Berlin: Manifest der Vielen Tanz den Sarrazin

Ein Land schafft sich ab? Nicht doch. Im Berliner Maxim Gorki Theater fordern Deutsche und Migranten, die Republik müsse sich neu erfinden. Und zwar mit Humor.

Von Thorsten Schmitz

Vor dem Maxim Gorki Theater steht ein Polizeiwagen mit laufendem Motor. Leise gleitet das Fenster hinunter, ein Beamter sagt: "Wir sagen gar nichts." Das Fenster gleitet wieder hoch. Man hatte wissen wollen, warum ein Streifenwagen vor dem Theater nötig sei.

An der Kasse haben sich zwei lange Schlangen gebildet. Das Theater ist an diesem Abend restlos ausverkauft, so restlos, dass man draußen in der klirrend kalten Nacht gefragt wird, ob man vielleicht eine Karte zu viel habe. Aus der Pressestelle ist zu hören, dass man noch nie so viele Anfragen bekommen habe für eine Veranstaltung, die mit Theater nichts zu tun hat. Auf dem Programm steht an diesem Donnerstagabend nicht Madame Bovary oder Amphitryon. Sondern die Premiere eines Buches, das erst den Titel "Tanz den Sarrazin" tragen sollte, dann aber in "Manifest der Vielen" abgeschwächt wurde.

Die Menschen betteln um Karten, weil Thilo Sarrazin hier heute Abend nicht auf der Bühne sitzen wird. Sondern die, über die Sarrazin ein Buch geschrieben hat. Also: türkische Rapper aus Kreuzberg und Schauspielerinnen aus Teheran, türkische Journalistinnen (mit Kopftuch) aus Hamburg und Schriftstellerinnen (ohne Kopftuch) aus Duisburg. Sarrazin behauptet, die Muslime in Deutschland trügen dazu bei, dass Deutschland sich abschaffe. Auf der Bühne sitzen an diesem Abend Muslime, die sagen, Deutschland müsse sich "neu erfinden". Und sie zeigen auch, wie: vor allem mit Humor.

Man fragt sich, welches Buch Thilo Sarrazin wohl geschrieben hätte, wenn er Pegah Ferydoni kennengelernt hätte, die iranische Schauspielerin und Musikerin, die in Berlin zu Hause und es leid ist, "immer nur die gleiche Art von Betroffenheitstürkin zu spielen". Oder Hatice Akyün, die Bücher geschrieben hat mit politisch unkorrekten Titeln ("Ali zum Dessert", "Einmal Hans mit scharfer Soße") und die, wenn man sie fragt, was und wo Heimat für sie sei, gar nicht lange überlegen muss: "Die A42, die durch Duisburg geht."

Wut hat sich angestaut bei den Migranten, weil in Deutschland (und in gewissem Sinne auch an diesem Abend) unterschieden wird zwischen Deutschen und Migranten. "Wir sind keine minderwertigen Gemüsehändler!", stellt der Moderator richtig, Ali Aslan. Er ist das beste Beispiel dafür, dass nicht jeder Türke Grünzeug verkauft. Aslan hat schon als CNN-Reporter und als politischer Berater für zwei Bundesminister gearbeitet und auch die Deutsche Islam Konferenz mit initiiert. Seine Moderation ist von einem scharfen Witz geprägt. Eine Late-Night-Show, das würde zu ihm passen. Am Ende sagte er: "Soweit ich weiß, ist es in den letzten 90 Minuten im Saal zu keiner Zwangsheirat gekommen und auch die Scharia wurde nicht ausgerufen."

"Sarrazin kommt und geht. Wir bleiben."

Dafür hatte ein Video Weltpremiere, der Clip zum "Tanz den Sarrazin". Im Video zum Buch, das auf Youtube innerhalb von wenigen Stunden bereits über 700 Mal angeklickt wurde, singt der in Tauberbischofsheim geborene Rapper Volkan T. von "Bio-Deutschen"; die iranischstämmige Schauspielerin Sesede Terzyan steuert den Refrain bei: "Wir leben heute schon in der Welt von morgen, tanz den Sarrazin, tanz den Guttenberg, und mach dir keine Sorgen." Gedreht wurde der Clip von zwei Bio-Deutschen, den Videokünstlerinnen Rebecca Riedel und Mieke Ulfig.

Der Blumenbar-Verlag ist seit Donnerstag mit einem neonorangeroten Anti-Sarrazin-Buch auf dem Markt, dem "Manifest der Vielen". Eine von den Vielen ist Kübra Gümüsay, eine junge Bloggerin mit iPhone, die Kopftuch trägt und im Gorki-Theater ruft: "Muslime haben kein Exklusivrecht auf die Opferrolle!" Weshalb sie dann auch über die Diskriminierung von Juden und Schwulen redet. Viel ist an diesem Abend die Rede davon, dass die Deutschen die Migranten zu Opfern degradierten, ausschlössen, zu Nicht-Deutschen umfunktionierten. Gümüsay hat mal ein Interview geführt mit Sarrazin. Nicht über seine Statistiken, "sondern über Emotionen wollte ich mit ihm reden. Über das, was er ausgelöst hat mit seinem Buch."

Und? "Ich wusste, dass er darauf keine Antworten hat."

Ekrem Senol, der die Zeitschrift Migazin herausbringt, erzählt, wie er (von einer Deutschen) mal gefragt wurde, ob er "auch zwangsverheiratet" sei. Nur Humor kann jetzt helfen, dachte Sekrem. Also sagte er mit ernster Miene: "Ja, mit all meinen drei Bräuten."

Schulterzucken und tanzen - das ist die Haltung von Imran Ayata, einem Werbeagentur-Geschäftsführer und leidenschaftlichen DJ. Er legt am Abend in der Gorki-Kantine arabischen Elektropop auf und Platten mit Bauchtanzmusik. Da ist das Sarrazin-Deutschland dann ganz weit weg. Ein Freund von Ayata lebt in Hannover und arbeitet für eine Sicherheitsfirma. In einem Gespräch hat er kürzlich die ganze Integrationsdebatte der letzten Monate auf zwei kurze Sätze eingedampft: "Sarrazin kommt und geht. Wir bleiben."

Die Polizei bleibt auch bis zum Ende, um die Besucher und Gäste des Gorki-Theaters zu schützen. Wolfgang Farkas vom Blumenbar-Verlag bekommt Hassmails, seit auf der Internetseite des Verlags für das neue Buch geworben wird. Das hat ihn erschrocken. In rechten Online-Postillen kann man jetzt lesen, dass jeder Beitrag in dem Buch wie eine Patrone sei, mit der eine Waffe geladen würde. "Da habe ich schon ein bisschen Angst bekommen", gibt Farkas zu. Es waren dann die vielen Autoren, die ihm die Angst genommen haben. "Da brauchst du keine Angst haben", sagten sie, "da gewöhnst du dich dran."

Political Verrücktness

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