Berlinale-Programm Mehr als Hollywood

Feuchtfröhlich: Scarlett Johansson im Eröffnungsfilm "Hail, Caesar!"

(Foto: Universal Pictures/AP)

Hollywoodopulenz und Autorenfilmkunst: Mit dem Eröffnungsfilm haben die Macher einen Coup gelandet. Was die Berlinale außerdem zu bieten hat - ein Ausblick.

Von David Steinitz

Wenn die Berlinale heute Abend feierlich mit der Hollywood-Groteske "Hail, Caesar!" von den Coen-Brüdern eröffnet wird, und gleich ein ganzer Haufen Stars aus der Ensemble-Komödie über den roten Teppich Richtung Festivalpalast schreitet - dann können sich Berlinale Chef Dieter Kosslick und sein Team kräftig auf die Schultern klopfen.

Im erbitterten Kampf der großen Filmfestivals um eindrucksvolle Eröffnungsfilme - die idealerweise einen Mix aus Hollywoodopulenz und Autorenfilmkunst bieten, um möglichst viele Festivalgänger zu befriedigen - haben sie mit den Coens einen absoluten Coup gelandet.

Gerade der Glamour und die Aufregung der ersten Nacht hat für die mächtigen Festivals der A-Liga, also für Venedig, Cannes und Berlin, eine immens wichtige Reviermarkierungsfunktion.

Während der vorgebliche Branchenprimus Cannes sich in den letzten Jahren mit so manchem Eröffnungsfilm ziemlich in die Nesseln gesetzt hat (einige Zuschauer sollen bis heute Albträume von Nicole Kidman als "Grace of Monaco" haben), wird in Berlin auch dieses Jahr wieder ein besonders starker Film das Festival eröffnen. Denn auch vor der Premiere von "Hail, Caesar" kann man schon mal attestieren, dass selbst ein sehr schlechter Coen-Film wohl immer noch deutlich besser ist als vieles andere, was es so auf die Leinwände der Welt schafft.

Mit dem Eröffnungsfilm ist der ganz große Hollywood-Glamour-Reigen der Berlinale dann zwar auch schon wieder relativ erschöpft; was aber nicht weiter schlimm ist, denn Kino besteht schließlich aus mehr als nur Hollywood.

Große und kleine Namen - salomonisch ausgewählt

Das 2016er-Wettbewerbsprogramm, in dem "Hail, Caesar!" außer Konkurrenz gezeigt wird, ist ein solides Best-of des internationalen Autorenfilms, große und kleine Namen, große und kleine Filmnationen sind recht salomonisch ausgewählt worden.

18 Filme konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären, die am 20. Februar verliehen werden, darunter ein deutscher Beitrag, das Familiendrama "24 Wochen" von Anne Zohra Berrached. Fünf Filme laufen außer Konkurrenz, unter anderem Spike Lees "Chi-Raq" mit Samuel L. Jackson.

Alte Festivalhasen wie Thomas Vinterberg ("Das Fest") sind dabei, er stellt seine Tragikomödie "Kollektivet/The Commune" vor, nach seinen Kindheitserinnerungen an das Kommunenleben der Siebziger.

Ein Acht-Stunden-Film für die hartgesottensten Kinoratten

Bei den jüngeren Filmemachern im Wettbewerb sollte man unbedingt die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve im Auge behalten, die mit "L'avenir/Things to Come " ins Rennen geht. Eine melancholische Geschichte übers Altern und die Suche nach dem Glück in einem Pariser Intellektuellenhaushalt. Klingt nach idealem Festivalstoff und ist es hoffentlich auch.

Die 35-jährige Hansen-Løve hat bereits ein paar äußerst bezaubernde Filme gedreht, unter anderem die zärtliche Coming-of-Age-Geschichte "Un amour de jeunesse/Jugendliebe" und den famosen Musikfilm "Eden" über die französische Technoszene der Neunziger. Beide sind in den Kinos leider ein bisschen untergegangen. Vielleicht hilft ihr in diesem Jahr die Aufmerksamkeit des Berlinale-Trubels, um sich einem etwas größeren Publikum vorstellen zu können.

Die physisch größte Herausforderung dieses Wettbewerbs dürfte das philippinische Kinoessay "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" von Lav Diaz sein. Er erzählt darin die wilde Geschichte des philippinischen Widerstandskämpfers Andrés Bonifacio y de Castro und zugleich die bewegte Selbstfindungsgeschichte des Landes, für das dieser gekämpft hat. Dauer: stolze 485 Minuten, über acht Stunden - das ist nur etwas für die ganz hartgesottenen Kinoratten.