Ausstellung Der Tastsinn der Fragen

Pina Bausch wurde mit ihrer Erneuerung des Tanztheaters zu einer maßgeblichen Figur in der internationalen Szene. Eine erste große Ausstellung widmet sich dem gigantischen Kosmos ihrer Arbeit.

Von Eva-Elisabeth Fischer

Das kann ja nicht so schwer sein: Lächelnd in einer Schlangenlinie durch den Raum schreiten und dabei irgendetwas mit den Armen machen. "Finger senkrecht stellen. Nicht mit dem rechten Arm über den linken schwingen! Arme gerade vor den Körper, Fäuste nach innen und zittern!" Die Bewegungen müssen exakt sein und sich zu einem exakt getimten, fließenden Bewegungsablauf fügen. Leicht ist das nicht. Jo Ann Endicott, schlank, 66 Jahre alt, kam 1973 als eine der ersten Tänzerinnen, damals ein graziöser Pummel, zu Pina Bausch. Jetzt übt sie mit einer Gruppe von Museumsbesucherinnen und -besuchern einen Hand- und Armtanz aus Bauschs Tanztheaterstück "Nelken". Am Ende einer halben Stunde und der wackeligen Probe aufs Exempel lässt sich anhand eines Filmausschnitts von der Originalbesetzung aus dem Jahr 1982 überprüfen, wie die Polonaise eigentlich aussehen sollte.

Die Schauspielerin Mechthild Großmann, sie kam 1976 zum Tanztheater, hat zur Eröffnung der ersten Pina-Bausch-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn die Rede Pina Bauschs anlässlich der Verleihung des Kyoto-Preises 2007 verlesen. Darin sagte sie: "Es geht darum, etwas zu finden, was keiner Frage bedarf." Diesen Satz kann man auch in der Ausstellung lesen. Und in dem Buch "O-Ton Pina Bausch. Interviews und Reden", das anlässlich der Ausstellung beim Nimbus-Verlag erschienen ist.

Herzstück des Parcours ist die detailgetreue Rekonstruktion der Lichtburg

Pina Bauschs Technik, ihre Stücke auf der Basis von Fragen an die Tänzer in Tanz- und Spielszenen zu collagieren, entwickelte sie in den Siebzigerjahren als neue Form, um innere Bewegung sichtbar zu machen. Sie knüpfte damit an den Ausdruckstanz an, der im Nationalsozialismus durch Protagonisten wie Rudolf von Laban und Mary Wigman, die sich dem System angebiedert hatten, in Misskredit gekommen war. Auch Bauschs Lehrer an der Folkwangschule Kurt Jooss, dem Schöpfer des bis heute markantesten Antikriegsstücks "Der Grüne Tisch", war es nicht gelungen, den Ausdruckstanz nach dem Krieg zu rehabilitieren. Pina Bausch aber fragte ihre Tänzer nach den kleinsten Dingen, die sie mit jedem Stück zu einem neuen Puzzle fügte, in dem etwas davon sichtbar werden sollte, was alle Menschen verbindet.

Auch die Jungen sollen verstehen, was besonders ist am Tanztheater. So können sie ein wesentliches Stück Kultur begreifen, das sich von der Unverbindlichkeit des Balletts in der Nachkriegszeit radikal verabschiedete. Denn es schaute sehr genau auf den Menschen und auf seine Beziehungen. Deshalb ist die Bonner Ausstellung didaktisch angelegt und richtet sich auch an Schulklassen.

Beim Tanztheater wird wie im Ballett jedes Stück von Körper zu Körper weitergereicht. Und weil Menschen, die Pina Bauschs Stücke niemals gesehen haben, diese nicht nur in Video-Ausschnitten genießen, sondern sogar am eigenen Leib erfühlen sollen, um so zu erfahren, was es mit den oftmals komischen, herzergreifenden, immer wieder auch brutalen Szenen auf sich hat, darum sind hier täglich für die Dauer der Ausstellung Tänzerinnen und Tänzer des Tanztheaters Wuppertal präsent, um die Besucherinnen und Besucher in Warm-ups und Workshops zu unterweisen.

Herzstück des Parcours ist die detailgetreue Rekonstruktion der Lichtburg, jenes Kinos aus den 50er-Jahren, das Pina Bausch und ihrem Tanztheater als Probenraum diente. Hier findet man die Kleiderständer mit Marion Citos Kostümen, die schwarzen Stühle wie das Yamaha-Klavier. Die Stangen, die Spiegel, alles ist da. Aber keine Patina, nirgends. Kein Schmutzschleier auf den Spiegeln, keine überquellenden Aschenbecher und verstreuten Fast-Food-Packungen. Und deshalb auch keine Geruchsmelange aus Junkfood, abgestandenem Kaffee und kaltem Zigarettenrauch. Jo Ann Endicott betrachtet den nagelneuen Tanzboden und hofft, dass wenigstens dieser allmählich Schlieren aufweisen wird.

7 500 Videos lagern bei genau 18,5 Grad in Stahlschränken

In der nachgebauten Lichtburg geschieht das Kleine. Im Eingangsbereich der Ausstellung empfängt einen das Große. In der riesigen, raumfüllenden Projektion von Peter Pabsts Aquarium voller bunter Fische entdeckt man rechts unten Pina Bausch im schwarzen Kleid mit weit ausgreifenden Bewegungen. Das Video zeigt in einer Dauerschleife ihr Solo aus "Danzon" (1995), dem ersten Stück nach "Café Müller" (1978). Zwischen den beiden Tänzen lagen also 17 Jahre, eine lange Zeit für jemanden wie sie, die eigentlich ihr Leben lang nichts dringlicher wollte als tanzen.

Umrundet man die rekonstruierte Lichtburg, passiert man Biografisches, Privates und Zeugnisse ihrer Arbeit und landet schließlich im monumentalen letzten Raum, wo man Platz nehmen kann und sich verlieren in fünf überdimensionalen, parallel geschalteten Film- und Videoprojektionen - alt gegen neu, identische Szenen, jedoch in verschiedenen Besetzungen.

Zu den drei Kuratoren der Ausstellung gehört neben Miriam Leysner und Rein Wolfs auch Pina Bauschs Sohn Salomon, der sich die Bausch-Stiftung zur Lebensaufgabe gemacht hat. Dort wird alles, was sich an Material zwischen dem Ende der Fünfzigerjahre und Bausch Tod im Juli 2009 angesammelt hat, sortiert, digitalisiert und archiviert. Es sind ungeheure Mengen. Bausch ließ jede Aufführung aufzeichnen, 100 000 Fotos aus ihrem eigenen Bestand werden um weitere 200 000 der Hausfotografin Ulli Weiss ergänzt, 7500 Videos lagern bei genau 18,5 Grad in Stahlschränken. Aussagen von Tänzern über ihre Arbeit, die in der Zeit von 1973 bis 2009 dem Tanztheater angehörten, werden im Rahmen eines Projekts gespeichert.

All das, was in Bonn ausgestellt wird, ist also nur ein winziger Ausschnitt aus dem Kosmos dieser Tanztheater-Dokumentation. Und er gibt doch einen tiefen Einblick in eine Kunst, die direkt ins Herz zielt und noch längst nicht ausgelotet ist. Die Ausstellung entlässt einen tief berührt von viel ergreifender Schönheit und einer Ahnung dessen, was keiner Fragen bedarf.

Pina Bausch und das Tanztheater. Bundeskunsthalle Bonn. Bis zum 24. Juli, Programm in der Lichtburg über www.bundeskunsthalle.de.