Ballett "Die Bösen haben's besser"

Prisca Zeisel als Wilis-Königin Myrtha in vollendeter Arabesque: In "Giselle" bringt sie Ballett als Kunst der reinen Linie zur Geltung.

(Foto: Wilfried Hösl)

Mit eineinhalb Jahren Kunstturnerin, mit 15 Ballerina beim Wiener Staatsballett, mit 22 Solistin beim Bayerischen Staatsballett: Prisca Zeisel ist unaufhaltsam auf dem Weg nach oben

Von Eva-Elisabeth Fischer

Das unschuldig-glückselige Grienen, das John Neumeier allen jungen Mädchen im ersten Liebestaumel auferlegt, steht ihr gar nicht. Denn Prisca Zeisel hat ein Gesicht, keine hübsche Larve. Hellhäutig, rötlich-blond gelocktes Haar, kreisrunde braune Augen, sieht sie aus, wie aus einem Renaissance-Gemälde entsprungen. Naiv? Nie und nimmer. Sonst hätte sie in "Spartacus" die Aegina nicht derart berückend tanzen können, diese intrigante Schlampe, Gespielin des dekadenten römischen Potentaten Crassus, die ihre Reize als rote Salonschlange eiskalt berechnend einsetzt.

Aber seit kurzem tanzt Prisca Zeisel auch die Hermia im "Sommernachtstraum", muss ihrem Lysander mit überschwänglich-kindlichem Ungestüm begegnen und gleichzeitig jede Menge Schritte tanzen. Die Tänzerin kommt mit Neumeiers komplexen, alles andere als körperfreundlichen Variationen spielend zurecht. "Das ist wie Nurejew tanzen", sagt sie, "man gewöhnt sich dran. Und bei Neumeier ist jede Bewegung inhaltlich begründet". Sie goutiert also den intellektuellen Ansatz des Meisters. Die unzeitgemäßen, eindimensionalen Frauenbilder, die sie als Aegina wie auch als Hermia verkörpert, zu hinterfragen, würde sie allerdings ganz woanders hin bringen als an eine momentan rein auf klassische Abendfüller abonnierte Kompanie wie das Bayerische Staatsballett. Sie lernt dabei viel. Und dies zum Genuss des Publikums.

Das ist ihr wohl bewusst, denn bereits seit elf Jahren ist sie im Metier. Also ihr halbes Leben. Mit ihren 22 Jahren blickt die gebürtige Wienerin schon auf einen beachtlichen Erfahrungsschatz zurück. Für eine Ballerina muss das so sein. Denn das Tänzerinnenleben ist kurz und meistens mit 40 vorbei. Wer etwas will, muss sich früh auch im Ausland umschauen. Man darf nicht an der Familie kleben und muss täglich aufs Neue Disziplin aufbringen, auch in einem Alter, da andere ihre Pubertät mit sämtlichen Begleiterscheinungen ausleben. Prisca Zeisel will offenbar viel und hat die besten Chancen, eines Tages ganz oben zu brillieren. Im März ist sie einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Sie wurde von Igor Zelensky zur Solistin befördert.

Sie hatte sich beim Bayerischen Staatsballett anlässlich des Direktorenwechsels beworben. Es erschien ihr als eine gute Gelegenheit, etwas Neues bei jemandem zu beginnen, der selbst gerade neu anfängt. Die extrem schlanke, hochgewachsene Ballerina wurde vom Fleck weg engagiert. Der designierte Ballettchef sah wohl nicht allein ihre Begabung, ihre unvermutete Kraft, die sie sich als Kunstturnerin erworben hat. Prisca Zeisel passt nicht allein wegen ihrer starken Technik, sondern dank ihrer enormen Bühnenpräsenz und ihres besonderen Aussehens perfekt in ein Ensemble, das bewusst auf sehr verschiedene Tänzerpersönlichkeiten setzt.

Man kann sie sich kaum vorstellen als kleines Mäderl, das mit eineinhalb Jahren, gerade dem Krabbelalter entwachsen, mit Kunstturnen beginnt. Vier ältere Brüder werden ihren Spaß gehabt haben an der biegsamen Kleinen. Und diese wird von ihnen früh gelernt haben, was es heißt, sich auch körperlich zu behaupten. Mit drei Jahren jedenfalls gewann Prisca Zeisel ihre erste Meisterschaft. Als sie elf war, brachte die Mutter, selbst früher Tänzerin, Prisca zum Ballett, wie später übrigens auch die beiden jüngeren Geschwister. Stark sein, das wollte, das musste Prisca Zeisel also von Kindesbeinen an. Dabei leicht, gelenkig und fix in den Reaktionen. Dass sie stark ist, das weiß sie. An der eigenen Stärke misst sie heute auch die Wahl ihrer Tanzpartner. Nicht wenige, unter ihnen tolle Tänzer, schließt sie von vorn herein kategorisch aus: zu klein, zu schwach. Solche Gewissheit zeugt von Selbstbewusstsein und der Fähigkeit, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Und so hat sie wohl schon bald gemerkt, dass Wien ihr nicht genügte. Was sie an der Ballettschule der Wiener Staatsoper, der heutigen Ballettakademie, gelernt hatte, reichte wohl für ihr frühes Engagement mit 15 beim Wiener Staatsballett. Aber den gewünschten Schliff, den erwarb sie in Monte-Carlo und in Cannes an der nach der Ausbilderinnenlegende Rosella Hightower benannten Ballettschule.

Die unerschütterliche Technik, die Prisca Zeisel mit den Jahren erwarb, half ihr dann sicherlich auch bei einer der anspruchsvollsten Rollen der Ballettliteratur, der Myrtha, im romantischen Ballett "Giselle". Die Wilis-Königin war heuer Prisca Zeisels faszinierendstes Rollendebüt. Sie schlug einen sofort in ihren Bann. Mit gläsern-unnahbarer Schönheit herrscht sie gnadenlos über die von ihren Liebsten verratenen Bräute, die als Untote auf ihr Geheiß untreue Männer zu Tode tanzen.

Schon davor aber bestrickte sie, da war sie noch Halbsolistin, als Aegina. Das sei die bisher tollste Rolle für ihre Entwicklung gewesen, schwärmt sie: "Da konnte ich eine andere Seite von mir zeigen." Zeisel mag es, die verborgenen Seiten in sich auszuspielen. Sie wechselte ja vom Kunstturnen zum Ballett, weil sie sich über eine Rolle ausdrücken und etwas erzählen will. Und sie weiß: "Die Bösen haben's besser." In der kommenden Spielzeit jedenfalls tanzt Prisca Zeisel wahrscheinlich ihre erste "weiche" Rolle, wie sie das nennt: die Julia. Sie wird gut hineinpassen in John Crankos dramatische Inszenierung. Da wird sie das Ungestüm der ersten großen Liebe tanzen - diesmal nicht als fußflinke Klischeefigur, sondern als ein junges Mädchen einer facettenreichen, zutiefst menschlichen Tragödie. Und dann, in Igor Zelenskys dritter Spielzeit am Bayerischen Staatsballett, wenn etwa David LaChapelle oder Wayne McGregor endlich Zeitgenössisches in den Spielplan bringen, ja dann wird Prisca Zeisel sicherlich als moderne Tänzerin bisher noch nicht gesehene Seiten ausspielen. Man freut sich schon jetzt darauf.