Autobiographie von Bahman Nirumand Ulrike Meinhofs Freund

Schah, Berlin an der Seite von Rudi Dutschke, Islamische Revolution - und wieder zurück. Bahman Nirumand ist ein Wandler zwischen Orient und Okzident. Meistens nicht ganz freiwillig. Neben seinem Leben in Teheran als Sohn des Ersten Adjutanten von Reza Pahlavi und als kurzzeitiger Mitstreiter von Chomeini gewann Nirumand eine weitere, wahre Heimat: die 68er-Bewegung.

Von Rudolph Chimelli

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der seit fast einem Menschenalter an seinen drei Vaterländern leidet. Das erste, die persische Monarchie, ist untergegangen, und Bahman Nirumand erklärt sehr gut, warum. Schon in seinem ersten Buch "Persien, Modell eines Entwicklungslandes", hatte er vor 44 Jahren ausführlich die Zerstörung der Wirtschaft und Gesellschaft Irans durch die Überschreibung des Erdöls an ausländische Nutzer, den unkritischen Import westlicher Denkmoden und Verhaltensmuster durch den Schah und die Auslöschung der demokratischen Opposition durch die Geheimpolizei Savak dargestellt. Jetzt schildert er, wie er diese Zeit als Heranwachsender erlebte.

Sein Vater war Erster Adjutant des Schahs und musste ihm jederzeit zur Verfügung stehen. Die Familie wohnte in unmittelbarer Nähe des Palastes. Dennoch stand tags und nachts ein Wagen mit laufendem Motor vor dem Haus, damit der Vater in einer Minute beim Herrscher sein konnte.

Gegenüber wohnte Mohammed Mossadegh, der später als Premierminister das Erdöl verstaatlichte und danach durch einen CIA-Putsch gestürzt wurde. Da die Leistungen des jungen Bahman in der Schule blamabel waren, wurde er schon mit 14 Jahren zur Ausbildung nach Deutschland geschickt, das er heute besser kennt, als viele Deutsche es kennen wollen.

Vor der Abreise hatte er von reich geschmückten Schaufenstern, breiten Alleen, Parks und Waldwegen geträumt. Er landete im Stuttgart der frühen fünfziger Jahre, das noch vom Krieg zerstört war und wo alemannische Sparsamkeit den Alltag regelte.

Bei dem Ehepaar, wo er durch Vermittlung von Verwandten unterkam, wurden zum Mittagessen drei Stücke Fleisch, Salzkartoffeln und Gemüse aufgetragen. Als unerwartet der Bruder der Hausfrau erschien, hätte es für ihn kein Fleisch gegeben, wenn nicht Bahman ihm die Hälfte seiner Portion abgetreten hätte. Der Bruder hinterlegte einen Essensbeitrag von zwei Mark.

Spur von Kälte

Obwohl er später ganz andere Erfahrungen machte, hinterließ dieses prägende Erlebnis bei dem Perser den Eindruck einer Spur von Kälte in den Familienbeziehungen, unter Freunden oder in der Ehe.

Im Internat lernte Nirumand schnell Deutsch, nicht zuletzt indem er den Faust auswendig lernte. Er bewunderte Ordnung, Disziplin, handwerkliche Fähigkeiten der Deutschen und staunte über ihre politische Gleichgültigkeit.

Nur sein Mitschüler Freimut Duve interessierte sich wie er für Politik. Bis heute ist dem Autor der erhobene Zeigefinger eine symbolische Geste. Als er einmal Ersatz für einen verlorenen Führerschein beantragte, hielt ihm der Beamte vor: "Schriftsteller wollen Sie sein. Bahman schreibt man mit zwei n."

Sein Germanistikstudium verschaffte ihm nach einer ersten Heimkehr eine Stelle als "Ortskraft" beim Teheraner Goethe-Institut. Da keiner der besser bezahlten deutschen Lehrer mit Enzensberger etwas anzufangen wusste, durfte Nirumand anlässlich eines Besuchs für ihn den Einführungsvortrag halten. Die beiden kamen sich schnell nahe, Enzensberger verhalf Nirumand zur Publikation seines ersten Buches.

Noch eine Heimat

Nirumand ging wieder nach Deutschland und hatte jetzt Erfolg. Die Studenten riefen "Ho, Ho, Ho Chi Minh, Mo, Mo, Mossadegh", wenn er ans Rednerpult trat. Neben seinen drei Vaterländern gewann Nirumand noch eine Heimat, die 68er-Bewegung.

Er kannte Rudi Dutschke, mit dem zusammen er einmal einen Mast des amerikanischen Soldatensenders AFN sprengen wollte, er war mit Ulrike Meinhof befreundet. Obwohl er sich von der radikalisierten APO organisatorisch und ideologisch trennte, blieb er bis heute ihrer kapitalismuskritischen Weltsicht treu. So nennt er die Leute "Frömmler", die Dutschke verprügelten, als dieser während des Weihnachtsgottesdienstes in der Gedächtniskirche die Kanzel bestieg und gegen den Vietnamkrieg agitierte. Dass viele Berliner Gründe hatten, sich mit den Amerikanern zu solidarisieren, fiel ihm nicht auf.

Wenige Tage vor der Revolution kehrte Nirumand nach Teheran zurück, voller Hoffnung und Optimismus, das neue Vaterland werde das wahre sein. Wie viele Linke und Laizisten glaubte er, Ayatollah Chomeini sei die Lokomotive für den Zug gewesen, den jetzt sie abfahren lassen würden. Doch alles kam anders. Über die pakistanische Grenze kroch er aus der Islamischen Republik abermals ins deutsche Exil. Von den vielen Analysen des Buches ist jene über die Unterschiede von Musik, Architektur, Kunst und Literatur in Orient und Okzident die interessanteste. Allein sie lohnt die Lektüre.

BAHMAN NIRUMAND: Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste. Rowohlt, Reinbek 2011. 381 Seiten, 19,95 Euro.

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