Ausstellungen und Auszeichnungen Lucky Luke wird sterben

Das größte europäische Comic-Festival diskutierte über Sexismus - und feierte drei schon etwas betagte, wenn auch erstaunlich haltbare Meilensteine.

Von Heiner Lünstedt

Im vergangen Jahr fühlte sich das größte europäische Comicfestival durch den Anschlag auf Charlie Hebdo herausgefordert und stellte in Windeseile eine beeindruckende und dann schwer bewachte Schau zur Geschichte des Satiremagazins zusammen. Dieses Jahr war die Comic-Szene beim 43. Festival international de la Bande dessinée im französischen Angoulême wieder hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt: Schon vor Festivalbeginn war es zum Eklat gekommen, weil unter den 30 Künstlern und Autoren, die für den Grand Prix nominiert waren, keine einzige Frau zu finden war (SZ vom 13.1. und Interview in dieser Ausgabe). Dabei hätte es durchaus würdige Kandidatinnen gegeben: Marjane Satrapi zum Beispiel, Alison Bechdel oder auch Zeina Abirached.

Sexismus-Vorwürfe und Boykottaufrufe folgten, einige Comic-Zeichner, die auf der Liste standen, wie Riad Sattouf ("Der Araber von morgen") oder Joann Sfar ("Die Katze des Rabbiners") zogen sich vom Wettbewerb zurück. Am Ende beschlossen die Festivalveranstalter, dass jeder Abstimmende frei von Vorab-Nominierungen einen Favoriten nennen kann. Um den Druck aus der Preisverleihung zu nehmen, wurde der Gewinner außerdem bereits vorzeitig bekannt gegeben: Es ist der Belgier Hermann Huppen, der seit Mitte der sechziger Jahre als "Hermann" kunstvoll Abenteuer-Comicserien wie "Andy Morgan", "Comanche" oder "Jeremiah" zeichnet.

Morris, Hugo Pratt und Katsuhiro Otomo: im Zentrum des Festivals standen Männer

Einen so klangvollen Namen wie mancher seiner Vorgänger hat der Belgier nicht - aber verdient hat der 1938 geborene Zeichner den Preis allemal. Allerdings wirkt seine Wahl nun wie eine unfreiwillige Bestätigung des Vorwurfs, die Comic-Szene sei ein Männerclub. Und sie fügt sich auch bestens in die diesjährige eher rückwärtsgewandte Ausrichtung des Festivals: Es wurden nämlich vor allem drei schon etwas betagte, wenn auch erstaunlich haltbare Comic-Meilensteine gefeiert.

Die vielen kleineren Ausstellungen wurden überstrahlt von der großen Werkschau "L'Art de Morris". Die Western-Parodie "Lucky Luke" des als Morris bekannten Belgiers Maurice de Bevere (1923-2001) wirkt auch nach 70 Jahren dank ihrer gekonnt karikierten Typen sehr frisch. Neben der aktuell von Hervé Darmenton alias Achdé im klassischen Look werkgetreu weitergeführten Serie versucht sich auch Matthieu Bonhomme an "Lucky Luke". Sein eher realistischer Zeichenstil scheint auf den ersten Blick nicht zur stark karikierenden Darstellung des Wilden Westen zu passen, die ihren Höhepunkt feierte, als der große René Goscinny neben Asterix auch noch "Lucky Luke" textete. Bonhomme hat allerdings zuvor schon mit der Western-Serie "Texas Cowboys" bewiesen, dass realistische Zeichnungen und skurriler Humor kein Widerspruch sein müssen. Im April erscheint nun der von Bonhomme realisierte Comic "L' homme qui tua Lucky Luke", der vom Tod der eigentlich unsterblichen Figur handelt. Die auf dem Festival gezeigten ersten Seiten sehen vielversprechend aus. Doch wichtiger noch ist die bis zum 18. September im "Cité internationale de la bande dessinée" gezeigte Ausstellung mit weit über hundert thematisch gegliederten Originalzeichnungen von Morris. Hier überrascht immer wieder die Dynamik der Zeichnungen des immer etwas im Schatten seiner Kollegen André Franquin und Albert Uderzo stehenden Comic-Künstlers. Der zur Ausstellung erschienene Katalog zeigt durch vergrößerte Abbildungen, dass die Wirkung einzelner Panels von Morris der immer wieder gerne gefeierten "klaren Linie" von Hergés "Tim und Struppi" in nichts nachsteht.

