"Atomic Blonde" im Kino Der Mauerfall als Softporno

Lorraine Broughton (Theron) trifft auf die verführerische Agentin Delphine (Sofia Boutella), die zu ihrer Geliebten wird und viel in Unterwäsche herumläuft.

(Foto: Jonathan Prime/Universal Pictures/dpa)

Unter blauem Neonlicht steigt die Agentin in ein Bad aus Eiswürfeln: "Atomic Blonde" mit Charlize Theron zeichnet sich durch wenig subtile Erotik aus - und durch einen unfassbar blöden Plot.

Von Juliane Liebert

Man fragt sich schon, warum Filmstudios, wenn sie Millionen für so einen Film ausgeben, nicht nach Vollendung des Drehbuchs einem Grundschüler fünf Dollar in die Hand drücken, damit er das Drehbuch auf Logikfehler durchsieht. Im Falle von David Leitchs "Atomic Blonde" wäre das eine sehr lohnenswerte Investition gewesen: Der blöde Plot ergibt nämlich vorn und hinten keinen Sinn.

Dabei fängt es gut an. In blaurotes Neonlicht getaucht, badet Lorraine Broughton (Charlize Theron) in einer Wanne voller Eiswürfel. Ihr nackter Körper ist von Verletzungen marmoriert. Allein die Vorstellung so eines Eisbades lässt einen erschaudern, wie die Wunden da hingekommen sind, noch viel mehr. Die Dame ist Agentin.

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Ins Berlin zur Zeit des Mauerfalls geschickt, sorgt sie sich viel um ihr Outfit und ermordet ansonsten brutal feindliche und nicht ganz so feindliche Agenten. Die Ziele ihrer Einsätze stehen auf einer Liste, die in ihrer Armbanduhr verborgen ist. Sie enthält die Namen aller aktiven Agenten in der UdSSR und wurde ihrem Kollegen und ehemaligen Liebhaber abgenommen (ehemalig, da tot). Dass er ihr Liebhaber war, erkennt man daran, dass sie ein gemeinsames Foto mit ihm verbrennt, als sie von seinem Tod erfährt. Man verbrennt bekanntlich nur Fotos von Leuten, mit denen man was hatte. Subtil, nicht wahr?

Jedenfalls stellt sich relativ bald heraus, dass ihr Verbündeter in Berlin, David Percival (James McAvoy), ein falsches Spiel mit ihr treibt. Statt ihm daraufhin den Mittelfinger zu zeigen, sieht sie ihn weiterhin als Freund, begibt sich mit ihm auf gefährliche Missionen und glaubt ihm, als er auf einmal in der Mitte des Films erklärt, die Liste sei jetzt doch nicht so wichtig, denn wieder jemand anderes könne sie auswendig. Der mit der Kohärenz beauftragte Grundschüler hätte spätestens an dieser Stelle angefangen zu weinen. Und dann sind da noch die Russen und Til Schweiger als geheimnisvoller Uhrmacher. Wer ist Freund? Wer Feind? Wird die Mauer fallen oder bleibt sie diesmal stehen? Passen die Blutspritzer zum Lippenstift?

Liefe "Atomic Blonde" unter "zweistündige gewalttätige Modestrecke, die so tut, als sei sie ein Thriller", es wäre ein Meisterwerk. Jedes Bild ist perfekt durchgestylt, Charlize lustwandelt durch die Stadt wie über einen Laufsteg. Ob sie einen Gegner mit einem Stiletto ausschaltet oder ihm einen Schlüssel in die Wange rammt, sie tut es mit Eleganz und ohne Gnade. Insofern wär es gar nicht schlimm, dass man als Zuschauer nicht genau weiß, wer Freund und wer Feind ist, und wieso. Aber es wäre doch schön, wenn man den Eindruck hätte, zumindest der Regisseur wüsste es. Der war aber offenbar in Gedanken woanders. Denn da gibt es noch eine französische Spionin namens Delphine Lasalle (Sofia Boutella). Sie ist in Berlin, um ein bisschen erotische Spannung in den Film zu bringen und davon abzulenken, dass die Handlung sich selbst stranguliert. In der Comicvorlage zum Film - "The Coldest City" - war sie ein Mann. Hier ist sie die Geliebte unserer blonden Agentin und läuft viel in Unterwäsche herum.

Das Ende ist dann so albern, dass es fast als Selbstparodie durchgeht. Ist Lorraine, wer sie zu sein scheint? Oder etwa eine Dreifachagentin? Vierfachagentin? Wen interessiert's . . . "Atomic Blonde" ist ein Film wie ein Bad in einer Wanne voller Eiswürfel: Sieht schöner aus, als es sich vermutlich anfühlt, und ist garantiert nicht gesund.

Atomic Blonde, USA 2017 - Regie: David Leitch. Buch: Kurt Johnstad. Kamera: Jonathan Sela. Mit: Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman. Universal, 115 Minuten.

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