SZ: Sie haben die Produktionsbedingungen in der DDR erlebt, dann die in der Bundesrepublik. Können Sie die verschiedenen Systeme für uns vergleichen?
Bild vergrößern
Erhält dieses Jahr im Alter von 78 Jahren den Ehrenbären auf der Berlinale: Wolfgang Kohlhaase. (© Foto: dpa)
Anzeige
Kohlhaase: Die rein ökonomische Seite lässt sich vielleicht am einfachsten beschreiben. Die Filmindustrie in der DDR wurde ja finanziert wie ein Opernhaus. Und wenn man sich mit dem Studio geeinigt hatte auf ein Projekt, dann musste man über die Finanzierung nicht weiter nachdenken. Heute kann die Finanzierung eines Films sehr umständlich sein. Und dann hatte man es in der DDR natürlich auch mit politischen Erwartungen zu tun. Das darf man sich nicht so platt vorstellen, wie es sich manchmal liest. Wir wollten ja den öffentlichen Angelegenheiten auf der Spur bleiben, wir wollten große und offene Fragen in die Gesellschaft bringen. Und auch die Politik war auf ihre Weise an der Realität interessiert. Aber wenn sich die Wunschbilder der Politik nicht deckten mit den Kinobildern, dann gab's Konflikte. Das war manchmal beschwerlich, aber man arbeitete nicht ins Beliebige hinein. Man war in einem Raum, wo Wirkung entstand.
SZ: Müssen Sie Ihre Figuren mögen, vielleicht sogar lieben, damit Sie ein Drehbuch über sie schreiben wollen?
Kohlhaase: Aus einem lebenden Vorbild eine Kunstfigur zu machen, das geht nicht ohne Liebe, das ist zunächst eine moralische Frage in Bezug auf die Arbeit. Wenn mich eine Figur interessieren soll, dann muss ich sie lieben. Ja, ich muss auch die bösen Kinder lieben und die schlimmen Charaktere. Ich muss ja versuchen, etwas von ihnen zu verstehen, damit der Zuschauer etwas über Sie erfährt.
SZ: Haben Sie einen Zettelkasten zu Hause mit Sätzen, die Sie gehört haben und vielleicht später verwenden wollen?
Kohlhaase: Nein, ich habe keinen Zettelkasten, obgleich ich mich manchmal ärgere, wenn ich etwas höre, das mir gefällt, weil es einen bestimmten Moment sehr genau beschreibt, und dann vergesse ich es. Aber Redewendungen veralten von einem Jahr aufs andere, und es gibt nichts Unmoderneres als die Mode von gestern. Tonlagen sind wichtig. Und wenn man die Haltung einer Figur hat, die ja mehr ist als das, was ein Mensch sagt, dann ist der nächste Gedanke, welche Chance denn der Schauspieler haben soll. Gebe ich ihm einen guten Satz oder gebe ich ihm zwei weniger gute Sätze - und natürlich gebe ich ihm einen guten Satz. Ich glaube, dass auch Schauspieler es mögen, wenn sie Platz haben, wenn sie nicht ununterbrochen reden und reden und noch mal reden müssen. Meine Vorstellung von Prosa, aber auch von Text in einer Filmszene ist eher die von einem lockeren Brot. Da müssen Poren sein, es darf nicht zugebacken sein.
SZ: Dafür ist es wichtig, dass der Text gerade nicht vom Leben abgeschrieben ist, sondern eine Form hat.
Kohlhaase: Ja, damit er sich am Ende anhört, als könnte er gerade gesagt worden sein. Dafür muss man die Worte ein bisschen verändern, ein bisschen drehen - und plötzlich leuchtet ein Satz.
SZ: Sie haben auch Hörspiele und Prosa geschrieben. Warum sind Sie nicht Schriftsteller geworden?
Kohlhaase: Es hat sich nicht so ergeben. Aber man muss ja mal aufhören, Filme zu machen, und dann setze ich mich vielleicht hin und schreibe. Was ich nicht gekonnt habe, ist beides parallel zu machen. Man schreibt Drehbücher bei offener Tür, weil man immer wieder die Leute trifft, für die man schreibt, einen Produzenten, einen Regisseur oder Schauspieler. Und wenn man Prosa schreibt, dann sollte man die Tür zumachen.
SZ: Sie haben schon viele Preise bekommen, jetzt den Ehrenbären der Berlinale. Wissen Sie schon, wo Sie ihn aufstellen?
Kohlhaase: Ich stelle ihn an einen Platz, wo man ihn sehen kann.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Berlinale-Gespräch: Leonardo DiCaprio "Komödien kann ich nicht" 11.02.2010
- Im TV: "Haus und Kind" Stolz und Nachteil 06.10.2009
- Im Kino: "Wolke 9" Was ist denn dabei? 03.09.2008
- VIP-Klick: Kevin Costner Vom Wilden Westen an die Spree 17.03.2010
- Im Kino: "Der Räuber" Die Einsamkeit des Langstreckenläufers 04.03.2010
- Berlinale-Abschluss Nun hast du Verantwortung für uns 22.02.2010
- Preisverleihung bei der 60. Berlinale Bären lieben Honig 22.02.2010
(SZ vom 17.2.2010/kar)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"