Autobiografie von Zlatan Ibrahimovic Doppelpass mit dem Rüpel

"Jag är Zlatan" ("Ich bin Zlatan") heißt die Autobiografie des Fußballspielers Ibrahimovic, die im letzten Jahr zu einem der größten Erfolge in der Geschichte des schwedischen Buchhandels wurde. Dahinter stecken ein unglaublicher Aufstieg und der Co-Autor David Lagercrantz.

Von Thomas Steinfeld

Vor knapp einem Jahr, im November 2011, veröffentlichte Bonniers, der größte schwedische Verlag (und ein sehr alter), die Autobiografie des Fußballspielers Zlatan Ibrahimovic, des Stürmers, der am Dienstagabend das Spiel gegen Deutschland nach sechzig Minuten drehte und seine Mannschaft im letzten Augenblick immerhin zu einem Unentschieden führte. Bis Weihnachten desselben Jahres wurden von "Jag är Zlatan" ("Ich bin Zlatan") eine halbe Million Exemplare verkauft, das Buch wurde zu einem der größten Erfolge in der Geschichte des schwedischen Buchhandels. Das lag nicht nur an Zlatan Ibrahimovic, an seinen sportlichen Erfolgen und an der erstaunlichen Offenheit, die er in diesem Werk an den Tag legte, sondern auch an seinem Co-Autor, dem Journalisten und Schriftsteller David Lagercrantz.

Zlatan Ibrahimovic, Sohn eines bosnischen Vaters und einer kroatischen Mutter, wuchs in Rosengård auf, einem Stadtteil von Malmö, in dem nur gewaltige Mietskasernen stehen und der Anteil der Immigranten und deren Kinder bei fast neunzig Prozent liegt. David Lagercrantz dagegen ist Schriftsteller, er hat drei Biografien und fünf Romane (darunter einen über Alan Turing, eine der Gründerfiguren der elektronischen Datenverarbeitung) geschrieben.

Vor allem aber gehört er zur schwedischen Kulturaristokratie - weniger, weil er einer adligen Familie entstammt, sondern vor allem, weil sein Vater Olof Lagercrantz ist, der Biograf August Strindbergs und der berühmteste Kulturjournalist, den Schweden je hervorgebracht hat. Und der schwedische Kulturbetrieb ist, in großen und gerade in seinen innersten Teilen, dynastisch verfasst. In Gestalt von Zlatan Ibrahimovic und David Lagercrantz trafen, was die einheimischen Rezensenten sofort bemerkten, nicht nur einander ferne Welten, sondern auch Klassen aufeinander. Das Überraschende war: Sie konnten miteinander umgehen, und die Wirkung dieser Begegnung wirkt fort bis auf den heutigen Tag.

Hätte diese Autobiografie nur die Geschichte eines sozialen Aufstiegs enthalten, hätte sie also nur den Weg eines armen Einwandererkindes aus dem Elendsviertel zu einem der berühmtesten (und reichsten) Sportler der Welt geschildert, wäre diese Verbindung von Unterschicht und Aristokratie nicht notwendig gewesen. Zudem scheint Zlatan Ibrahimovic, auf dem Fußballplatz wie bei anderen öffentlichen Gelegenheiten, kein angenehmer Mensch zu sein: Er protzt und beleidigt, er ist unkollegial und nachtragend, er kennt keinen Anstand und keine Vorgesetzten, er benutzt jede Gelegenheit, um den Propagandisten seiner selbst zu geben.

Als Gegner

Er tritt zuweilen auf, als wäre er noch immer ein Schläger auf dem Schulhof - also einer, der Streit sucht, weil es ihm vor allem darum geht, vor sich selbst und allen anderen als der prinzipiell Überlegene aufzutreten. Das Merkwürdige ist, dass ihm zumindest in seinem Heimatland niemand dieses Verhalten wirklich übel nimmt. Im Gegenteil, er wird deswegen respektiert. Dazu hat die Autobiografie beigetragen, und das hat sehr viel damit zu tun, dass beiden Autoren der Lebensweg durch ihre Klasse vorgezeichnet war.

Denn in dieser oft vulgären Gestalt lebt ein Motiv fort, das das große Publikum zwar nicht mehr in seinem Ursprung kennt, das aber nach wie vor lebendig ist: das Motiv des jungen Eugène de Rastignac, der am Ende des Romans "Vater Goriot" von Honoré de Balzac über die im Dämmerlicht liegende Stadt schaut und zu Paris sagt: "À nous deux, maintenant" - "Jetzt wollen du und ich uns messen." Dabei ist sein wahrer Adressat selbstverständlich nicht die Stadt, nicht der Adel, nicht das reiche Bürgertum und nicht die schönen Frauen, sondern die Masse, das riesenhafte, anonyme Publikum, das erst durch die modernen Medien entsteht.

Ihm tritt er nicht als Opportunist entgegen, nicht als Kandidat der guten Gelegenheiten, sondern als Gegner. Und je mehr er sich deswegen verkauft, in seinen demütigenden Wanderschaften von Verein zu Verein, für größere und kleinere "Ablösesummen", und je weniger er sich dabei selber schont, desto mehr erscheint der Respekt der anderen als sein eigentliches Anliegen. Das Buch hat ihm bei der Verfolgung dieses Ideals sehr geholfen. Und weil David Lagercrantz das weiß, sprach er bei der Veröffentlichung des Buches von einem "Bedürfnis nach Vergeltung", das aus dem Bewusstsein der Klassenzugehörigkeit entstehe. Er meinte damit vermutlich nicht nur seinen Helden.