Bühne Hauch der Angst

Der Katalane Manolo Alcántara kommt mit seiner Zirkus-Produktion zum Tollwood-Festival - "Rudo" heißt sein Balanceakt, der den Zuschauer ganz nah heran lässt

Von Christiane Lutz

Manolo Alcántara war ein unruhiges Kind. Eines, das nicht gut still sitzen konnte und am liebsten auf der Straße mit seinen Freunden herumtobte, in einem kleinen Vorort von Barcelona. Ein Glück, dass Alcántara mit 23 Jahren zum Zirkus fand und damit zu seiner Form, Kunst zu machen.

Mit seinem Stück "Rudo" ist der Katalane in diesem Jahr auf Tollwood zu sehen. "Rudo" ist ein einstündiger Balanceakt mit einfachsten Mitteln. Begleitet von zwei Musikerinnen an der Geige und am Cello steht im Zentrum des Abends Manolo Alcántara selbst. Die Zuschauer sind nah an ihn herangerückt, wenn er aus staubigen Kisten Treppen baut, diese mit einer Eisenstange verbindet, über die er dann balanciert. Die Zuschauer sind nah dran, wenn er eine riesige Holzstange schwingt, wenige Zentimeter von ihren Gesichtern weg. Sie spüren seine Anspannung, er die ihre. Sie riechen seinen Schweiß, hören ihn atmen. Dadurch entsteht Nähe. Eine Intimität beinahe, die Alcántara bereitwillig mit seinem Publikum teilt. Doch geteilte Intimität bedeutet geteiltes Risiko, geteilte Angst. "Das Publikum soll sich bei mir nicht wie hinter der vierten Wand im Theater fühlen", sagt Alcántara, "sie sollen einbezogen werden. Räumlich und emotional." Dazu gehört auch die Angst, der Nervenkitzel, dass etwas schiefgehen könnte. Auch wenn der Künstler zugibt: "Ich lasse es schwieriger aussehen, als es ist."

Das, was Alcántara beschreibt, ist sein "circo personal", also sein "persönlicher Zirkus". Kategorisierungen und Namen wie "Nouveau Cirque" oder "zeitgenössischer Zirkus" interessieren ihn nicht. Für ihn gebe es nur gute und schlechte Produktionen. Welcher Tradition diese entstammen, sei egal. "Es ist nicht die Vollbringung einer Heldentat, die mich reizt. Oder der Wunsch, etwas möglichst schwieriges zu machen. Ich möchte, dass der Zuschauer etwas fühlt. Angst. Zartheit."

"Rudo" ist spanisch und bedeutet grob, unsanft. In der Produktion kommen Alcántara und seine Musikerinnen in Arbeiterklamotten und groben Schuhen auf die Bühne, als kämen sie irgendwo her, wo es dreckig ist. Alcántara bewegt sich hölzern, als seien die Knochen von der harten Arbeit müde. "In Rudo geht es um körperliche Anstrengung", sagt der 45-Jährige. "Die kann ein Banker oder ein Journalist aber genauso erleben, wie ein Zirkusartist." Allerdings, sagt er, sei er durchaus inspiriert gewesen durch die körperliche Arbeit, die noch seine Eltern mit ihren Händen hätten leisten müssen. Er hüte sich aber davor, das explizit anzusprechen. Er suggeriere gern. Erklären liege ihm nicht. Jeder Zuschauer solle aus der Vorstellung lesen, was er wolle. Etwas konkreter wird Alcántara dann aber doch und sagt: "Die Frage in Rudo könnte sein: Steht die Anstrengung, die wir im Leben vollführen, in einem gesunden Verhältnis zu ihrem Ertrag?"

"Rudo" ist ein Spiel mit den Gegensätzen, eine Balance zwischen Gegensätzen. Auf der einen Seite steht die Grobheit, die Arbeit, der Staub. Auf der anderen steht eine Zartheit, die - davon ist Alcántara überzeugt - jedem Menschen innewohnt. Deutlich wird das in der Nummer mit der Marionette. Alcántara baut wieder Türme aus Kisten auf, balanciert über eine Eisenstange und führt vor sich eine kleine Holzmarionette, die ebenfalls über die Stange balanciert. Das hat etwas so Rührendes, Fürsorgliches, als führe Alcántara sein eigenes Kind.

Der "Nouveau Cirque" hat auch in Spanien viele Anhänger. Spektakulär sind die Arbeiten der Gruppe "La Fura dels Baus", die Katalanen gelten sogar als Erneurerer des ohnehin jungen Genres. Manolo Alcántara aber bezieht sich, wie auch der Franzose Johann Le Guillerm, auf sich selbst, verzichtet auf Effekte, auf die Pose. Seine Werke entspringen seinem Bauch, seinem Herzen. "Der Zirkus ist nicht mein Beruf, er ist meine Art zu leben", sagt er. " Mein Leben ist durch den Zirkus bedingt. Und umgekehrt."

Rudo, von Manolo Alcántara, Do., 25. Juni, bis Di., 30. Juni, Tollwood, Theaterzelt