Bildband Einmal mit Memento mori, bitte

Ein Band zeigt, wie man Speisen inszeniert: Mal sieht man Manierismus in düsterer Nahrungspracht. Dann wieder Konstruktionen wie Versuchsanordnungen im Tüftlerlabor.

Von Bernd Graff

Wenn im Internet nicht nach Pornos oder Katzenbildern gesucht wird, dann nach schmackhaft abgebildeten, mundwässernden Mahlzeiten. Tatsächlich hat sich in den sozialen Medien, vor allem im angelsächsischen Raum, herausgebildet, was man dort als "Food Porn" bezeichnet. Gemeint sind Fotos, die Gourmets wie selbsternannte Kochkünstler von ihrem Essen und Trinken überall dorthin posten, wo Pornos und Katzenbilder noch Platz lassen. Dabei sind diese Nahrungsmittelabbildungen nicht einfach Dokumentationen von gutem Essen, das dem eigenen Leib zugeführt wird. So wären sie ja kaum mehr als Selfies vor dem Metabolismus. Nein, überall überbieten sich Fotografen darin, dem Essen eine grandiose Bühne zu bereiten und es zu inszenieren.

Man sieht Manierismus im Stil alter Meister, als Memento mori in düsterer Üppigkeit der Nahrungspracht. Dann gibt es Konstruktionen aus dem Tüftlerlabor, in denen Nahrung als wagemutige Versuchsanordnung zelebriert wird. Unser Bild zeigt etwa eine Arbeit des Setdesigners Jamie Brown für The Gourmand Issue, "Measures of Quality: The Cocktail Families", die Jess Bonham fotografiert hat. High-Brow-Fotografen arrangieren wiederum im International Style, minimalistisch, puristisch, geradezu fragil einfach.

Food wie von pubertierenden Künstlichen Intelligenzen

All das ist insofern verwunderlich, als ja das Internet von allem Anfang an im Ruch steht, von einsamen Nerds vor Kartons voller Tiefkühlpizza betrieben zu werden, die dort Katzenbilder oder eben Pornos suchen. Denn Essen ist doch vor allem ein soziales Ereignis, Bindemittel von Mikrogesellschaften und Familien. Essen ist nicht einfach Nahrungsaufnahme, es ist der Ausweis von sozialem Rang und Stellung, ein Merkmal von Distinktion und Stil. Geschmack hat nicht nur die Nahrung. Geschmack hat der Esser.

So will die Inszenierung des Essens seit den Tafelbildern eines Giuseppe Arcimboldo aus der Spätrenaissance mehr sein als bloßes Abbild der Reichhaltigkeit dessen, was wir zu uns nehmen. Wir sind, was wir essen. Und wer wollte da schon gering erscheinen in der Frittenbude seines Lebens! Das lehrten die enigmatisch-allegorischen Blattwerk-, Meeresfrucht- und Gemüsebilder des Arcimboldo. Vor diesem Hintergrund sind die gewaltigen Anstrengungen zu verstehen, die Food-Stylisten, Arrangeure und Regisseure der Essensfotografenkunst unternehmen, um ihre Arbeiten sowohl von den Schnappschüssen fröhlicher Restaurantblogger als auch von jenen der Modefotografen zu unterscheiden, die auf die vollständige Ausleuchtung von Produkten und das Festhalten von Trends setzen. Weil Essen so unmittelbar auf die Bedürfnisse des menschlichen Leibes verweist, ist Food Photography eine echte Herausforderung der Kreativität.

Dies vor allem führt der erstaunliche, stilsichere, radikale, keinesfalls nur appetitanregende Bildband "Visual Feast" vor Augen. Hier sind Inszenierungen zu finden, die dem Fett eines Burgers mit erhöhter Pastellfarben-Konzentration beikommen (Claudia Finca & David Luciano), ironisch das Märchen der Prinzessin auf der Erbse zitieren (Harry Peccinotti), die in Fortführung der Arbeiten von Sarah Illenberger dem Essen seine eigene Materialität absprechen, um ihm gleich eine neue zu verpassen (Olivia Jeczymk), oder es erscheinen lassen wie die überschießenden Erfindungen von pubertierenden künstlichen Intelligenzen (Eric Wert). Am heimtückischsten sind die Arbeiten von Sandy Suffield, die den Eindruck leckerster Gerichte über den aufgetragenen Glanz aus Haarspraydose, Schuhcreme und Fahrradkettenöl vermittelt. Kurz, die Spannbreite künstlerischer Ausdrucksformen ist so groß, dass man beim ausgiebigen Betrachten der vielen Happen glatt zu essen vergisst.

Visual Feast. Contemporary Food Staging and Photography. Gestalten Verlag, Berlin 2017. 224 Seiten, 39,90 Euro.