Bildband Städtebilder

Fotografien des 19. Jahrhunderts zeigen den Umbau Berlins von der Residenz der Hohenzollern zur Metropole des Wilhelminismus.

Von Lothar Müller

Wie eine venezianische Gondel schiebt sich ein schwarzer Kahn in den Vordergrund des Bildes. Über seinen Bug und den Spreearm hinweg gleitet der Blick auf die Museumsinsel. Der Lustgarten scheint in seinen Dimensionen geschrumpft, der alte Berliner Dom, dem Karl Friedrich Schinkel 1820/21 seine klassizistische Gestalt gegeben hatte, nah ans Ufer gerückt. Die Aufnahme entstand im Kriegsjahr 1870, Emil Römmler, der in Dresden ein Atelier für Architektur- und Städtebilder betrieb, wurde wenig später sächsischer Hof-Fotograf. Bei ihm ist der Schinkel-Dom noch sicher eingebettet in den Bildraum einer fotografischen Stadt-Vedute.

1893 wurde der alte Dom abgetragen und gesprengt. Preußen hatte den Krieg gewonnen, Berlin war seit zwei Jahrzehnten Hauptstadt des Deutschen Reiches, Kaiser Wilhelm II. hatte den Thron bestiegen und betrachtete von 1894 bis 1905 das Wachstum des von Julius Raschdorff errichteten neuen Doms mit Wohlgefallen. Das Monstrum im "Weltausstellungsstil" - so damals Walther Rathenau - steht noch heute. Den Abriss des alten Domes hat F.A. Schwartz dokumentiert, einer der fotografischen Chronisten des Umbaus der preußischen Residenzstadt zur Reichshauptstadt und Industriemetropole. Aus dem pittoresken Kahn ist ein schlankes Transportboot geworden, an die Stelle der Stadtvedute die Dokumentation eines aktuellen Ereignisses getreten, die das Genre der Bildreportage ahnen lässt.

Man findet die Sequenz jetzt in einem Update des Bandes mit frühen Fotografien Berlins, den Janos Frecot und Helmut Geisert 1984 präsentiert haben. Die amerikanische Historikerin Miriam Paeslack konnte dafür auf erweiterte Quellenbestände zurückgreifen, und zudem hat sich der perspektivische Fixpunkt verschoben, aus dem der Betrachter auf das Wilhelminische Berlin zurückblickt. Noch immer entfaltet der alte Tiergarten mit seinen Villen und der Kroll-Oper seine Reize, ruft das Kaiserpanorama in der Friedrichstraße Erinnerungen an Städtebilder von Walter Benjamin oder Franz Hessel herauf, aber wer beim Blättern auf den Abriss des Schinkel-Domes stößt, der wird sich seine Nachbarschaft vor Augen rücken, den Stadtraum um das Schloss, das schon damals Baustelle war: wie der Dom gegenüber wurde 1893 die Bebauung der Schlossfreiheit mit dem alten Café Josty abgerissen, um Platz zu schaffen für das monumentale National-Denkmal mit dem Reiterstandbild Wilhelms I. Und wenn um 1909 Max Missmann seine Kamera auf die Schlossbrücke und den Lustgarten richtet, scheint Schinkels ehemals selber monumentales Altes Museum gegenüber dem vollendeten Dom-Monstrum ins Modellhafte geschrumpft.

Das Unbehagen am neuen Berlin ging in den Erfolg der fotografischen Erfassung - und nicht selten Verklärung - des "alten Berlin" um die Fischerinsel ein. Zu Recht ist dieses "alte Berlin" hier eingebettet in das industrielle Berlin, das am Gesundbrunnen und im Moabit Borsigs entsteht, in das Berlin der Ingenieure, der Eisenbahnbrücken, Bahnhofs- und Fabrikhallen, der Kanalisationsarbeiten und Abraumhalden. Ein Update zur rechten Zeit.

Miriam Paeslack: Berlin im 19. Jahrhundert. Frühe Photographien 1850-1914. 183 Tafeln, 12 Abb. in Duotone. Schirmer/Mosel Verlag 2015. 232 Seiten, 49,80 Euro.