"Chasing Ice" im Kino Kunstwerke, die für immer verloren sind

Szenenbild aus "Chasing Ice"

Gletscher sind die Kanarienvögel in der globalen Kohlemine: Sie zeigen, wie es um den Rest bestellt ist. Jeff Orlowskis Dokumentarfilm "Chasing Ice" dokumentiert in spektakulären Bildern, wie schnell die riesigen Eismassen verschwinden.

Von Susan Vahabzadeh

Bevor er begann, das Eis zu jagen, war James Balog einfach nur Fotograf. Er habe, erzählt er am Anfang von Jeff Orlowskis Dokumentarfilm "Chasing Ice", auch damals schon versucht, das Schreckliche zu zeigen, in schrecklichen Bildern - und dabei gelernt, dass die Menschen dann wegschauen. Also beschloss er, an die Welt heranzugehen wie ein Porträtfotograf - und dieselbe Schönheit in ihr zu suchen, die etwa ein Richard Avedon in einem vom Leben gezeichneten Antlitz fand.

Aus dieser Erfahrung ergibt sich der Ansatz für diesen Film - er unterscheidet sich von den meisten Versuchen des Kinos, die Welt vor der Klimakatastrophe zu retten. Balogs Bilder zeigen Gletscher. Sie entfalten ihre Bedrohlichkeit erst im Subtext und im Zusammenhang. Eigentlich ist das, was man da sieht, einfach spektakulär und wunderschön anzuschauen. Und es macht klar: Wir Menschen sollten die Welt nicht deshalb retten, weil wir ohne sie nicht existieren können - sondern um ihrer selbst willen.

Purer Klamauk

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Gletscher, heißt es einmal im Film, sind die Kanarienvögel in der globalen Kohlemine, sie zeigen, wie es um den Rest bestellt ist. Sie sind wichtige Indikatoren, weil sie seit Zehntausenden, manche seit hunderttausend Jahren existieren, und weil man an ihnen messen kann, wie sich das Klima entwickelt hat.

Zudem findet ihr Schmelzen nicht isoliert statt - je mehr Eis verschwindet, desto größer wird unser Problem: Dann wird der Meeresspiegel steigen und ganze Landstriche fluten, und dennoch wird, wenn kein Schmelzwasser mehr nachläuft, das Trinkwasser im manchen Gegenden knapp werden. Dass wir eine Klimaerwärmung erleben, wie es sie vorher in der Geschichte des Planeten noch nie gegeben haben kann - das beweisen Forscher mit Messungen im uralten Gletschereis.

Der Amerikaner Balog, der selbst Geomorphologie studiert hat, sagt von sich selbst, er habe der Klimaforschung und ihren Untergangsweissagungen früher eher skeptisch gegenübergestanden. Er hat in den Achtzigern angefangen mit etwas, was man dann tatsächlich "environmental photography" nannte, überwiegend für das Magazin National Geographic, das auch sein ehrgeizigstes Projekt begleitete, das er 2007 ins Leben rief. EIS hat er es genannt - das steht für Extreme Ice Survey, Eis unter extremer Beobachtung, und genau darum geht es jetzt auch in Orlowskis Film.

Balog ist begeisterter Bergsteiger, und so hat er dann irgendwann begonnen, auch Gletscher zu fotografieren. Man sieht in einer Szene, wie er mit seinem Team zu einem Gletscher kommt, den er schon ein paar Jahre zuvor einmal fotografiert hat. Nun sucht er also exakt die Stelle, von der aus er damals das Bild gemacht hat - und erkennt sie kaum wieder. Aber die Unterlagen sind genau: Er sucht sich denselben Winkel, exakt dieselbe Entfernung, drückt auf den Auslöser - und das Ergebnis ist erschreckend.

Die Bilder haben miteinander nicht die geringste Ähnlichkeit: Wo vor Kurzem noch eine gigantische Eiszunge in die Landschaft ragte, ist nur noch ein wenig schmuddeliger Matsch und Geröll zu sehen. Wie ein alter Mann, der im Sterben liegt, sagt Balog: "History unfolds in these images." Die Geschichte entfaltet sich in Bildern aus dem Eis. In der kommenden Woche findet die UN-Klimakonferenz in Warschau statt, die Diskussion um den Klimawandel, auch um die deutsche Rolle darin, beherrscht die Nachrichten - und doch dringt er einem nur selten so ins Bewusstsein wie in diesem Film.