Cannes Die Dominanz des Gorillamännchens

Ein schräger Blick in die schwedische Kunstszene und auf den Regisseur Ruben Östlund. Außerdem: viel Hollywoodprominenz im Wettbewerb von Cannes.

Von Tobias Kniebe

In der Welt des Films spielt der Kritiker aus gutem Grund keine Hauptrolle, und das Festival von Cannes hat einen Weg gefunden, ihn jeden Morgen daran zu erinnern. Die erste wichtige Vorführung für die Presse beginnt nämlich um halb neun, was sich zunächst nach einer normalen, sehr menschlichen Arbeitszeit anhört. Man muss aber wissen, dass alle anderen hier um diese Zeit noch schlafen. Und nicht nur das: Exakt in dem Moment, in dem die Nacht davor beginnt, ein großes Versprechen zu werden, müssen Kritiker sich in der Regel ins Bett verabschieden. Die mitleidigen Blicke der echten Filmschaffenden, die ihnen dabei dann gelten, erscheinen manchen dann wie eine kosmische Strafe für all ihre bösen Texte.

Was wiederum eine gute Szene für Ruben Östlund wäre. Der schwedische Regisseur ist ein wichtiger Name im Kreis der aufstrebenden Filmautoren des Cannes-Wettbewerbs. Der Grund dafür ist vor allem sein hochpräzises Auge für die subtilen Enttäuschungen, Anmaßungen, Feigheiten und Verwicklungen des wohlstandsgesättigten Alltags. Mit seinem Film "Force Majeure" ("Höhere Gewalt"), in dem ein nur beinahe tödlicher Lawinenabgang im Urlaub die innere Dynamik einer Familie erst enthüllt und dann zersetzt, erregte er bereits Aufsehen. Jetzt lässt er "The Square" folgen, wo er ähnlich ungerührt auf die Stockholmer Kunstszene blickt.

Der Film zeigt Vignetten aus dem Leben von Christian, Kurator an einem bedeutenden Museum für moderne Kunst, gespielt von Claes Bang, den man sich ungefähr wie eine nordische Version von Pierce Brosnan vorstellen muss. Äußerlich passiert nicht viel, ein Drama des Films handelt zum Beispiel davon, wie Christian Geldbeutel und iPhone an Trickdiebe verliert, aber per Tracking-Funktion und mit etwas List beides zurückgewinnen kann. Zugleich aber geschehen diesem mit allen diskursiven Wassern gewaschenen Schönling, der vor allem von sich selbst besessen ist, immer mehr Missgeschicke, die schließlich in den Verlust seines Jobs und sogar seiner Arroganz münden.

Im Grunde geht es um die Unfähigkeit eines Mannes, sich in seiner eigenen übercodierten und hochverfeinerten politischen Korrektheitswelt noch länger sinnvoll zu definieren, weil archaische Impulse wie Angst, Lust und Aggression sich eben doch nicht dauerhaft unterdrücken lassen. Diese Idee hält den Film nicht vollständig zusammen, mündet aber in einige unvergessliche Sequenzen. Wie etwa ein Sponsorendinner mit stocksteifen Superreichen, das von einem halbnackten Kunstperformer im Modus eines dominanten Gorillamännchens aufgemischt wird und komplett aus dem Ruder läuft.

Noch deutlich unterschwelliger sind die Aggressionen und Verletzungen in "The Meyerowitz Stories (New and Selected)" des New Yorker Regisseurs Noah Baumbach. Dies ist der zweite vom Streaming-Giganten Netflix produzierte Film in Cannes, dessen Aufnahme in den Wettbewerb wegen dieser Herkunft umstritten war, aber künstlerisch absolut gerechtfertigt ist.

Dustin Hoffman spielt Harold Meyerowitz, einen Bildhauer am Ende seines Lebens, der es nie in die großen Museumskollektionen geschafft hat, sich als Collegeprofessor durchschlagen musste und darüber verbittert ist. Trotzdem ist es ihm irgendwie gelungen, im Leben seiner vier aufeinanderfolgenden Ehefrauen und auch seiner drei Kinder eine sehr dominante Rolle zu spielen.

Baumbach führt diese erwachsenen Kinder (gespielt von Adam Sandler, Ben Stiller und Elizabeth Marvel) nun enger zusammen, als sie es bisher je waren - unter anderem an Harolds Krankenbett. Und auch Ehefrau Nummer vier (Emma Thompson) mischt mit. Die Kinder sind absolut unterschiedlich, und auf sehr unterschiedliche Weise gestört, vor allem aber müssen sie sich immer noch von den Prägungen durch den Vater lösen. Baumbach versteht dabei etwas, das zum Beispiel Michael Haneke bei dessen konkurrierendem Familiendrama "Happy End" völlig fremd ist: Dass es überhaupt kein monströses Verhalten braucht, um seelische Verheerungen anzurichten oder darzustellen. Ein kleiner Gifttropfen väterlicher Enttäuschung, mit etwas Fürsorge gepaart und bei jeder Begegnung verabreicht, kann sogar weitaus wirkungsvoller sein.

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Noch tiefer unter die Oberfläche verbannt scheinen die dunklen Gefühle in "The Killing of a Sacred Deer" von Yorgos Lanthimos zu sein. Der Mann hat eine wilde Fantasie, die gern mal ins Dystopische, Bizarre und Übernatürliche hineindriftet, und er scheint derzeit produktiver zu sein als die gesamte Wirtschaft seiner Heimat Griechenland. Eben erst war er mit "The Lobster" im Kino, der im seltsamsten Paarvermittlungsinstitut der Filmgeschichte spielte. Und der neue Film nach Cannes ist auch schon wieder fertig. Hier aber geht es um einen Herzchirurgen namens Steven (Colin Farrell), der mit schöner Frau (Nicole Kidman) und zwei Musterkindern im amerikanischen Suburbia lebt.

Steven unterhält eine seltsame Beziehung zu dem halbwüchsigen Martin, dessen Vater er aus Versehen auf dem Operationstisch getötet hat, eine Folge seines inzwischen überwundenen Alkoholismus. Er kümmert sich etwas um den Jungen, von Schuld geplagt - bis auf einmal der Rachegott des Schicksals selbst durch Martins tonlose Stimme zu sprechen scheint. Biblisches Siechtum werde nun seine Frau und seine Kinder befallen, kündigt diese Stimme an - sofern Steven nicht selbst Schicksal spiele und ein Familienmitglied umbringe, um die beiden anderen zu retten. Man fragt sich lange, wie ernst man diese Drohung nehmen soll, so lange, bis der Film fast auseinanderfällt - und muss dann doch erkennen, dass sich hier eine Art kosmische Gerechtigkeit manifestiert.