Ein weiteres großes Thema des Festivals ist "Corto Maltese", der melancholische Seemann, den der Italiener Hugo Pratt erstmals 1967 zu Papier brachte. Diese Figur ist in Angoulême ohnehin omnipräsent, viele Hausfassaden wurden mit dem hageren Mann mit der weißen Kapitänsmütze bemalt. Die in Angoulême gezeigte Ausstellung macht noch einmal deutlich, dass es weniger die oft etwas kompliziert erzählten Geschichten sind, die den Reiz der Comic-Reihe ausmachen, sondern vielmehr die Meisterschaft des bildenden Künstlers Hugo Pratt, eines Virtuosen der schwarz-weißen Zeichenkunst. Er ist dort am besten, wo auf den ersten Blick nur wenige Linien zu sehen sind, die sich dann aber zu kleinen Geschichten innerhalb der epischen Erzählungen zusammenfügen. Doch auch als Aquarellkünstler ist Pratt einzigartig. Viele seiner ausgestellten Bilder brauchen keine Konturen, denn die wild angeordneten Farbflächen fügen sich wie von selbst zu abenteuerlichen Welten zusammen. Die Hugo-Pratt-Ausstellung ist keine reine Retrospektive: Obwohl der Künstler 1995 verstorben ist, lebt seine bekannteste Schöpfung weiter. Aktuell ist in Frankreich gerade ein neuer Comic mit Corto Maltese erschienen, der von zwei Spaniern realisiert wurde. Die Geschichte stammt von Juan Diaz Canales ("Blacksad") und die auch in Angoulême ausgestellten Zeichnungen von Ruben Pellejero ("Dieter Lumpen"). "Unter der Mitternachtssonne" wird bei uns im März bei Schreiber & Leser erscheinen.

Unter den Preisträgern ist eine einzige Frau: G. Willow Wilson wurde für die beste Serie prämiert

Das dritte große Thema des Festivals war der Japaner Katsuhiro Otomo, der im letzten Jahr zum Festival-Präsidenten gekürt wurde. Otomo war persönlich anwesend und stieg auch gerne auf das markante rote futuristische Motorrad seiner 1982 gestarteten Erfolgsserie "Akira". Flankiert von einem aufwendigen Zeichentrickfilm, machte dieser Comic seinerzeit den Manga im Westen salonfähig. Anders als es heute bei der Veröffentlichung japanischer Comics üblich ist, wurde damals die epische futuristische Geschichte in die westliche Leserichtung ummontiert und zudem aufwendig per Computer koloriert. Ähnlich wie bei Pratt, ist es auch bei Otomo die Optik, die fesselt. Davon zeugt die in Angoulême gezeigte Ausstellung "Tribute to Otomo", für die internationale Comic-Künstler wie Matthieu Bonhomme, Manuele Fior, Liberatore, Stan Sakai oder Jiro Taniguchi markante Momente aus "Akira" nachstellten. Schade nur, dass Katsuhiro Otomo zur Ausstellung nur ein Motiv beisteuerte und als Festival-Präsident nicht wie sonst üblich mit einer Werkschau geehrt wurde. Doch sein an klassische japanische Tuschmalerei erinnerndes Plakatmotiv, mit einer Berglandschaft voller bekannter Comicfiguren, konnte durchaus gefallen.

Nach so viel männlicher Dominanz wurden auch bei der Vergabe der Preise in Angoulême wieder vor allem Männer ausgezeichnet. Als Album des Jahres wurde Richard McGuires "Hier" prämiert. Hermann Huppen ist aAls Grand-Prix-Gewinner auch der Festivalpräsident im nächsten Jahr. Bemerkenswert ist, dass der "Prix du patrimoine" an die beim französischen Verlag "Vraoum Editions" erschienene Gesamtausgabe des deutschen Klassikers "Vater und Sohn" von e. o. plauen ging - ein Indiz für die zunehmend internationale Ausrichtung des Festivals. Mit der Prämierung von "Ms. Marvel" als beste Serie wurde dann aber doch noch eine Comic-Künstlerin ausgezeichnet: Die Superhelden-Reihe aus dem Hause Marvel schrieb die an der Universität zum Islam konvertierte US-Autorin G. Willow Wilson. Sie erzählt von einem muslimischen Mädchen, das sich immer mal wieder in ein langbeiniges blondes All-American-Modell mit Superkräften verwandelt.