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Ulli Lust:Raus aus dem Männerclub

Uschi Lust

Ulli Lust, 1967 in Wien geboren, lebt und zeichnet Comics in Berlin. Zu ihren Büchern zählen "Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens" (2009) und "Flughunde" (2013). Außerdem unterrichtet sie an der Hochschule Hannover.

(Foto: privat)

Die Zeichnerin über die Frage, ob die Comic-Szene eine Männerdomäne ist.

Ist die Comic-Szene ein Männerklub? Vor dem Beginn des Festivals im französischen Angoulême wurde darüber heftig gestritten, weil auf der Liste der Künstler, die für den Grand Prix für das Lebenswerk nominiert waren, keine einzige Frau zu finden war. Die SZ hat mit der Comic-Zeichnerin Ulli Lust ("Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens", "Flughunde") über ihre Erfahrungen gesprochen.

SZ: Was sagen Sie - ist die Comic-Szene ein Machomilieu?

Ulli Lust: Ich fühle mich keineswegs benachteiligt als Frau. Der Comic ist ein junges Geschäft, das lange eine reine Domäne der Männer war. Deshalb gibt es noch nicht so viele Frauen, die für einen Preis für ihr Lebenswerk infrage kommen.

Was ist etwa mit Marjane Satrapi?

Das war tatsächlich ein bisschen ungeschickt, dass Marjane Satrapi nicht nominiert war.

Hatten die Festivalveranstalter nur wenig Fingerspitzengefühl, oder ist mehr dran an diesem Vorwurf?

Die Debatte über die Nominierungen war eine gute Gelegenheit, auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen. Es ist ja immer noch so, dass männliche Verleger überwiegend Geschichten aussuchen, die männliche Leser interessieren. Da kommen Autorinnen nicht so zum Zuge. Durch die Graphic Novels ändert sich das allerdings. Genre-Comics werden überwiegend von Männern gekauft. Aber bei Graphic Novels gibt es einen hohen Frauenanteil, unter den Lesern wie bei den Autoren. Es gibt heute viele Erzählerinnen. Denken Sie nur an eben Marjane Satrapi und ihr "Persepolis". In zehn bis 15 Jahren ist das Verhältnis zwischen Comic-Künstlern und Comic-Künstlerinnen vielleicht ausgeglichen - oder wir werden die gleiche Diskussion, wie wir sie gerade in Verbindung mit der Nominierungsliste geführt haben, noch einmal führen müssen.

Was sind Ihre eigenen Erfahrungen im Comic-Geschäft?

Ich habe sehr gute gemacht. Gerade von Frauen bekomme ich oft ein sehr herzliches Feedback.

Aber wie ist es mit den Verlegern?

Es gab Vorurteile am Anfang. Am Anfang musste ich kämpfen. Vielleicht weil die Art zu zeichnen den Herren nicht so lag.

Gibt es Ihrer Meinung nach so etwas wie einen weiblichen Strich?

Es wäre gemein zu sagen, dass Frauen weniger experimentierfreudig seien. Dass bei ihnen formale Experimente weniger im Vordergrund stünden. Und es stimmt ja auch oft nicht, wenn man etwa an Anke Feuchtenberger und ihre Studenten an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg denkt. Es gibt überhaupt gerade wahnsinnig viele Studentinnen, die Comics machen wollen.

Ist die Comic-Szene also gerade im Umbruch?

Vor vielleicht zehn bis 15 Jahren hat das angefangen: Ja - es findet gerade ein Paradigmenwechsel statt.

© SZ vom 03.02.2016
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