutsche Wohlstandsgesellschaft.

Von Thomas von Steinaecker

Für Gotthold Ephraim Lessing - um die Maßstäbe dieser Rezension mal ganz hoch zu hängen - ist die Literatur ja eine Kunstform der Zeit, die Malerei jedoch eine des Raumes. In den Wörtern folgen Handlungen aufeinander, auf Bildern stehen Gegenstände stets gleichzeitig nebeneinander. Für Lessing war dieser Paragone, der Wettstreit der Künste, unentscheidbar. Tja, könnte man jetzt flapsig erwidern, er kannte eben nicht Katharina Greves "Das Hochhaus", ein Comic, der das Kunststück fertigbringt, Bild und Erzählsequenz zugleich zu sein.

Natürlich gab es diese Quadratur des Kreises schon öfter in der Neunten Kunst: Frank King schuf mit seinem Langzeitprojekt "Gasoline Alley" nicht nur eine der schönsten Vater-Sohn-Geschichten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; er revolutionierte mit seinen visuellen Einfällen auch das Medium an sich, indem er etwa den Hintergrund einer Landschaft in einzelne Panels unterteilte, auf denen er dann die Figuren immer weiter verschob, sodass sich die Zeichnungen in der Gesamtschau zu einer Art Puzzle zusammenfügten. 2012 legte der Großinnovator unter den US-amerikanischen Autoren, Chris Ware, seine "Building Stories" vor, die mit der Doppelbedeutung des amerikanischen Begriffs "Story", also sowohl Erzählung als auch Stockwerk, spielten und in einem Kosmos aus Einzelbüchern in unterschiedlichen Formaten die Geschichte eines Gebäudes und seiner Bewohner erzählten. Inklusive Bienenfamilie.

Als vor zwei Jahren die Berliner Künstlerin Katharina Greve ihr Projekt "Das Hochhaus - 102 Etagen Leben" im Internet startete, mag das Konzept zunächst ein wenig an Ware erinnert haben; doch es spricht für Greve, dass nun, da das Werk abgeschlossen ist und als Buch erscheint, ihr Comic nicht nur völlig eigenständig, sondern auch als eines der originellsten Werke der Neunten Kunst der jüngeren Vergangenheit dasteht. Gerade ihre einleuchtende Einfachheit machte die Idee ihres Web-Comics so brillant: Jede Woche erschien, angefangen beim Kellergeschoss, ein Stockwerk des Hauses, das auf diese Weise vor den Augen des entzückten Lesers sukzessiv über die Jahre bis zum Flachdach in die Höhe gezogen wurde. Der Bildaufbau ist dabei stets identisch: Fast immer sehen wir den gleichen Querschnitt durch Wohnungen mit demselben Grundriss, Küche, Gang, Wohnzimmer, fertig ist das deutsche Durchschnitts-Leben. Denn dass es hier gleichsam um die Sezierung typisch deutscher Gepflogenheiten geht, daran lässt schon das erste Bild keinen Zweifel; im Keller und damit buchstäblich als augenzwinkerndes Fundament für das Folgende zitiert der vermeintlich kleine Comic seine große Schwester, die hohe Literatur. In Dunkeln sucht ein Mann etwas in einem Karton, seine Frau leuchtet ihm mit der Taschenlampe. "Wie schon Goethe sagte: 'Mehr Licht!', blöde Kuh!", sagt er, "Wenn ich ihn JETZT umbringe, wären sogar seine letzten Worte abgedroschen!", denkt sie. Das setzt den Ton für den Comic. Und tatsächlich sind die einzelnen Episoden, in denen immer in einer anderen Farbe Geschoss auf Geschoss gesetzt wird, klassische in sich abgeschlossene Cartoons mit einer klaren Pointe, meist in lakonischem Stil. So im 15. Stockwerk, wo ein altes Ehepaar auf einem 50er-Jahre-Sofa nebeneinander sitzt und sie ihn angiftet: "Wenn du nicht bald stirbst, lasse ich mich scheiden." Das ursprüngliche Format mit dem wöchentlichen Erscheinungstermin ließ jedoch die Künstlerin auch auf aktuelle Ereignisse reagieren, sodass die Bewohner des Hochhauses regelmäßig politische Themen diskutieren. Er, während er mit dem Kleinen spielt: "Postfaktische Ära, Fake News, Trumpismus - wie soll ich diese Welt irgendwann meinem Ole erklären?" Sie: "Lüg ihn an." Oder die Mutter ruft aus der Küche, wo sie gerade fernsieht: "Da machen schon wieder irgendwelche Flüchtlinge 'nen Hungerstreik!", worauf er vom Wohnzimmersofa rüberschnauzt, einen niedlichen Teddy neben sich: "Hungern können die auch da, wo sie herkommen!"

Das Buch ist voll von solchen ebenso schlauen wie gemeinen Bonmots. Etage um Etage ergibt sich das Bild der deutschen Wohlstands-Gesellschaft der Gegenwart, im Kopf häufig durchaus aufgeschlossen, aber im Herzen müde und zynisch, wo die Kinder nur mit dem Hund der Nachbarn Gassi gehen, wenn sie auch lustige Videos von ihm auf Facebook posten dürfen oder über die Vorzüge einer Steinzeit-Diät diskutiert wird. Für sich genommen wäre das schon mal nicht wenig, aber letztlich auch nicht mehr als ein kleiner Anstoß zum Nachdenken und Schmunzeln; doch Greve gelingt das Kunststück, innerhalb dieses Wolkenkratzers, in dem man eigentlich auf gar keinen Fall wohnen will und der doch unser aller Zuhause ist, unsichtbare Querverbindungen zu schaffen. Einer hat was mit der ein paar Stockwerke tiefer, ein Paket ist falsch abgegeben worden, was an mehreren Orten für Verwirrung sorgt, ein Einbrecher hat eine Spur der Verwüstung nach sich gezogen, erst am Ende stellt sich heraus, dass er das Haus verdrahtet hat und gerade das Dachgeschoss ausräumt. So wird aus gesellschaftspolitischen Einzel-Cartoons eine allgemeingültige Erzählung.

Schade ist allerdings, dass nun, da "Das Hochhaus" als Buch erscheint, der Witz des Web-Comics verloren geht: Schließlich handelte es sich ja um den seltenen Fall, dass Inhalt, Form und Medium sich auf höchst schlüssige Art miteinander verbanden; endlich einmal ein Comic, der das Prinzip des Internets, das an kein Format gebunden ist und unendlich in die Länge wachsen kann, auch ernst nahm und zudem mit einer praktischen Fahrstuhlfunktion ausgestattet war, so dass man von Geschoss zu Geschoss springen konnte.

Aber ist nicht schlimm. Das Buch, in dem zwei Stockwerke pro Seite im Querformat gepackt wurden, lädt dafür zum genaueren Hinschauen ein. Und auch da erweist sich Greves Werk als ergiebig, ob man nun einfach seine Freude an den klaren Linien und leuchtenden Farben hat oder ob man nach all den witzigen Details suchen will, die Greve wie auf einem Wimmelbild versteckt hat: Diese 102 Etagen machen einfach unglaublich Spaß.