Claude Lanzmann bei Berlinale 2013 geehrt Grandioser Starrsinn

Claude Lanzmann bei einer Veranstaltung in Berlin am 13. Februar.

(Foto: AFP)

Große Künstler müssen brutal sein: Der Filmemacher Claude Lanzmann ("Shoah") wird bei der Berlinale mit einem Ehrenbären ausgezeichnet.

Von Franziska Augstein

Wer Claude Lanzmann zu dessen Zufriedenheit zu seinem Berliner Ehrenbären gratulieren will und vor Superlativen eine ästhetische Scheu hat, tut gut daran, sich bei Lanzmanns eigenem Vokabular zu bedienen: Seine Filme betrachtet er als "Meisterwerke". Das Epos "Shoah", das 1985 das Forum der Berlinale durchrüttelte, ist eine "Inkarnation", auch eine "Wiederauferstehung", ein "Gesamtkunstwerk". Und seine Erinnerungen, "Der patagonische Hase" (2009), sind "große Literatur". Wer das Buch bloß "Erinnerungen" nennt, wird korrigiert: Dieses Wort erscheint dem Mann viel zu banal, der von sich sagt: "Ich betrachte mich selbst als Seher."

Claude Lanzmann hat indes ausdrücklich festgestellt, er sei nicht eitel. Damit hat er in einem entscheidenden Punkt wohl recht: Jemand, der vor allem eitel ist, hätte seine Filme nicht drehen können. Lanzmann ist vielmehr egotistisch, dickköpfig und zielstrebig. Grandios ist ja nicht nur der Film "Shoah", grandios ist auch, wie er entstand: Über viele Jahre hin arbeitete Lanzmann an dem Projekt, ohne zu wissen, woher das nächste Geld kommen sollte. 350 Stunden Aufnahmen kamen so zusammen. Allein mit der Montage und der Reduktion des Materials auf neuneinhalb Stunden war er fünf Jahre beschäftigt.

Wenn er von "Inkarnation" spricht, so hat das seinen Grund: Die jüdischen Überlebenden, die in "Shoah" zu Wort kommen, brachte er dazu, sich selbst zu spielen und alte Gefühle wieder hochkommen zu lassen: das alte Grausen, das die Männer zum Schutz ihrer Seele tief in sich begraben hatten. Der berühmte Maler Georg Baselitz hat seiner Film-Porträtistin Evelyn Schels gesagt: Große Künstler müssten brutal sein können. Genau diese Form von Brutalität besaß Lanzmann, als er die Überlebenden nachgerade dazu zwang, ihre Haft im KZ wiederaufleben zu lassen. So etwas gelingt nur dem, der sich den Menschen, die er interviewt, ganz zuwenden kann. Ihr Vertrauen gewinnen: Das genügte nicht. Lanzmann musste die Männer dazu bewegen, dass sie sich ihm ganz anvertrauten, ja sich ihm auslieferten.

Woher er diese Stärke gewonnen hat, ist ein Rätsel. Er selbst war ja ein Verfolgter. Seine jüdische Familie überlebte die Kriegszeit in Frankreich: Beamte stellten falsche Pässe aus - "aus Nächstenliebe", wie er sagt; Nachbarn verpfiffen sie nicht. Antisemitismus hat er zur Genüge erlebt, weniger auf dem Gymnasium in Clermont-Ferrand, wohl aber zuvor in Paris. Überdies hatte die Mutter ihren Mann, einen Dekorateur, und die drei Kinder 1938 zugunsten einer neuen Liebe sitzen lassen. Damals war Lanzmann zwölf oder dreizehn Jahre alt. Der Verlust der Mutter mag verschmerzbar gewesen sein, weil er sich als kleiner Junge für sie genierte: Sie stotterte, hatte eine in seinen Augen viel zu große, wie er schrieb, "jüdische Nase" und neigte dazu, den kleinen Sohn an ihren großen Busen zu drücken, wenn dieser es gerade gar nicht leiden konnte.

Innige Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre

Als er noch nicht achtzehn Jahre alt war, schloss er sich der französischen "Kommunistischen Jugend" an, ohne ein Wort von Marx, Engels oder Lenin zu kennen, und 1943 der Résistance, für die er oftmals sein Leben riskierte. Nach allem, was er später erzählte, hat ihm das vor allem Spaß gemacht. Für eine gute Sache alles geben: Das liegt Claude Lanzmann. Er hat ein Faible für Waffen. Davon zeugt auch sein Film "Tsahal" (1994), den er auf Einladung und mit Finanzierung Israels über die israelische Armee gemacht hat. Deren Drohnen und Panzer fand er damals besonders beeindruckend. "Tsahal" kam bei den Geldgebern aber nicht gut an, sie hatten sich mehr Propaganda gewünscht. Jene Israelis hingegen, die auch den Palästinensern ein Daseinsrecht einräumten, fühlten sich von dem Film im Stich gelassen.

Das Thema Israel stellte Lanzmanns innige Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre auf eine harte Probe. 1952 - er lebte damals von Magazinartikeln über Promis - hatte er Sartre kennengelernt. Mit ihm zusammen protestierte er gegen den Algerienkrieg. Er arbeitete für Sartres Zeitschrift Les Temps modernes (seit 1986 ist er ihr Chefredakteur). Jahrelang lebte er mit Simone de Beauvoir zusammen "wie in einer Ehe": Sartre billigte die Beziehung. Dafür bekam er jeden Brief zu sehen, den Simone de Beauvoir ihrem 17 Jahre jüngeren Geliebten schrieb. Das verdross Lanzmann, war aber nicht zu ändern. Das Verhältnis zwischen ihm und Sartre war erst verdorben, als er sich nach dem Sechstagekrieg 1967 auf die Seite der israelischen Juden stellte und die Rechte der Palästinenser auf ihre Heimat nicht anerkennen wollte.

Wer die Anliegen beider Seiten für gerechtfertigt hält und Claude Lanzmann als Filmemacher verehrt, sollte ihn besser nicht auf den israelisch-palästinensischen Konflikt ansprechen. Lanzmann hat dazu kein besonders analytisches, sondern eher ein emotionales Verhältnis. Kritik an der jetzigen Rechts-Regierung unter Benjamin Netanjahu interpretiert er gern vorschnell als Zeichen dafür, der Redner wolle Israel das Existenzrecht absprechen. Überhaupt kann man sagen: Claude Lanzmann ist vor allem ein Macher. Davon zeugt auch sein schönes Buch "Der patagonische Hase": Lanzmann hat sich darin mit dem Kommunismus, dem Faschismus, dem KZ-System oder dem Nahen Osten nicht theoretisch beschäftigt. Er hat aufgeschrieben, was er erlebt hat. Was er gemacht hat, was er machen konnte, trotz allen Hindernissen: Das macht ihn zu einem bedeutenden Mann.